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25 Jahre Will Young Britischer Popsänger spricht über seelische Krisen

Von ms - 15.10.2026 - 14:30 Uhr
25 Jahre Will Young
Foto: IMAGO / Avalon.red
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Der britische Popsänger Will Young hat offen über seine psychische Gesundheit, Schwierigkeiten in Liebesbeziehungen und die besonderen Belastungen schwuler Männer gesprochen. In einem ausführlichen Interview schilderte der 47-Jährige, wie sehr ihn frühere Erfahrungen bis heute prägen. Zugleich blickte er auf 25 Jahre im Musikgeschäft zurück.

Das Wichtigste im Überblick

  • 25 Jahre Popkarriere: Der britische Sänger Will Young feiert das Jubiläum seines Durchbruchs bei „Pop Idol“ und seiner Debütsingle „Evergreen“ mit einer Tournee.
  • Psychische Belastungen: Der 47-Jährige berichtet von anhaltenden seelischen Schwierigkeiten.
  • Young kritisiert gesellschaftliche Erwartungen, starre Rollenbilder und den Zwang, bestimmten Vorstellungen von Männlichkeit zu entsprechen.
  • Der Sänger gesteht, dass ihm liebevolle Beziehungen lange schwergefallen seien und emotionale Nähe ihm teilweise noch immer Angst mache.

Schwierige Selbstakzeptanz

Dass Young selbst nach vielen Jahren intensiver Auseinandersetzung mit seiner psychischen Gesundheit weiterhin schwierige Phasen erlebt, machte er bereits zu Beginn des Gesprächs deutlich. „Ich war mir nicht sicher, ob ich es heute schaffen würde. Als ich heute Morgen aufwachte, ging es mir furchtbar. Ich hatte letzte Woche eine schwierige Woche. Ich tue mein Bestes“, sagte der Sänger. Besonders ausführlich beschäftigte sich Young dann direkt mit der Frage, warum es schwulen Männern häufig schwerfalle, sich selbst zu akzeptieren und liebevolle Beziehungen aufzubauen. Seiner Ansicht nach spielen gesellschaftliche Erwartungen eine entscheidende Rolle. Viele schwule Männer wüchsen mit Vorstellungen auf, die ihre persönliche Entwicklung und ihre Beziehungen beeinflussten.

„Vielleicht können wir besser miteinander in Verbindung treten, wenn wir erkennen, dass uns von Anfang an ein System der Entfremdung auferlegt wurde“, erklärte Young. Er habe weiterhin den Eindruck, dass auch schwule Männer ihre Beziehungen häufig innerhalb eines patriarchalen und heteronormativen Systems gestalteten. Entscheidend sei deshalb, den eigenen Wert unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen zu erkennen. „Im Grunde geht es darum, zu lernen, dass man absolut liebenswert ist.“ Selbst innerhalb der Community gebe es zahlreiche ungeschriebene Regeln darüber, wie Männer auszusehen und sich zu verhalten hätten.

Kritik an starren Rollenbildern

Young berichtete von einem Gespräch mit seinem Partner, der ihm erzählt habe, dass er sich lange nicht wie andere Menschen oder andere schwule Männer gefühlt habe. „Denn schwule Männer kleiden sich so, oder man muss so aussehen“, habe sein Partner die damaligen Erwartungen beschrieben. Young selbst habe sich häufig mit der Vorstellung konfrontiert gesehen, als schwuler Mann besonders extrovertiert sein zu müssen. „Du musst unglaublich extrovertiert sein, immer der Mittelpunkt jeder Party“, beschrieb er diese Erwartung. Seine eigene Reaktion darauf sei gewesen: „Mein Gott, so bin ich einfach nicht.“

Für Young besteht ein wesentlicher Schritt zu größerer Zufriedenheit darin, sich nicht länger über gesellschaftliche Kategorien definieren zu lassen. „Du musst nicht wie irgendjemand anderes sein. Sei einfach du selbst“, betonte er. Allerdings reiche es nicht aus, sich lediglich für unabhängig zu halten. Man müsse die eigenen Verhaltensweisen und Bedürfnisse immer wieder kritisch hinterfragen. „Bist du wirklich frei? Hast du tatsächlich Zugang zu deinem wahren Wesen gefunden?“ Solange Menschen ihr Verhalten danach ausrichteten, irgendwo dazuzugehören, könnten sie weiterhin von äußeren Erwartungen bestimmt werden. „Dein wahres Wesen ist unantastbar“, sagte Young.

„Du bist einfach du“

Als Beispiel schilderte er seine Erfahrungen bei Rugbyspielen. Nachdem er sich öffentlich als schwul geoutet hatte, hätten andere Menschen angenommen, er besuche die Spiele ausschließlich wegen der männlichen Körper. „Ach, du bist hier, um dir die Hintern der Männer anzusehen!“, hätten sie ihm gesagt. Das habe ihn sehr geärgert. Schließlich habe er früher selbst Rugby gespielt und sich tatsächlich für den Sport interessiert. „Ich kann schwul sein und gleichzeitig Sport, Autos und Kylie Minogue wirklich mögen!“ Niemand müsse einem bestimmten Typ entsprechen oder sich ausschließlich über Begriffe wie „maskulin“ definieren. „Du bist einfach du“, erklärte der Sänger. 

Auch über seine persönlichen Erfahrungen mit Liebe und Partnerschaft sprach Young ungewöhnlich offen. „Ich habe es immer schwierig gefunden, eine liebevolle Beziehung zu führen. Ich wusste eigentlich nicht wirklich, wie das geht.“ Obwohl er heute in einer glücklichen Partnerschaft lebe, seien die damit verbundenen Ängste nicht vollständig verschwunden. „Und um ehrlich zu sein: Für einen Teil von mir ist es beängstigend. Absolut beängstigend.“ Young warnte davor, sich zusätzlich unter Druck zu setzen, indem man bestimmte Entwicklungen als selbstverständlich betrachte. Besonders die Vorstellung, dass Beziehungen einfach funktionieren „sollten“, könne problematisch sein.

Ein Sixpack als Ablenkung 

Der Sänger sieht die Auseinandersetzung mit schmerzhaften Erfahrungen als wichtigen, aber schwierigen Bestandteil persönlicher Veränderung. „Wer möchte sich schon mitten in das Feuer des Schmerzes begeben? Das liegt einfach nicht in der menschlichen Natur. Nur sehr wenige Menschen sind bereit, sich dem Feuer des Schmerzes auszusetzen.“ Viele Menschen versuchten stattdessen, unangenehme Gefühle durch äußere Veränderungen zu verdrängen. Young berichtete, dass auch er lange geglaubt habe, durch materielle Dinge oder körperliche Veränderungen zufriedener werden zu können. „Alles wird gut, wenn ich nur dieses Auto bekomme. Oder einen noch ausgeprägteren Sixpack. Oder wenn ich mich wohler dabei fühle, mit freiem Oberkörper zu tanzen“, beschrieb er seine früheren Gedanken. Solche Wünsche seien nicht zwangsläufig das eigentliche Problem. Sie könnten jedoch davon ablenken, sich mit tiefer liegenden seelischen Belastungen auseinanderzusetzen. 

Aufwachsen als schwuler Mann

Im Laufe der Jahre hat Young verschiedene Wege gefunden, mit belastenden Gedanken und Gefühlen umzugehen. Besonders hilfreich sei für ihn inzwischen der Versuch, körperliche Stressreaktionen und negative Gedanken nicht unmittelbar mit seiner eigenen Persönlichkeit gleichzusetzen. „Was mir hilft, ist, die Signale meines Körpers und die Gedanken in meinem Kopf nicht persönlich zu nehmen“, erklärte er. Ein Bekannter habe ihm kürzlich geraten: „Lass dich darauf gar nicht erst ein.“ Dieser habe außerdem gefragt: „Warum nimmst du das so persönlich? Es ist doch nur ein alter Mechanismus.“ Young versuche deshalb, zwischen seinem eigentlichen Selbst und vorübergehenden Gedanken oder körperlichen Reaktionen zu unterscheiden. Dabei gehe es ausdrücklich nicht darum, Gefühle zu unterdrücken oder abzuwerten.

Young verwies dabei ausdrücklich aber auf Erfahrungen, die mit dem Aufwachsen als schwuler Mann verbunden sein könnten. Wer seine Identität lange mit dem Gefühl verknüpft habe, nicht sicher zu sein, müsse zunächst lernen, sich von diesem Muster zu lösen. „Es ist, als würde man plötzlich erkennen: ‚Ach, mir ging es die ganze Zeit gut.‘“ Er betonte zugleich, dass er selbst weiterhin daran arbeite. Dass Young besonders sensibel auf Machtverhältnisse reagiert, führt er auch auf seine Schulzeit zurück. Er berichtete von Missbrauchserfahrungen an einem Internat und davon, dass ihn die dortigen Machtstrukturen nachhaltig geprägt hätten. „Wir sollten lernen, miteinander zu kommunizieren und respektvoll unterschiedlicher Meinung zu sein, ohne die Fronten zu verhärten.“

25 Jahre nach „Pop Idol“

Der britische Musiker erinnerte sich dabei auch an seine musikalischen Anfänge.  Obwohl seine sexuelle Orientierung während der Castingshow kein ausdrückliches Thema gewesen sei, habe er vermutet, dass andere schwule Menschen sie erkennen würden. „Also bitte, ich habe Aretha Franklin gesungen! Und einen Pullunder getragen! Noch offensichtlicher konnte ich es kaum machen.“ Die Sichtbarkeit schwuler Menschen im öffentlichen Leben sei damals besonders wichtig gewesen. Trotzdem habe er nie wie Paris Hilton gelebt oder sei mit Privatjets unterwegs gewesen. Materielle Angebote hätten für ihn keine entscheidende Bedeutung gehabt.

Neben den persönlichen Themen blickte Young ausführlich auf seine musikalische Laufbahn zurück. Vor 25 Jahren gewann er die erste Staffel der britischen Castingshow „Pop Idol“ und wurde mit seiner Debütsingle „Evergreen“ bekannt. Simon Cowell habe ihm damals gesagt, dass er sich durch diesen Song immer an den Augenblick seines Sieges erinnern werde. Dasselbe gelte für die Zuschauer. „Er hatte recht“, sagte Young. Gerade zum 25-jährigen Jubiläum merke er jetzt, wie stark viele Menschen die Musik der frühen 2000er-Jahre mit persönlichen Erinnerungen verbänden. Ein Fan habe ihm beispielsweise erzählt, dass seine Tochter zu „Evergreen“ geboren worden sei. Nun wollten beide gemeinsam seine Jubiläumstour besuchen. „Für mich ist das unglaublich alt! Ich bekomme diese Rechnung einfach nicht in meinen Kopf!“, scherzte Young.

Lob für Kollegen 

Mit Interesse verfolgt Young auch die Entwicklung jüngerer queerer und schwuler Popstars wie Sam Smith, Troye Sivan und Olly Alexander. Besonders positiv äußerte er sich über Olly Alexander, mit dem er bereits als Schauspieler zusammengearbeitet hat. „Er ist ein Schatz und unglaublich talentiert“, sagte Young. „Diese Menschen machen das, was sie machen wollen. Dazu gehört eine Menge Courage.“ Besonders beeindruckt zeigte sich Young von der künstlerischen und visuellen Entwicklung Troye Sivans. Dessen Musikvideos seien brillant. Auch wenn es Kritik gegeben habe, sei Sivan sich selbst treu geblieben.

Young betonte zugleich, dass die Geschichte schwuler Sichtbarkeit in der Popmusik nicht erst mit seiner Generation begonnen habe. Neben George Michael und Elton John müssten auch Künstler wie Andy Bell und Jimmy Somerville stärker gewürdigt werden. Auch die Pet Shop Boys gehörten zu den wichtigen Vorbildern. Für Young verbindet diese Künstlergenerationen vor allem die Möglichkeit, durch Musik sichtbar zu werden und gesellschaftliche Vorstellungen infrage zu stellen. Mit seiner „Evergreen 25th Anniversary Tour“ will Will Young jetzt im Februar und März 2027 auf ein Vierteljahrhundert im Musikgeschäft zurückblicken.

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