Die Akzeptanz gegenüber LGBTIQ+-Jahren sinkt seit einigen Jahren wieder, die Landtagswahlen im September haben den Blick in die Zukunft für viele queere Menschen zudem verdunkelt. Und noch immer sitzt der Schock über das islamistische Attentat beim Berliner CSD vielen in den Knochen. Zeit für Resignation? Mitnichten! Denn gerade jetzt wäre es wichtig, die Hoffnung zu bewahren. SCHWULISSIMO fragte nach bei Prof. Dr. Andreas M. Krafft, Universitätsprofessor, Dozent und einer der führenden europäischen Hoffnungsforscher.
Herr Dr. Krafft, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit Hoffnung. Was genau ist Hoffnung eigentlich – und wodurch unterscheidet sie sich von Optimismus oder bloßem Wunschdenken?
Hoffnung beginnt immer mit einem Herzenswunsch, einem Traum oder einem Ideal, also mit etwas, das wir uns von Herzen wünschen – für uns selbst, für andere Menschen oder für die Gesellschaft. Damit dieser Wunsch nicht bloßes Wunschdenken bleibt, müssen wir daran glauben, dass er möglich ist. Nicht leicht, vielleicht nicht einmal wahrscheinlich, aber zumindest nicht unmöglich. Hinzu kommt die Anerkennung von Hindernissen, Schwierigkeiten und Rückschlägen – verbunden mit dem Vertrauen, dass sie überwunden werden können. Optimismus hingegen geht davon aus, dass es gut wird. Das können wir in unsicheren Situationen nicht so leichtfertig sagen. Es kann gut werden, aber wir wissen es nicht. Hoffnung beginnt dort, wo Optimismus und Zuversicht aufhören. Gerade in schwierigen Zeiten, bei Krankheit oder in Krisen trägt uns die Hoffnung, weil sie uns in der Ungewissheit nicht aufgeben lässt.
Woher kommt das Gefühl der Hoffnung? Ist sie etwas Angeborenes oder entwickelt sie sich im Laufe unseres Lebens?
Grundsätzlich beides: Angst und Hoffnung sind zwei Seiten derselben Medaille. Beide Phänomene gehören zur menschlichen Natur. Da wir zukunftsgerichtete Wesen sind, gehört Hoffnung zu unserem Menschsein. Gleichzeitig wird die Fähigkeit zu hoffen in den frühen Kindesjahren ausgebildet und im Laufe des Lebens kontinuierlich weiterentwickelt. Unbewusst lernen wir als Kleinkinder unseren Eltern und Bezugspersonen zu vertrauen und daran zu glauben, dass wir im Leben trotz Schmerz und Not versorgt werden. Dafür braucht es eine liebevolle und fürsorgliche Umgebung. Fehlt sie, leidet unsere Hoffnungsfähigkeit. Mit der Zeit entwickelt sich dieses Vertrauen in Selbstvertrauen und Selbstbestimmung, sodass die Hoffnung weniger von anderen abhängig wird. Dennoch bleibt Hoffnung ein elementares soziales Phänomen.
Was weiß die aktuelle Hoffnungsforschung darüber, welche Rolle Hoffnung für unsere psychische Gesundheit und unsere Widerstandskraft spielt?
Eine wichtige Grundlage der Hoffnung ist Vertrauen – und damit auch Selbstvertrauen. Dazu gehören ein gesundes Selbstwertgefühl, eine positive Selbsteinschätzung und der Glaube daran, auch von anderen Menschen geliebt und anerkannt zu werden. Das hat mit Wertschätzung und Respekt zu tun, sowohl gegenüber sich selbst als auch seitens anderer. Werden diese Grundbedürfnisse infrage gestellt, leidet unsere Psyche und unsere Widerstandskraft nimmt ab.
Gibt es Erkenntnisse darüber, was Hoffnung im Gehirn oder im Körper bewirkt?
Die Gehirnforschung kann erst seit Kurzem Gehirnströme messen. Mehr wissen wir über die Ausschüttung von Hormonen und Neurotransmittern sowie über das gesamte vegetative Nervensystem. Bei Hoffnung wie auch bei Angst gibt es ein enges Zusammenspiel zwischen unserem Körper, unserer Psyche und unseren sozialen Beziehungen. Während negative Emotionen unser bio-psycho-soziales System in Alarmbereitschaft versetzen und auf Dauer schwächen, stärkt Hoffnung sowohl unser Immunsystem als auch unsere psychischen Ressourcen. Dies benötigen wir, um in Krisenzeiten standfest zu bleiben.
Warum scheint Hoffnung gerade in Krisenzeiten oft wichtiger zu werden als in Phasen, in denen alles gut läuft?
Ja, das ist paradox. Tatsächlich brauchen wir keine Hoffnung, wenn alles gut läuft. Hoffnung ist kein Schönwetterphänomen. Dann sind wir zuversichtlich und optimistisch. Hoffnung wird erst dann relevant, wenn es uns nicht gut geht, wenn wir mit Herausforderungen, Schwierigkeiten und Krisen konfrontiert sind. Die allermeisten Menschen – ich würde sogar behaupten: alle Menschen – erleben solche Situationen mehrmals im Leben. Hoffnung ist uns angeboren, um genau solche Situationen zu bewältigen. Diese Erfahrungen sind unschön und können uns an unsere Belastungsgrenzen führen. Sie sind jedoch zugleich eine Quelle für Entwicklung und Wachstum. Die Hoffnung verlieren wir vor allem dann, wenn wir uns alleingelassen, hilflos und ohnmächtig fühlen und die Krisen uns zu erdrücken drohen.
Viele Menschen erleben derzeit Unsicherheit – Kriege, gesellschaftliche Polarisierung, wirtschaftliche Sorgen. Leben wir Ihrer Einschätzung nach in einer Zeit, in der Hoffnung besonders herausgefordert wird?
Ja, das ist so. Vor allem in Europa haben wir solche Bedrohungen schon lange nicht mehr erlebt. In anderen Ländern ist das wiederum anders. Ich bin in Argentinien aufgewachsen und habe dort die ersten 25 Jahre meines Lebens verbracht. Mir fällt auf, dass die Menschen dort ganz anders mit Unsicherheit umgehen. In Europa haben wir das Hoffen verlernt, weil wir kaum Krisen überwinden mussten. Wann, glauben Sie, hoffen Menschen am meisten? Dort, wo Krieg herrscht, hoffen Menschen auf Frieden. Dort, wo sie unterdrückt werden, hoffen sie auf Freiheit und Gleichberechtigung.
Für viele queere Menschen gehören Ausgrenzung, Diskriminierung oder sogar Gewalt leider noch immer zur Lebensrealität. Welche Bedeutung bekommt Hoffnung unter solchen Bedingungen?
Hoffnung gibt Menschen gerade in solchen kritischen Situationen die Energie, ihr Leben nach ihren persönlichen Wünschen und Werten weiterzuleben. Sie ist damit die Voraussetzung für sinnvolles Handeln und Durchhaltevermögen. Mit dem Mut der Hoffnung setzt man sich für die eigenen Rechte ein und kämpft auch unter schwierigen Bedingungen weiter dafür. Sobald man die Hoffnung aufgibt, gibt man sich als Mensch selbst auf – und das macht auf Dauer krank.
Nach Gewalttaten oder Anschlägen im Umfeld von Pride-Veranstaltungen wie zuletzt in Berlin stellt sich oft die Frage: Wie kann Hoffnung überhaupt bestehen bleiben, wenn Angst und Trauer so präsent sind?
Optimismus und reines positives Denken wären hier fehl am Platz. Hoffnung sagt nicht: «Macht euch keine Sorgen, alles wird gut», sondern: «Wir wissen, wie schwer es ist, aber wir bleiben dran und lassen uns nicht kleinkriegen.» Angst wird nicht das letzte Wort behalten, solange es Hoffnung auf eine Besserung der Gesellschaft gibt. Wir wissen, wie lange das dauern kann. Manchmal braucht es Jahrzehnte oder sogar ganze Generationen. Aber es lohnt sich, dranzubleiben und nicht aufzugeben.
Was hilft Menschen, nach solchen Ereignissen nicht in Resignation oder Ohnmacht zu verfallen?
Vor allem braucht es Ermutigung, Beistand und Unterstützung durch andere Menschen. Allein ist man in der Regel zu schwach, um übermächtigen Angriffen Widerstand zu leisten. In der Gemeinschaft kann Hoffnung wieder gedeihen. Gemeinsam können Kräfte entfaltet werden, über die der Einzelne selten verfügt. Einsamkeit ist der größte Hoffnungskiller. Deshalb ist Hoffnung vor allem ein soziales und kollektives Phänomen. Wir sind soziale Wesen, die aufeinander angewiesen sind.
Hoffnung bedeutet ja nicht, Probleme zu verdrängen. Wie gelingt der Balanceakt zwischen realistischer Wahrnehmung von Gefahren und dem Glauben daran, dass Veränderung möglich bleibt?
Anders als Wunschdenken und naiver Optimismus ist Hoffnung realitätsbezogen. Der Balanceakt liegt zwischen der Anerkennung gegenwärtiger Realitäten und dem Glauben an zukünftige Veränderungen. Darin liegt die ausserordentliche Kraft der Hoffnung: Die Gegenwart ist so, wie sie ist, aber die Zukunft kann anders sein. Wer schon einmal gegenwärtige Widrigkeiten überwunden und positive Veränderungen erlebt hat, stärkt dadurch seinen Glauben an die Zukunft. Dabei muss eines klar sein: Die Zukunft ist von Natur aus ungewiss und somit stets eine Domäne des Glaubens an neue, teilweise ungeahnte Möglichkeiten.
Viele queere Menschen berichten, dass sie sich durch den zunehmenden gesellschaftlichen Gegenwind verunsichert fühlen. Welche Folgen kann ein dauerhaftes Gefühl der Bedrohung für Hoffnung und Zuversicht haben?
Hoffnung ist immer mit Hindernissen und Schwierigkeiten verbunden. Sie braucht jedoch besonders positive Erfahrungen. Unsere Psyche macht uns das Leben dabei nicht leicht. In der Psychologie spricht man vom «Negativitätsbias». Wir neigen dazu, negativen Erlebnissen mehr Aufmerksamkeit zu schenken und ihnen eine größere emotionale Bedeutung zuzuweisen als positiven Erfahrungen. Das kann mit der Zeit erschöpfen. Den Negativitätsbias kann man teilweise überwinden – nicht, indem man negative Erfahrungen herunterspielt, sondern indem man positive Erlebnisse bewusster wahrnimmt, stärker ins Bewusstsein rückt und sie stärkend in sich wirken lässt.
Kann Hoffnung auch eine Form von Widerstand sein? Oder ist das „zu wenig“ aus Ihrer Sicht?
Hoffnung ist nach meinem Verständnis die Voraussetzung für Widerstand. Sie haben aber recht: Widerstand ist zwar gerechtfertigt und gut, suggeriert jedoch eine gewisse defensive Haltung. Immer wieder gegen den Wind anzukämpfen ist mühsam. Auf Dauer ist das nicht genug, denn für mehr Selbstwert, Selbstachtung und Selbstvertrauen – und damit für Hoffnung – ist eine defensive Grundeinstellung nicht unbedingt förderlich. Vielmehr braucht es die Vorstellungs- und Gestaltungskraft für eine neue Normalität.
Gerade nach Angriffen stellt sich die Frage: Sollte man sich zurückziehen oder weiterhin sichtbar bleiben? Welche Bedeutung hat Hoffnung für solche Entscheidungen?
Manchmal ist es gut, vorsichtig zu sein und sich zeitweise zurückzuziehen. Zur Hoffnung gehören auch die Stärken der Geduld und der Demut. Auf Dauer kann ein Rückzug allerdings weder gut noch gesund sein. Geduld und Demut dürfen nicht überstrapaziert werden und in Resignation oder Mutlosigkeit münden. Dann muss die Hoffnung wieder mutiger werden und sich etwas trauen – womit wir wieder beim Vertrauen wären.
Wie gelingt es Menschen, trotz Rückschlägen weiter für Gleichberechtigung und gesellschaftliche Akzeptanz einzutreten?
Ein Blick in die Geschichte kann vielleicht hilfreich sein. Weltweit wurden Minderheiten immer wieder ausgegrenzt und unterdrückt – sei es aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer Herkunft oder ihrer sexuellen Orientierung. In der Geschichte der Menschheit scheint dies eine Konstante zu sein. Gleichzeitig lässt sich eine gewisse, wenn auch langsame Entwicklung feststellen. Ich traue mich zu sagen, dass wir im Vergleich zu vergangenen Jahrhunderten in einer freieren, gerechteren und egalitäreren Welt leben. Die Umwälzungen des 21. Jahrhunderts können als Rückschritt oder als Zeichen bevorstehender Veränderungen gedeutet werden. Erfahrungen wie die Überwindung der Sklaverei in Amerika, des Apartheidregimes in Südafrika oder des Kommunismus in der Sowjetunion geben Grund zur Hoffnung, dass sich die Menschheit weiterentwickeln kann – auch wenn dies zunächst mit viel Leid und Schmerz sowie einigen Rückschlägen verbunden ist.
Ist Hoffnung etwas, das man trainieren kann – ähnlich wie Resilienz oder Selbstvertrauen?
Ob sich Resilienz und Selbstvertrauen einfach so trainieren lassen, bezweifle ich. Zumindest nicht so, wie man eine Sprache, ein Instrument oder eine Sportart trainiert. Fakt ist, dass jeder Mensch von Natur aus die Veranlagung zu Resilienz, Selbstvertrauen und Hoffnung in sich trägt. Selbstverständlich können diese Fähigkeiten gestärkt und weiterentwickelt werden, aber meistens sind sie bereits vorhanden. Wenn Menschen zeitweise die Hoffnung verlieren, bringt es nicht viel, ihnen zu sagen, sie sollten wieder Hoffnung fassen. In meinen Kursen gehe ich erfahrungsbasiert vor. Der Mensch erfährt sein Leben im zeitlichen Verlauf zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Um die Hoffnung zu stärken, müssen wir uns zuerst mit den positiven Erfahrungen aus der Vergangenheit beschäftigen, danach mit unseren Stärken in der Gegenwart und erst dann mit unseren Wünschen und Erwartungen für die Zukunft. Wenn man Vertrauen fassen und den Glauben an sich selbst wieder aufnehmen kann, wird man auch wieder hoffnungsvoller in die Zukunft blicken können.
Welche Rolle spielen persönliche Beziehungen dabei? Kann Hoffnung "ansteckend" sein?
Liebevolle, fürsorgliche und respektvolle Beziehungen stärken das Vertrauen und den Glauben an sich selbst und an die Zukunft. Das grösste Geschenk, das meine Frau und ich unseren Kindern geben konnten, war, ihnen zu vermitteln, dass wir weiterhin an sie glauben – gerade in jenen Momenten, in denen sie selbst nicht mehr an sich glaubten. Was geschieht, wenn Ihnen jemand sagt, dass er oder sie trotz aller Schwierigkeiten und Enttäuschungen an Sie glaubt und Ihnen vertraut? Das stärkt Ihr Selbstwertgefühl, ermutigt Sie und verpflichtet Sie. In diesem Sinne ist Hoffnung ansteckend.
Gibt es Gewohnheiten oder Denkweisen, die Hoffnung besonders fördern – oder sie unbewusst zerstören?
Gedanken wie «Ich bin nichts wert» oder «Ich schaffe das eh nicht» sind sicherlich kontraproduktiv. In der Psychologie unterscheiden wir zwischen einem «Fixed»- und einem «Growth»-Mindset. Im Grunde beruht ein Fixed-Mindset auf der Überzeugung, dass sich nichts ändern wird und alles beim Alten bleibt. Ein Growth-Mindset hingegen basiert auf dem Glauben an die Entwicklungs- und Veränderungsfähigkeit des Menschen und der Gesellschaft. Diese Grundhaltung macht einen enormen Unterschied – sowohl darin, wie wir uns selbst sehen, als auch darin, wie wir die Welt betrachten.
Viele Menschen konsumieren täglich belastende Nachrichten. Wie gelingt es, informiert zu bleiben, ohne die Hoffnung zu verlieren?
Meine Strategie besteht darin, so viele Nachrichten wie nötig und so wenige wie möglich zu konsumieren. Die Frage ist, was noch als Information gilt und was sich bereits zu Voyeurismus oder Zwang entwickelt. Durch den Sog, den soziale Medien auslösen, werden wir immer häufiger mit negativen Ereignissen konfrontiert. Informationen sollen dazu dienen, kluge Entscheidungen zu treffen und handlungsfähig zu bleiben. Eine Reizüberflutung durch unkontrollierten Videoclip-Konsum führt häufig genau zum Gegenteil. Unser Urteilsvermögen wird getrübt, was zu schlechteren Entscheidungen und überhasteten Handlungen führen kann. Auch hier gilt es, den Realitätsbezug zu wahren, um weiterhin hoffen zu können.
Welche Verantwortung trägt die Gesellschaft dafür, dass Minderheiten Hoffnung auf eine sichere und gerechte Zukunft behalten können?
Die Aufgabe einer demokratischen und solidarischen Gesellschaft besteht tatsächlich darin, für ein gutes Leben aller ihrer Bewohnerinnen und Bewohner zu sorgen. Wir wissen jedoch auch, dass Gesellschaften aus Individuen und Gruppen mit unterschiedlichen Weltanschauungen, Glaubenssätzen und Moralvorstellungen bestehen. Wichtig wäre es, diese Einstellungen regelmässig kritisch zu reflektieren, um voneinander zu lernen und uns gemeinsam weiterentwickeln zu können.
Was können Politik, Medien und Bildungseinrichtungen konkret tun, um Hoffnung nicht nur zu beschwören, sondern tatsächlich zu ermöglichen?
Auf jeden Fall sollten Vorurteile und Berührungsängste gegenüber alternativen Lebensentwürfen abgebaut werden. Als Heterosexueller sind homosexuelle Menschen für mich zunächst fremd. Da ich aber mehrere homosexuelle Menschen in meinem persönlichen Umfeld kenne und sehr schätze, ist diese Fremdheit für mich nichts Schlechtes oder Bedrohliches – ganz im Gegenteil. Dank meiner persönlichen Erfahrungen mit homosexuellen Menschen ist es für mich unbegreiflich, wie man sie verurteilen und diskriminieren könnte. Ja, wer würde mir das Recht dazu geben? Gleichzeitig bleiben manche Dinge für mich fremd, etwa das Küssen zweier Männer oder Frauen in der Öffentlichkeit. Gesellschaftliche Institutionen wie Schulen, Unternehmen und Medien sollten daher einen natürlichen und unbeschwerten Umgang mit Homosexualität sowie die damit verbundene Akzeptanz fördern.
Gibt es einen Gedanken oder eine Erkenntnis aus Ihrer Forschung, die Sie gerade jungen LGBTIQ+-Menschen mit auf den Weg geben möchten?
Zunächst kann ich sagen: Sie sind nicht die Einzigen, die sich derzeit Sorgen um ihre Zukunft machen. Abgesehen davon kenne ich viele queere Menschen in Unternehmen und an Universitäten, die ihren beruflichen und privaten Weg genauso gut gefunden und beschritten haben wie alle anderen. Wichtig ist meines Erachtens, wie aufgehoben sich Menschen in ihrer Familie und ihrem Freundeskreis fühlen. Dort liegen die Wurzeln von Selbstakzeptanz, Selbstwert und Selbstsicherheit. Vor allem appelliere ich an Eltern, Großeltern, Verwandte und Freunde, ihre Kinder, Geschwister, Cousinen und Cousins so anzunehmen und bedingungslos zu lieben, wie sie sind.
Gibt es etwas, das Sie bei Ihren Forschungen zum Thema Hoffnung selbst überrascht hat?
Im Laufe der Jahre habe ich erkannt, wie vielfältig, facettenreich und allgegenwärtig Hoffnung im Leben ist. Sie beflügelt unser Leben und treibt es nach vorne. Je breiter und weiter wir nicht nur für uns selbst, sondern vor allem für andere und für etwas Größeres wie unsere Gesellschaft oder die Natur hoffen können, desto stärker ist die Hoffnung auch in unserem eigenen Leben verankert. Hoffnung ist somit ein Anker und zugleich ein Segel für die Seele.
Was gibt Ihnen selbst Hoffnung?
Erstens bin ich dankbar für all das, was mir das Leben geschenkt hat: fürsorgliche Eltern, eine liebevolle Familie, eine gute Ausbildung, spannende und erfüllende Aufgaben und vor allem gute Gesundheit. Trotzdem wurden wir von Lebenskrisen nicht verschont. Wir haben dabei gelernt, dass Krisen meist überwunden werden können und dass daraus etwas ganz Besonderes, meist Unerwartetes entstehen kann.
Herr Dr. Krafft, vielen Dank für das Gespräch.
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