Schluss mit Hass und Fake News Was kann ein neuer europäischer TV-Sender für LGBTI* bringen?
Bereits seit einigen Monaten diskutieren Bürger in der EU-Zukunftskonferenz darüber, wie die Zukunft Europas aussehen könnte – ein neuer Aspekt könnte sich gerade für die Akzeptanz von LGBTI*-Lebensweisen als sehr positiv herausstellen. Die Rede ist von einem neuen europäischen Fernsehsender, der gezielt die Werte der Europäischen Union in ganz Europa medienwirksam vertreten soll. Darunter gerade auch Themen rund um Menschenrechte, Gleichberechtigung und eben auch Rechte für LGBTI*. Ein spannendes Unterfangen, gerade auch mit Blick auf Länder wie Ungarn und Polen, die seit Jahren alles versuchen, um die Rechte und die Sichtbarkeit von queeren Menschen herabzusetzen oder gar gänzlich unsichtbar zu machen.
Die Idee ist geboren und wird in diesen Tagen mit Spannung diskutiert, gerade auch in Anbetracht der neusten Entwicklungen in Großbritannien, wo Premierminister Boris Johnson die staatlichen Subventionen (ähnlich den deutschen GEZ-Gebühren) der BBC bis 2027 komplett streichen lassen will. Hintergrund der Aktion ist die Tatsache, dass für Johnson die BBC seit langem ein Dorn im Auge ist, da der britische Kultsender unabhängig berichtet – so auch aktuell über die Partys, die Johnson mitten während den Pandemie-Lockdowns abgehalten hat. Die BBC legt größten Wert darauf, neutral zu berichten - eine Tatsache, die in Zeiten von Fake News wichtiger denn je sind, aber tatsächlich auch innerhalb der britischen LGBTI*-Community teilweise auf Widerstand stößt. So berichtete die BBC immer wieder auch sachlich über trans-Personen und Themen, wobei sich der Fernsehsender den Vorwurf von trans-Aktivisten gefallen lassen musste, nicht eindeutig „pro trans“ zu berichten.
Mag der Fall der BBC ein streitbarer Punkt sein, so zeigt er aber trotzdem auf, wie wichtig es gerade auch für die LGBTI*-Community ist, dass unabhängige Fernsehanstalten überhaupt über queere Menschen berichten und so für Sichtbarkeit und mehr Akzeptanz sorgen. So war es auch nicht verwunderlich, dass die AfD die Abschaffung der britischen Rundfunkgebühren begrüßte und ihre Forderung unterstrich, dies in Deutschland auch zu tun. Die unabhängigen TV-Anstalten ARD und ZDF sollten einem neuen „Heimatfunk“ weichen. Wie ein solcher Heimatfunk aussehen könnte, sieht man beispielsweise schon heute in Polen – das erst im August 2021 verabschiedete neue Mediengesetz erlaubt es der Regierung, eine absolute Kontrolle darüber zu haben, was geschrieben und was künftig noch gesendet werden wird. Dank der homophoben PiS-Regierung dürfte da für LGBTI* gar kein Platz mehr sein. In Ungarn sind die klassischen Medien überwiegend sowieso bereits in Regierungshand.

Umso spannender klingt da nun die Idee eines neuen europäischen Fernsehsenders, der faktenbasiert auch über LGBTI*-Themen berichten würde. Noch können sich alle in den Dialog einbringen, wie auch Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, bekräftigt: „Im Mittelpunkt unserer Politik müssen stets die Menschen stehen. Ich wünsche mir daher, dass sich alle Menschen in Europa aktiv an der Konferenz zur Zukunft Europas beteiligen und so die Prioritäten der EU maßgeblich mitbestimmen. Denn nur gemeinsam können wir unser Europa von morgen gestalten.“
Die Konferenz soll bis zum Frühjahr 2022 Schlussfolgerungen mit Leitlinien für die Zukunft Europas erarbeiten - angeregt worden war die Konferenz übrigens vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der sich zuletzt im Januar abermals für queere Menschen eingesetzt hatte, in dem er Konversionstherapien künftig unter Androhung einer hohen Geldstrafe und Haft verbieten hatte lassen. Ob durch die Konferenz tatsächlich Reformen wie ein neuer Fernsehsender umgesetzt werden, ist noch offen. Wahrscheinlich ist, dass es auch hier zu einem Machtkampf innerhalb der EU-Mitglieder kommen dürfte, gerade dann, wenn die mögliche verstärkte Sichtbarkeit von queeren Lebenswelten klar werden dürfte.