Der international erfolgreiche nicht-binäre, pansexuelle DJ und Musikproduzent Felix Jaehn (32) hat nach einer längeren gesundheitlichen Auszeit wieder Freude an öffentlichen Auftritten gefunden. In einem Tagesspiegel-Interview sprach Jaehn, auch unter dem Namen Fee bekannt, über Depressionen, Panikattacken und den Druck der Musikindustrie. Dabei ging es auch um die eigene nicht-binäre Identität und den Umgang mit sexueller Orientierung.
Das Wichtigste im Überblick
- Comeback nach Klinikaufenthalt: DJ Felix Jaehn, auch Fee genannt, sagte 2024 wegen einer Depression sämtliche Auftritte ab und ließ sich in einer psychiatrischen Klinik behandeln. Inzwischen tritt Jaehn wieder regelmäßig auf.
- Panikattacken sollten geheim bleiben: Ein früherer Manager habe empfohlen, die psychischen Probleme gegenüber der Plattenfirma zu verschweigen, berichtet Jaehn.
- Hohe berufliche Belastung: Bis zu 100 Shows jährlich in rund 40 Ländern, ständige Reisen und fehlende Erholungszeiten hätten zur Überforderung beigetragen.
- Neues Verständnis der eigenen Gesundheit: Eine ADHS-Diagnose sowie Erkenntnisse über Hochsensitivität und Schwierigkeiten bei der Reizfilterung helfen Jaehn nach eigenen Angaben, den Alltag besser zu gestalten.
- Mehr künstlerische Freiheit: Nach früheren Konflikten mit Management und Plattenfirma will Jaehn künftig auch persönlichere und melancholische Musik veröffentlichen.
- Offener Umgang mit queerer Identität: Jaehn bezeichnet sich als nicht-binär und verwendet alle Pronomen. Die eigene sexuelle Orientierung beschreibt Fee heute unter anderem als pansexuell, queer oder schwul.
Rückkehr auf die Bühne
2024 hatte Jaehn sämtliche geplanten Shows abgesagt und sich wegen einer Depression selbst in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Inzwischen fühlt sich Fee nach eigenen Angaben wieder stabil. Im vergangenen Sommer habe Jaehn zunächst etwa fünf Auftritte absolviert, um herauszufinden, ob eine Rückkehr überhaupt möglich sei. In diesem Jahr seien es bereits rund 15 gewesen. Die Erfahrungen seien überwiegend positiv gewesen. Auftritte machten wieder Spaß, erklärte Jaehn. Der frühere Jugendtraum sei zwischenzeitlich durch den beruflichen und persönlichen Druck zum Albtraum geworden. Heute könne Fee die großen Festivalbühnen aber wieder genießen.
Verschweigen von Panikattacken
Besonders kritisch äußerte sich Jaehn über den früheren Umgang mit psychischen Problemen innerhalb des eigenen beruflichen Umfelds. Zu Beginn der Karriere habe Fee versucht, Panikattacken zu verbergen und trotz der Beschwerden weiterzuarbeiten. Auf der Bühne habe das meist funktioniert, ohne dass Außenstehende etwas bemerkten. „Mein damaliger Manager hat mir empfohlen, meine Panikattacken geheim zu halten, weil die Plattenfirma sonst das Vertrauen in das Projekt verlieren und nicht mehr in mich investieren könnte“, berichtete Jaehn. Wie weit diese Geheimhaltung ging, verdeutlichte Fee anhand einer Begebenheit bei einem Geschäftsessen mit 13 Personen. Während des Restaurantbesuchs habe Jaehn plötzlich keine Luft mehr bekommen und nach draußen laufen müssen. Der Manager habe die Situation gegenüber den Anwesenden mit den Worten erklärt: „Dem Künstler ist zu warm. Lass uns ins klimatisierte Büro gehen.“
100 Auftritte in 40 Ländern
Über Jahre hinweg war Jaehns Arbeitsalltag von einem außergewöhnlich hohen Pensum geprägt. Zeitweise standen bis zu 100 Shows jährlich in etwa 40 Ländern auf dem Programm. Hinzu kamen Musikproduktionen, Interviews und weitere berufliche Verpflichtungen. Teilweise flog Jaehn für ein einziges Wochenende in die USA und wieder zurück. Gearbeitet worden sei praktisch an sieben Tagen in der Woche, während kaum Zeit für ein Privatleben geblieben sei. Schließlich sei die Belastung nicht mehr zu bewältigen gewesen. Jaehn sieht den Erfolg allerdings nicht als alleinige Ursache der psychischen Erkrankung. Auch die Auseinandersetzung mit Geschlechtsidentität, Sexualität und Erwartungen des Umfelds habe eine Rolle gespielt. Der internationale Erfolg habe diese Belastungen vermutlich verstärkt.
ADHS-Diagnose verändert Fokus
Vor rund zwei Jahren erfuhr Jaehn nach eigenen Angaben von einer ADHS-Erkrankung. Hinzu kamen Erkenntnisse über Hochsensitivität und eine Reizfilterschwäche. Gerade in lauten Umgebungen sei die Belastung dadurch erheblich. Fee nehme visuelle und akustische Reize besonders intensiv wahr. Nach einer Stunde in einem lauten Restaurant könne bereits starke Erschöpfung eintreten. Gespräche und Hintergrundgeräusche ließen sich nur schwer ausblenden. Für die Arbeit als DJ mit großen Menschenmengen, lauter Musik und häufigen Reisen seien das schwierige Voraussetzungen. Gleichzeitig sieht Jaehn in der eigenen Neurodiversität auch kreative Vorteile. „Ich denke freier, verknüpfe Dinge neu, sehe, wenn ich einen Song höre, schon den passenden Visual und scheinbar aus dem Nichts schießen Melodien in meinen Kopf.“ Medikamente nehme Fee derzeit nicht. Stattdessen helfe das in der Therapie erworbene Wissen über die eigenen Bedürfnisse und Belastungsgrenzen. Dadurch sei die Zuversicht gewachsen, die Karriere künftig gesundheitsverträglicher fortsetzen zu können.
Kritik an der Musikindustrie
Neben den gesundheitlichen Belastungen beschreibt Jaehn auch Einschränkungen durch die Musikbranche. Obwohl Fee vor allem für erfolgreiche Dance-Pop-Produktionen bekannt ist, entstehe auch deutlich melancholischere Musik. Als Jaehn solche Songs früher veröffentlichen wollte, hätten Management und Plattenfirma davon abgeraten. Die Stücke hätten ihrer Ansicht nach nicht zum bisherigen Künstlerprojekt gepasst. Inzwischen wolle Fee sich solche Entscheidungen nicht mehr ausreden lassen. Jaehn arbeitet nach eigenen Angaben daran, das berufliche Team neu aufzustellen und mehr künstlerische Freiheit zu gewinnen. Auch neue musikalische Richtungen seien denkbar. Zuletzt habe Fee wieder Songs geschrieben, teilweise auf Deutsch, die eigene Stimme aufgenommen und Gedichte verfasst.
Verlust der Privatsphäre
Bekanntheit war ursprünglich nicht Jaehns Ziel. Die Begeisterung für Musik entwickelte sich bereits während der Schulzeit, als Fee auf Geburtstagsfeiern für die Musikauswahl verantwortlich war. Entscheidend sei die Erfahrung gewesen, mit der richtigen Reihenfolge von Liedern Menschen zum Tanzen bringen zu können. Später wollte Jaehn vor allem von der Musik leben. Der internationale Ruhm sei unerwartet gekommen. Damit verbunden waren auch unangenehme Erfahrungen. Menschen hätten Fee bis nach Hause verfolgt. Zudem erhöhe Social Media den Druck, ständig öffentlich präsent zu sein. Ein Vorbild im Umgang mit Bekanntheit sei Herbert Grönemeyer gewesen, mit dem Jaehn 2016 einen Song veröffentlichte. Bei einer gemeinsamen Promoreise habe Fee beobachtet, wie selbstverständlich der Sänger auf Menschen reagierte, die ihn erkannten.
Queeres Outing
Auch die eigene sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität beschäftigten Jaehn während der Karriere. Zunächst outete sich Fee öffentlich als bisexuell. Heute würde Jaehn die eigene Orientierung eher als pansexuell, queer oder schwul beschreiben, wobei sich die Selbstbezeichnung mitunter ändere. Das erste private Coming-Out habe ungefähr im Alter von 18 Jahren gegenüber einem Bruder stattgefunden. Im beruflichen Umfeld sei die Situation schwieriger gewesen. Jaehn habe sich beispielsweise bemüht, attraktive Männer hinter der Bühne nicht anzusehen, um keine Rückschlüsse auf die eigene sexuelle Orientierung zuzulassen. Hinzu kamen Erwartungen an das öffentliche Bild eines jungen, erfolgreichen DJs. Häufig sei selbstverständlich angenommen worden, dass Fee Beziehungen mit Frauen habe.
2024 machte Jaehn außerdem die eigene nicht-binäre Geschlechtsidentität öffentlich. „Ich bin mit 19 erfolgreich geworden, stand plötzlich in der Öffentlichkeit und wusste selbst noch nicht, wer ich bin. Ich habe diesen Prozess in der Öffentlichkeit durchlaufen“, erklärte Fee. Den Begriff Nichtbinarität habe Jaehn erst in den vergangenen vier Jahren für sich entdeckt. Auch deshalb sei es wichtig, öffentlich darüber zu sprechen und anderen Menschen entsprechende Begriffe zugänglich zu machen. Beim Umgang mit Pronomen hat Jaehn verschiedene Möglichkeiten ausprobiert. Zunächst sei das Neopronomen „Dey“ bevorzugt worden, später die ausschließliche Verwendung des Namens. Im Alltag habe sich das jedoch als schwierig erwiesen. Inzwischen akzeptiert Fee sämtliche Pronomen.
Berlin bleibt wichtig
Neben der Ostseeküste spielt Berlin weiterhin eine große Rolle in Jaehns Leben. Mehrfach habe Fee versucht, dauerhaft in der Hauptstadt zu leben. Bei den ersten fünf oder sechs Anläufen sei die Großstadt jedoch überfordernd gewesen. Jaehn wuchs in einem kleinen Dorf auf und besuchte nach der Schule zunächst für ein Jahr ein Musikcollege in London. 2013 schrieb sich Fee an der Humboldt-Universität in Berlin für Betriebswirtschaftslehre ein. Das Studium wurde allerdings bereits vor der ersten Prüfungsphase abgebrochen. Die Entscheidung für Berlin sei vor allem wegen der dortigen Musikszene gefallen. Bis heute kehrt Jaehn regelmäßig in die Hauptstadt zurück. Gründe dafür seien die Bedeutung Berlins für die deutsche Musikindustrie, die Offenheit der Stadt und ihre queere Community. Zudem lebten dort die meisten Freundinnen und Freunde. Nach der gesundheitlichen Krise möchte Jaehn jetzt die eigene Karriere nun unter veränderten Bedingungen fortsetzen: mit weniger Druck, größerer Selbstbestimmung und mehr Raum für die persönliche und künstlerische Entwicklung.