Allein auf der Straße Tausende LGBTIQ+-Jugendliche ohne feste Unterkunft
Ende 2025 waren in Deutschland mindestens rund 570.000 Menschen wohnungslos, davon sind rund 72.000 Personen homosexuell oder queer. Andere Studien gehen dabei von bis zu 800.000 wohnungslosen Menschen aus. Die Mehrheit von ihnen (57%) ist männlich, etwa 41 Prozent sind nach Angaben des Bundesamtes für Statistik unter 25 Jahre alt. Nicht wenige sind wahrscheinlich minderjährig oder sehr junge Erwachsene.
Binnen eines Jahres hat sich die Lage zuletzt weiter dramatisiert, die Fallzahlen sind um mehr als acht Prozent angestiegen. Wie geht es queeren Jugendlichen in dieser Extremsituation? SCHWULISSIMO fragte nach bei Sozialwissenschaftlerin Dr. Constance Ohms von der queeren Beratungsstelle gewaltfreileben – sie beschäftigt sich seit Jahren schwerpunktmäßig mit dem Thema Wohnungslosigkeit bei LGBTIQ+-Menschen.
Queere junge Menschen ohne Wohnung – wie ist ihre aktuelle Einschätzung dazu?
Ich bin sehr froh, dass es inzwischen aktuelle Studien aus Deutschland gibt, die das Thema aufgreifen. Seit meiner Thematisierung der Problemlage hat auch die BAG Wohnungslosenhilfe eine "Empfehlung zur Ausgestaltung der Angebote für trans* und inter* Menschen in der Wohnungsnotfallhilfe" erarbeitet, um queeren Menschen den Zugang zu angemessenen Hilfsangeboten zu ermöglichen. Wir gehen davon aus, dass zirka fünfzehn Prozent der wohnungslosen Menschen dem queeren Spektrum zugeordnet werden können. Aber die wenigsten nutzen Angebote der Wohnungslosennotfall-Hilfe. Meinem Eindruck nach haben sich einerseits Faktoren, die die Wohnungslosigkeit von queeren Menschen befördern, verstärkt, obwohl es andererseits eine höhere Sensibilität für das Thema gibt und mancherorts sogar spezielle Angebote wie queeres Jugendwohnen.
Hat das aktuelle gesellschaftliche Klima und die Zunahme von Gewalt gegenüber LGBTIQ+-Menschen Einfluss auf die Anzahl queerer Obdachloser oder Wohnungsloser?
Wir unterscheiden ja zwischen wohnungslos und obdachlos. Viele gerade junge queere Menschen kommen vorübergehend bei Freund*innen unter, aber sind tagtäglich dem Stress ausgesetzt, wo sie die nächste Nacht verbringen können, es handelt sich hier also um verdeckte Wohnungslosigkeit. Auf der Straße wiederum leben auch queere Jugendliche, junge Erwachsene und im Erwachsenenalter häufig auch Transfrauen. Die zunehmende Queerfeindlichkeit hat selbstverständlich Auswirkungen auf das Risiko, Gewalt zu erleben. Insgesamt hat die Gewalt insbesondere gegen Transpersonen und nichtbinäre Menschen signifikant zugenommen. Ergänzend zu dem sowieso vorhandenen hohen Risiko, Gewalt in der Obdachlosigkeit oder in Notunterkünften zu erleben. Zudem werden rechtskonservative Werte wieder verstärkt in den Familien thematisiert, was das Gewalterleben in der Phase des Coming-Outs verstärkt. Das bedeutet, dass mehr Jugendliche ein erhöhtes Risiko haben, von Zuhause rausgeworfen zu werden. Aber nicht alle queeren Jugendlichen werden direkt rausgeworfen, viele gehen auch, weil sie es nicht mehr aushalten, misgendert oder in ihrer sexuellen Orientierung missachtet werden. Zudem haben auch andere Risikofaktoren zugenommen, so gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen Queersein und Armut.
In Großbritannien warnten zum Jahreswechsel queere Vereine davor, dass gerade junge queere Menschen in einer besonders gefährdeten Lage sind – die Stimmung gegenüber LGBTIQ+ wird schlechter und einigen von ihnen droht, zur kalten Jahreszeit unversehens auf der Straße zu landen. Wie bewerten Sie die Gefahrenlage in Deutschland?
Grundsätzlich verzeichnen wir ja seit Jahren eine Zunahme der Hassgewalt gegen queere Menschen. Das betrifft insbesondere jene, die sichtbar sind und nicht gängigen Vorstellungen einer Zweigeschlechtlichkeit entsprechen. Vorurteile und Ablehnung machen auch vor Familienmitgliedern keinen Halt. Wobei anzumerken ist, dass von nur wenigen queeren Menschen die Herkunftsfamilien als Safer Space für Coming-Out-Prozesse wahrgenommen wurden und werden. Insgesamt kann festgestellt werden, dass das Risiko von Gewalt im öffentlichen Raum, aber auch im sozialen Nahraum, deutlich zugenommen hat. Es ist für queere Menschen gefährlicher geworden in Deutschland.
Was sind die häufigsten Gründe, warum queere junge Menschen ihr Zuhause verlieren?
Bei jungen queeren Menschen spielt das familiäre Klima der Herkunftsfamilie eine große Rolle: Akzeptieren Eltern und/oder Geschwister die sexuelle oder geschlechtliche Identität der Person nicht, wird diese tagtäglich mit dem falschen Geschlecht konfrontiert oder akzeptieren die Eltern nicht die Geschlechtsidentität des Kindes, ist eine gesunde Entwicklung nicht mehr möglich – und die queeren Jugendlichen verlassen das Elternhaus. Oder aber es kommt zu offener Ablehnung und Gewalt, bis hin zum Rauswurf. Mobbing in der Schule trägt ebenfalls dazu bei, dass queere Jugendliche sich veranlasst sehen, beispielsweise in eine Stadt zu gehen, von der sie vermuten, dass sie dort ihre sexuelle Orientierung oder ihre Geschlechtsidentität freier leben können.
Wenn es tatsächlich passiert und queere Jugendliche von Zuhause rausgeworfen werden, was können diese dann tun?
Es gibt inzwischen einige wenige Angebote in der stationären Jugendhilfe, die sich speziell an queere Jugendliche richten, beispielsweise queere Wohngruppen. Das ist immer eine Möglichkeit, die in Betracht gezogen werden sollte.
Eigentlich dürfte es rein rechtlich gesehen keine minderjährigen Wohnungslosen oder Obdachlosen geben. Fakt ist aber, es gibt queere Jugendliche, die kein festes Zuhause haben oder auf der Straße leben. Warum?
Die Ordnungskräfte sind angehalten, minderjährige Jugendliche von der Straße in geschützte Einrichtungen oder eben die Herkunftsfamilie zu bringen. Letzteres möchten die queeren Straßenkids sicherlich nicht; sie sind sehr gut organisiert, kümmern sich um einander und schützen einander. Das ist keine Romantisierung, sondern wichtig für das Überleben auf der Straße. Und dennoch ist für sie die Straße ein sicherer Ort als das Zuhause. Einrichtungen wie das queere Jugendwohnen gibt es viel zu wenige in Deutschland, das heißt, die queeren Jugendlichen können auch in Einrichtungen der Jugendhilfe Diskriminierung oder sogar Gewalt erfahren. Untereinander fühlen sie sich akzeptiert.
Viele junge LGBTIQ+-Menschen erleben in Notunterkünftigen oder anderweitigen Einrichtungen Diskriminierung – sowohl von den anderen Bewohnern als auch von den Mitarbeitern. Wie hat sich die Lage hier zuletzt entwickelt?
Minderjährige und auch junge Erwachsene haben in den gängigen Notunterkünften nichts, aber auch gar nichts zu suchen. Das ist, egal welcher Geschlechtsidentität oder sexueller Orientierung, kein geeigneter Ort für junge Menschen. Junge queere Menschen gehören in queersensible Jugendhilfeeinrichtungen. Punkt. Sind wohnungs- oder obdachlose Menschen auch noch queer, sind sie einem erhöhten Risiko von Gewalt ausgesetzt. In der Regel gibt es Mehrbettzimmer oder in der Notfallhilfe auch Schlafräume, die binär sortiert sind, also einen Schlafraum für Männer, einen für Frauen. Nichtbinäre Menschen fühlen sich weder in dem einen noch in dem anderen Raum wohl und sicher; desgleichen gilt für trans* Personen. Oftmals ist eine medizinische Versorgung nicht gewährleistet. In einigen Unterkünften gibt es Gemeinschaftsduschen, in anderen ist die Duschzeit pro Person begrenzt. Das kann zu Konflikten führen. Auch können in Mehrbettzimmern oder Schlafsälen die Intimitätsgrenzen nicht eingehalten werden, sodass queere Menschen das nicht als einen für sie geeigneten Raum ansehen. Einige übernachten dann doch lieber draußen, dort fühlen sie sich sicherer.
Sie haben in ihrem Fachbericht festgehalten, dass es höchstwahrscheinlich einen Zusammenhang zwischen sexueller Orientierung beziehungsweise geschlechtlicher Selbstbeschreibung und dem Risiko, wohnungslos zu werden, gibt. Warum ist das Risiko hier besonders groß?
Es gibt verschiedene Faktoren, die das Risiko, wohnungslos oder obdachlos zu werden, begünstigen. Die Gewalt in der Herkunftsfamilie habe ich schon als Risikofaktor benannt. Hinzu kommen zum Beispiel bei erwachsenen Menschen eine als gewaltvoll erlebte Nachbarschaft, die das Wohnen in der eigenen Wohnung nahezu verunmöglicht, also Mobbing, offene oder subtile Drohungen durch Nachbarn, Anrempeln im Treppenhaus und so weiter. Wenn das Zuhause nicht mehr als sicherer Ort erlebt werden kann, kann es sein, dass queere Menschen den Ort verlassen und erst einmal bei Freund*innen unterkommen, oder letztlich auf der Straße landen. Zudem ist das Armutsrisiko insbesondere für trans* Personen erhöht, sie tragen ein erhöhtes Risiko, ihren Job zu verlieren, sei es durch Mobbing oder mangelnde Unterstützung in der Transition. Weiterhin ist es nicht einfach, eine geeignete Wohnung zu finden, der Wohnungsmarkt ist leer. Queere Menschen werden nach wie vor öfters als Mieter*innen abgelehnt, auch das erhöht das Risiko für Wohnungslosigkeit. Schließlich ist Flucht auch ein Risiko, in Deutschland wohnungslos zu sein. Queere Menschen, die wegen struktureller Queerfeindlichkeit ihr Herkunftsland verlassen und hoffen, in Deutschland so leben zu können, wie sie sind, treffen auf einige Hürden.
Wie verbreitet ist Wohnungslosigkeit unter queeren Menschen insgesamt?
Es gibt hier keine Studien, die das Ausmaß quantifizieren. Was wir aus internationalen Studien wissen ist, dass zirka 17 Prozent der queeren Menschen davon berichten, wenigstens einmal in ihrem Leben wohnungslos gewesen zu sein. Davon sollen insbesondere junge trans* Personen betroffen sein. In Deutschland sind bundesweit etwa 800.000 Menschen wohnungslos, wobei deren Anteil in den letzten Jahren zugenommen hat. Da in der Wohnungslosigkeit von einem überproportional hohen Anteil queerer Menschen ausgegangen werden muss, muss ich davon ausgehen, dass nahezu ein Fünftel der wohnungslosen Menschen queer ist.
Beim Thema Wohnungslosigkeit werden queere Menschen oftmals nicht mitgedacht. Was müsste hier dringend geschehen?
Zum einen ist es dringend und zwingend notwendig, den ganzen Bereich der offenen und stationären Jugendhilfe queersensibel zu gestalten. Davon profitieren alle, nicht nur queere Jugendliche. Nehmen wir das Thema duschen: Mit Einführung einer Dusch-Ampel (rot=ich will alleine duschen, gelb=ich will nur mit einer bestimmten Personengruppe duschen, grün=ich dusche mit allen) hilft allen Jugendlichen, ihre Schamgrenzen zu wahren. Zum anderen müssen aber auch die Einrichtungen für Erwachsene die Idee der Zweigeschlechtlichkeit aufgeben und ihre Maßnahmen viel stärker auf die Vielfalt von Geschlechtsidentitäten ausrichten. Es geht also darum, die Systeme neu zu denken, auch jenseits von Geschlecht.
Wenn wohnungslose Jugendliche auf drastische Weise Ablehnung erlebt haben, wie kann man diesen jungen Menschen helfen, darüber hinwegzukommen?
Viele junge queere Menschen sind sehr resilient und benötigen keine psychotherapeutische Unterstützung. Manchmal genügen queere Vorbilder, um das Wissen darum, dass es okay ist, wie man ist, zu stärken – und damit den Selbstwert. Junge Menschen, die weniger resilient sind, benötigen manchmal therapeutische Unterstützung, vor allem mit dem Ziel, der verinnerlichten Queernegativität etwas entgegenzusetzen, zu verdeutlichen, dass patriarchale, queerfeindliche Bilder von außen kommen und den Hatern gehören, nicht uns.
Mit welchen Forderungen würden Sie sich an die Bundesregierung wenden?
Wohnungslosigkeit hat allgemein zugenommen. Wir brauchen daher vor allem günstigen Wohnraum. Und natürlich auch spezifizierte Angebote in der Wohnungslosenhilfe, der Notfallversorgung, die sich speziell an queere Menschen richten. Das umfasst sowohl die Tagesaufenthalte als auch die Übernachtungsmöglichkeiten. Grundsätzlich sehe ich das Problem, dass der soziale Bereich, der Grundrechte sichert, immer stärker finanziell gekürzt wird und zugleich Armut und Wohnungslosigkeit zunehmen.
Das Thema ist nicht nur gesamtgesellschaftlich noch immer vielerorts außen vor, auch innerhalb der Community wird es gerne tabuisiert. Wie erklären sie sich, dass der vielbeschworene Zusammenhalt innerhalb der Community bei diesem Thema offenbar mancherorts einen blinden Fleck hat?
Die queere Community macht nicht nur an dieser Stelle die Augen zu. Viele Angebote richten sich an Menschen, die ein Einkommen haben und es sich leisten können, zum Beispiel Eintritt für eine queere Veranstaltung zu zahlen, oder das Geld für Fahrtkosten haben, um in der Nachbarstadt an einer Selbsthilfegruppe teilzunehmen. Klassismus, das heißt die Ausgrenzung von Menschen, die wenig finanzielle Ressourcen haben, ist vielerorts spürbar. Ich gehöre zu einer Generation Aktivist*innen, die sich für queere Rechte eingesetzt hat und einsetzt, oftmals um den Preis der Altersversorgung. Solide Finanzierungen gibt es nicht überall, und wir müssen auch wieder darum kämpfen, aber insgesamt sieht die Situation heute besser aus als früher. Wir als Beratungsstelle thematisieren immer wieder Ausschlüsse innerhalb der Communitys, sei es wegen einer Behinderung oder Beeinträchtigung, sei es wegen eines vermuteten Migrationshintergrunds, wegen des Alters oder eben wegen mangelnder finanzieller Ressourcen. Und dennoch, das Gefühl, eine Community zu haben und diese auch als Safe Space zu erleben, ist unabdingbar für ein gelingendes Coming-Out und die Entwicklung eines positiven queeren Selbstwerts.
Wenn queere Jugendliche das Glück haben, in queersensible Einrichtungen untergebracht zu werden, wie erleben sie diese dann?
Dort fühlen sie sich "gesehen", angenommen und gewertschätzt. Dort begegnen sie anderen queeren Jugendlichen, sie können ihre Erfahrungen austauschen und gemeinsam ihre queere Identität stärken, und in gewissem Sinn "heilen". Was insbesondere fehlt, sind Einrichtungen oder Anlaufstellen für junge queere Erwachsene, die weder in der Jugendhilfe noch in der Wohnungslosenhilfe aufgefangen werden können.
Vielleicht etwas naiv gefragt, aber warum gibt es bis heute Eltern, die beispielsweise die Homosexualität ihres Kindes ablehnen?
Kultur, insbesondere eine heteropatriarchale Kultur, wird sehr häufig unterfüttert mit rechtskonservativen Interpretationen religiöser Texte. Diese werden aus dem zeitlichen Zusammenhang gerissen und in die Gegenwart übertragen. Sie dienen alleine der Entschuldung derjenigen, die heteropatriarchale Werte mit Gewalt durchsetzen, um eigene Privilegien zu sichern. Eltern können religiös argumentieren, aber ebenso häufig stellt die geschlechtliche und sexuelle Vielfalt eigene, heteropatriarchal geprägte Werte infrage. Das eigene Weltbild wird gesprengt durch das vermeintliche "Anderssein". Menschen, die sich in einer kulturpolitischen Ordnung eingerichtet haben, emotional und ökonomisch, tun sich sehr schwer, diesen Rahmen zu verlassen, ihn zu öffnen für Neues, Anderes. Manchmal denke ich, Faschisten, Evangelikale und Islamisten nehmen sich da nicht viel.
Kommen wir einmal weg von den Eltern und blicken auf andere Aspekte bei queeren Jugendlichen: Welche Rolle spielen Ihrer Einschätzung nach Schulen und Mitschüler dabei, wenn Minderjährige von Zuhause weglaufen? Muss auch im Umfeld der Bildungseinrichtungen mehr getan werden?
Queere Jugendarbeit muss bereits im Kindergarten anfangen, nicht erst in der Schule. Es geht dabei um Akzeptanz, sowohl der queeren Kinder, aber auch der queeren Eltern. In einigen nordischen Ländern steht "Empathie" auf dem Lehrplan. Das wäre auch in Deutschland ein wichtiges Schulfach, ebenso Demokratielehre.
Gibt es mit Blick auf queere Jugendliche ohne Zuhause regionale Unterschiede?
Queere Jugendliche und junge Erwachsene erleben die Stadt oftmals als viel sichereren Raum für ihr Coming-Out und ihr Leben als queerer Mensch als den ländlichen Raum. Zudem gibt es im ländlichen Raum wenige Angebote für queere Menschen, seien es Jugendliche oder Erwachsene. Diese sind eben vor allem in den Städten zu finden. Es heißt nicht umsonst, "Stadtluft macht frei". Für sehr viele queere Menschen trifft das zu. Das bedeutet aber auch, dass die Anonymität der Stadt es queeren Kids hier eher ermöglicht, unterzutauchen.
Welche Angebote oder Schutzräume funktionieren Ihrer Meinung nach besonders gut und könnten bundesweit ausgeweitet werden?
Einrichtungen wie das "Queere Jugendwohnen" werden sehr gut angenommen. Auch andere Einrichtungen wie queere Schutzhäuser oder Schutzwohnungen wie es sie in Berlin und München gibt, sind sehr gute Möglichkeiten, queere Menschen vor einem Leben auf der Straße zu bewahren. Davon benötigen wir aber eigentlich ein bundesweites Netzwerk, als mindestens in jeder größeren Stadt eine Einrichtung.
Wenn queere Jugendliche auf der Straße landen, wie wichtig sind zu diesem Zeitpunkt queere Netzwerke oder Verbände?
Bei queeren Jugendlichen gibt es schon eine spezielle Problemlage, denn das queere Jugendwohnen ist in der Regel an die Jugendhilfe angeknüpft. Viele Jugendliche haben Angst, wieder in die Herkunftsfamilie zurückkehren zu müssen. Es muss also die Möglichkeit geschaffen werden, gegebenenfalls anonym oder ohne Kenntnisnahme der Eltern Schutz zu bekommen. Das ist rechtlich schwierig und läuft dem Auftrag der Jugendhilfe auch ein Stück weit entgegen.
Wie können Medien und die Öffentlichkeit dazu beitragen, das Thema sichtbarer zu machen, ohne die Betroffenen zu stigmatisieren?
Wohnungslosigkeit muss eigentlich immer unter der Brille der Geschlechtsidentität betrachtet werden, das betrifft das Leben von cis-Frauen auf der Straße genauso wie queere Menschen. Beide Bereiche sind nicht hinreichend beleuchtet.
Wenn Sie in die Zukunft blicken, wohin entwickelt sich Ihrer Einschätzung nach die Lage?
Ich gehe davon aus, dass die Armut in Deutschland zunehmen wird, und damit auch ein Risikofaktor für Wohnungslosigkeit. Ganz zu schweigen von dem Rechtsruck, der uns noch einige Jahre begleiten wird. Im Zuge dessen ist zu befürchten, dass Rechte, die wir queeren Menschen uns erkämpft haben, wieder eingedampft werden. Die Entwicklungen in den USA zeigen, wie schnell so etwas gehen kann. Queere Menschen erleben einen zunehmend starken psychischen und physischen Druck in Form von Gewalt, und zugleich müssen wir stark und sichtbar sein – denn wir sind ein Resilienzfaktor der Demokratie.
Frau Ohms, vielen Dank für das Gespräch.