Gefahr im Netz Woher kommt der gewaltbereite Hass auf die LGBTIQ+-Community?
Im April startet in Deutschland wieder die Pride-Saison und mehr denn je stehen CSDs im Zentrum von Angriffen – im letzten Jahr kam es laut einer Studie der Amadeu Antonio Stiftung im Durchschnitt bei der Hälfte aller queeren Demonstrationen zu Vorfällen. Eine Analyse des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit den Generalstaatsanwaltschaften Stuttgart und München zeigte im Frühjahr 2026 auf, dass sich vor allem junge Menschen offenbar immer leichter radikalisieren lassen. Hass auf LGBTIQ+ ist dabei vielerorts ein zentraler Bestandteil. Doch warum? Und wie werden Jugendliche zu Hetze und Gewalt verführt? SCHWULISSIMO fragte nach bei Experte Alexey Manevich von der staatlichen Beratungsstelle Radikalisierung (BAMF):
Junge Menschen scheinen besonders gefährdet zu sein, um sich zu radikalisieren. Warum?
Ob es wirklich eine eindeutige Zunahme der Radikalisierungsgefährdung bei jungen Menschen gibt, hängt stark davon ab, welche Perspektive man auf das Phänomen Radikalisierung zum gewaltbereiten Extremismus wählt und welche Indikatoren man in dem Kontext betrachtet – polizeiliche Zahlen, Verfassungsschutzberichte, Plattformdaten, Dunkelfeldbefragungen oder Beratungsfälle im Bereich Prävention – je nachdem würde sich hier ein unterschiedliches Bild ergeben. Was aber in vielen Veröffentlichungen international wie national konsistent erscheint, junge Menschen werden davon mehr betroffen. Jugendliche und junge Erwachsene sind in einer Lebensphase, in der Identität, Zugehörigkeit, Status, Sinn und moralische Orientierung besonders „in Bewegung“ sind. Das ist per se der Lebensphase immanent – kann aber unter Belastungsbedingungen – Konflikte, Ausgrenzung, psychische Krisen, Leistungsdruck, familiäre Instabilität – anfälliger machen für Angebote, die schnell Klarheit anbieten und Zugehörigkeit versprechen. Digitalität der Lebenswelt junger Menschen kommt hinzu: Aufmerksamkeit ist eine knappe Ressource, und polarisierende Inhalte sind oft besser darin, sie zu binden. Wichtig ist die Einordnung: Die große Mehrheit junger Menschen radikalisiert sich nicht.
Mit welcher Taktik wird hier vorgegangen?
Es gibt nicht „die“ Taktik, sondern vielmehr unterschiedliche Methoden, Dynamiken und Plattform-Logiken, auf die unterschiedliche Milieus und Szenen zurückgreifen – aber gewisse Muster sind wiederkehrend. Typisch ist, dass die erste Berührung mit extremistischen Inhalten selten mit einer Absichtsbekundung nach Radikalisierung beginnt, sondern beiläufig, nicht immer beabsichtigt und schon fast zufällig. Diese Medien erzeugen die Resonanzräume, sie kanalisieren die Wünsche, erwecken Emotionen und Interesse. Initiale Kontakte mit rekrutierenden Milieus kennzeichnen sich durch Andocken an Bedürfnisse: Anerkennung, Gemeinschaft, Orientierung, Aufregung, Humor, Tabubruch, Ästhetik (Memes, Musik, Lifestyle), oder auch „Hilfsangebote“ wie „Komm in unsere Community, wir verstehen dich“. Gerade bei jungen Menschen funktionieren niedrigschwellige Formate – Kommentare, DMs, Discord/Telegram-Gruppen, Gaming-Umfelder, Kurzvideo-Algorithmen. Diese Suchbewegung von „Content“ zu „Community“ und zu „Mission“ wird durch den Prozess der Normalisierung und Verschiebung des eigenen Bezuges zum Milieu begleitet: von „nur ironisch“ zu „eigentlich ist da was dran“, von „die da oben“ zu „bestimmte Gruppen sind schuld“. So verfestigt sich die soziale Bindung an die Gruppe und wird zunehmend handlungsleitend. Ein kritischer Punkt: Nicht jeder Kontakt oder auch Medienkonsum führen zu Radikalisierung. Viele Jugendliche konsumieren problematische Inhalte und verkehren in problematischen Gruppen, ohne die Ideologie zu teilen geschweige Täter:innen zu werden. Gefährlicher wird es, wenn soziale Einbettung und Handlungsorientierung entstehen – wenn Inhalte in Zugehörigkeit und konkrete Handlungslogik übersetzt werden.
Spielen politische Entwicklungen hinein in diese Thematik?
Man sollte vermeiden, demokratische politische Debatten als „Radikalisierungstreiber“ zu etikettieren. Problematisch wird es dort, wo Akteure gezielt Feindbilder, Entmenschlichung und Gewaltlegitimation normalisieren. Politische Großereignisse, Krisen und internationale Konflikte wirken eher als Kontextverstärker: Sie liefern Themen, Bilder, Emotionen und Konfliktlinien, die extremistische Akteure kommunikativ ausnutzen können. Sie können Trigger und Resonanzräume bieten – aber sie erklären nicht automatisch individuelle Radikalisierung. Zwischen „Ereignis“ und „Radikalisierung“ liegen meist: persönliche Lage, Peer-Gruppen, Medienumgebung, Vertrauen in Institutionen, erlebte Ungerechtigkeit, Gefühl von Kontrollverlust und vieles mehr. Erst wenn junge Menschen keine Räume mehr erleben, in denen Ambivalenz und Komplexität ausgehalten werden können, dann wird es ernst.
Junge Menschen sind zumeist fit online, warum versagen dann hier offenbar bei einigen Warnmechanismen?
Die digitale „Fitness“ bedeutet oft Bedienkompetenz, nicht automatisch Urteils- und Reflexionskompetenz. Viele Jugendliche sind sehr schnell in Apps, aber das schützt nicht vor manipulativen Kommunikationsstrategien, sozialem Druck oder algorithmisch verstärkter Einseitigkeit. Warum wird weniger hinterfragt? Soziale Logik: In Gruppen zählt Zugehörigkeit. Wer ständig widerspricht, riskiert Ausschluss. Affektlogik: Inhalte sind emotional gebaut (Wut, Ekel, Angst, Spott). Gefühle laufen der kritischen Prüfung oft voraus. Aufmerksamkeitslogik: Kurzformate belohnen schnelle Urteile statt langsamer Prüfung. Vertrauenslogik: Influencer/Peers wirken „authentisch“, klassische Institutionen wirken „fern“. Normalisierung: Wenn problematische Inhalte häufig auftauchen, wirken sie irgendwann „gewöhnlich“. Das heißt nicht, dass Jugendliche grundsätzlich unkritisch sind. Viele sind sehr reflektiert – nur: In bestimmten Lebenslagen können diese Mechanismen kritisches Urteilvermögen aushebeln.
Welche psychologischen Faktoren spielen eine Rolle?
Radikalisierung entsteht oft aus einer Konstellation von Bedürfnissen, Situationen, Gelegenheiten und Angeboten. Häufig sind folgende Faktoren zu finden: Zugehörigkeits- und Anerkennungsbedürfnis (Community, Status, „wir gegen die“), Sinn- und Orientierungsbedürfnis (klare Erklärungen, klare Moral), Kränkung, Scham, Statusbedrohung (real oder empfunden), Kontrollverlust oder Unsicherheit werden mit Attraktivität einfacher Erklärungen ausgeglichen, „Feindbildentlastung“ (Komplexität wird auf „Schuldige“ reduziert) und soziale Verstärkung: Belohnung durch Likes, Anerkennung, Rollen in der Gruppe.
Wie stark ist der Einfluss von Influencern dabei?
Die Influencer üben keinen direkten Einfluss aus, sodass durch ihre Aussagen Jugendliche direkt radikal werden. Eher wirken Influencer als Vertrauens- und Verstärkerinstanzen: Sie normalisieren Haltungen, setzen Themen, liefern Deutungsrahmen oder verschieben Grenzen des Sagbaren. Manche Influencer sind bewusst ideologisch unterwegs und dienen als Rekrutierungs- beziehungsweise Mobilisierungsknoten. Andere sind eher „Lifestyle/Politainment“ und tragen über Zuspitzung, Feindbildhumor oder skandalisierende Erzählungen zur Affektaufladung bei, ohne selbst eine Szene anzuleiten. Und wieder andere wirken als Schutzfaktor, weil sie Gegen-Narrative, Medienkompetenz oder Ausstiegsimpulse anbieten.
Im Durchschnitt dauert es laut LKA-Studie inzwischen weniger als ein Jahr, bis der Radikalisierungsprozess „abgeschlossen“ ist. Warum?
Radikalisierung ist kein einheitlicher Prozess mit klarer Stoppuhr. Es ist ebenso wenig ein sprunghaftes Geschehen: im Hintergrund wachsen Einstellungen, Zugehörigkeiten und Routinen– und dann werden diese nach außen plötzlich wahrnehmbar. Was man aber plausibel erklären kann: Online-Umgebungen können durch ihre permanente Verfügbarkeit, Intensivierung des Gruppenerlebens, Reizüberflutung solche Prozesse verdichten und schnelle Eskalationspfade bieten.
Was können junge Menschen tun, um erst gar nicht Gefahr zu laufen, radikalisiert zu werden?
Jugendliche können nicht allein gegen professionelle Manipulations-Ökosysteme bestehen und benötigen eine beschützende Umgebung. Trotzdem gibt es konkrete Ansatzpunkte einer digitalen Hygiene - es geht hierbei um Schutzmechanismen, wie man sie auch bei Sucht-, Gewalt- oder Mobbingdynamiken kennt: Früherkennung, Distanz, alternative Zugehörigkeit, Hilfe holen. Möglichst früh Warnzeichen bei sich ernst nehmen: Wenn Content dauerhaft wütend macht, Feindbilder zementiert oder Gewalt „verständlich“ erscheinen lässt, ist das ein Alarmzeichen – nicht „Politikinteresse“. Diversifizieren statt Tunnel: Unterschiedliche auch „unbeliebte“ Quellen und Perspektiven anschauen. Aktiv aus der „Für dich“-Spirale ausbrechen (Accounts entfolgen, Verlauf/Empfehlungen resetten, neue Themen setzen). Soziale Realität pflegen: Offline-Kontakte, Sport, Vereine, reale Anerkennung – das reduziert die Anziehungskraft von reinen Online-Identitäten. Möglichst früh Reflexionspartner suchen: Eine erwachsene Vertrauensperson, Lehrkraft, Jugendsozialarbeit – oder Beratungsangebote, bevor es „peinlich“ oder „zu spät“ wirkt.
Welche Unterschiede und welche Überschneidungen gibt es im Bereich der Radikalisierung von rechtsextremen und islamistischen Tätern?
Es gibt klare Unterschiede in Ideologie und Symbolik – aber auch erstaunliche Überschneidungen in Mechanismen. Überschneidungen sind dabei ein Identitätsangebot („Du bist Teil von etwas Größerem“), moralische Eindeutigkeit, Feindbilder und Entmenschlichung (Schuldige, Verräter, „die Anderen“), Community-Bindung, Opfer- und Bedrohungsnarrative („Wir werden angegriffen, wir müssen uns wehren“) und Einstieg über niedrigschwelligen Content. Rechtsextreme Mobilisierung arbeitet jedoch häufig mit ethnonationaler Zugehörigkeit, Verschwörungsnarrativen und „metapolitischen“ Strategien (Kulturkampf, Humor/Meme-Warfare, Codes). Islamistische Mobilisierung arbeitet hingegen häufig stärker mit religiöser Legitimation, Pflichtenethik, Heils- und Sinnversprechen sowie transnationalen Konflikterzählungen.
Geht die größere Gefahr in Deutschland eher von radikalisierten Jugendlichen im Bereich Rechtsextremismus oder im Bereich Islamismus aus?
Die Frage nach der „größeren Gefahr“ ist verständlich – aber analytisch problematisch. Gefährdung lässt sich meiner Meinung nach nicht eindimensional messen. In Deutschland zeigen Sicherheitsberichte seit Jahren, dass rechtsextreme Straftaten zahlenmäßig dominieren, insbesondere im Bereich Hasskriminalität und politisch motivierter Gewalt. Gleichzeitig bleibt der islamistische Extremismus sicherheitsrelevant, vor allem wegen einzelner hochdynamischer Radikalisierungsverläufe und transnationaler Konfliktbezüge.
Welche Merkmale zeichnen Jugendliche aus, die sich leichter radikalisieren lassen?
Es gibt keine klar umrissene „Risikogruppe“, keine einfache demografische Formel. Was die Forschung beschreibt, sind Risikokonstellationen, zum Beispiel: Gefühl von sozialer Ausgrenzung oder Statusverlust, Brüche in Bildungs- oder Lebensbiografien, intensive Online-Isolation bei gleichzeitiger Suche nach Zugehörigkeit, erlebte oder empfundene Kränkung, hohe Konfliktdynamiken im sozialen Umfeld und geringe Ambiguitätstoleranz unter Stress. Entscheidend ist das Zusammenwirken der Bedürfnisse, ideologischer Angebote und Gruppendynamiken.
Kann eine Radikalisierung nur gelingen, weil Eltern in gewisser Weise „versagt“ haben?
Die Vorstellung, Radikalisierung sei primär ein Resultat elterlichen „Versagens“, greift deutlich zu kurz. Eltern spielen zweifellos eine Rolle durch Bindungsqualität, gelebte Gesprächskultur, Medienbegleitung und vieles mehr. Sie tragen auch eine Vorbildfunktion im Umgang mit Konflikten und Vielfalt. Und dennoch können sich auch Jugendliche aus stabilen, engagierten Familien radikalisieren. Radikalisierung ist selten monokausal. Eine Schuldzuschreibung kann sogar kontraproduktiv sein, weil sie Hilfesuche erschwert. Wichtiger ist deshalb die Frage: Wie können Eltern befähigt werden, Warnsignale früh zu erkennen und Gesprächsbrücken offen zu halten – ohne sofort moralisch zu eskalieren?
Und wie gelingt das?
Radikalisierung geht fast immer mit starken Änderungen des Verhaltens und der Lebensweise einher. Einzelne Verhaltensweisen sind dennoch kein Beweis für Radikalisierung: die Phasen der Erwachsenwerdens bringen für das Umfeld oft ohnehin Erfahrungen von Ausgrenzung, Provokation oder Schwarz-Weiß-Denken mit sich. Warnsignale können sein, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: Wandlung des äußeren Erscheinungsbildes, Tragen entsprechender Symbole, starke ideologische Verhärtung („Alle anderen lügen“); zunehmende Feindbildsprache, Entmenschlichung, verbale Aggression, ideologische Formulierungen; Rückzug in geschlossene Online-Räume, Abkehr von bisher wichtigen Lebensbereichen und Interessen; abrupter Abbruch bisheriger Freundschaften und sozialem Umfeld; intensive Beschäftigung mit Gewaltlegitimation; fehlende Einsicht, völlige Abschottung gegenüber anderen Meinungen und Widersprüchen. Entscheidend ist die Reaktion der Eltern: Konfrontation führt oft zur Eskalation und verursacht weitere Abschottung. Zielführender ist: Interesse zeigen statt sofort bewerten, offene Fragen stellen, Beziehung stabil halten und möglichst früh externe Beratung einholen.
Junge Menschen lassen sich insbesondere verstärkt mit Blick auf die LGBTIQ+-Community radikalisieren. Warum?
Extremistische Ideologien – ob rechtsradikal oder islamistisch – arbeiten oft mit stark normierten Identitätsmodellen (ethnisch, religiös, geschlechtlich). Queere Lebensweisen symbolisieren für solche Ideologien Pluralität, Selbstbestimmung, Hinterfragen traditioneller Rollenbilder und gesellschaftlichen Wandel. Damit werden sie leicht zu Projektionsflächen für Bedrohungsnarrative („Zerfall der Ordnung“, „Moralverfall“, „Umerziehung“). Nicht „die queere Community“ ist vulnerabel, vielmehr sie wird instrumentalisiert. Feindbilder sind strategische Werkzeuge, um Emotionen zu mobilisieren und Gruppenidentität zu stärken. Gerade in digitalen Räumen wirken Empörungsdynamiken verstärkend: Sichtbarkeit der Community führt nicht automatisch zu Ablehnung – aber sie kann von extremistischen Akteuren gezielt skandalisiert werden.
Immer wieder ist zu hören, die queere Community sei einfach zu laut und sichtbar und werde deswegen verstärkt zum Ziel von Angriffen.
Die Formulierung enthält eine typische Schuldverschiebung im Sinne der Täter-Opfer-Umkehr: Sie impliziert, dass erhöhte Sichtbarkeit die Ursache von Anfeindungen sei. Analytisch ist das problematisch. Sichtbarkeit erzeugt nicht automatisch Hass – sie macht lediglich gesellschaftliche Vielfalt wahrnehmbarer. Extremistische Ideologien arbeiten häufig mit dem Narrativ der „Überpräsenz“ oder „Übergriffigkeit“ bestimmter Gruppen. Das ist ein klassisches Muster: Eine Minderheit wird symbolisch vergrößert und als Bedrohung inszeniert, um Mobilisierung zu erzeugen.
Gibt es neben LGBTIQ+ weitere Themen, die besonders effektiv sind, um Jugendliche zu radikalisieren?
Ja – extremistische Akteure greifen bevorzugt Themen auf, die emotional aufgeladen erscheinen und gesellschaftlich kontrovers konstruiert sind. Es geht weniger um das einzelne Thema als um die Struktur der Erzählung: Polarisierung, Vereinfachung, Emotionalisierung. Als Beispiele können die Migrationsprozesse und „Überfremdung“-Narrative, Verschwörungserzählungen rund um Eliten oder „geheime Mächte“ oder auch „Untergangs“-Narrative erwähnt werden.
Welche Rolle spielen dabei alltägliche Erfahrungen in der Schule?
Schule ist ein zentraler Sozialisationsraum, welcher sowohl Risiko- als auch Schutzfaktoren mit sich bringt. So können Mobbing, soziale Ausgrenzung, erlebte Demütigung oder Statusverlust aber auch Konflikte rund um Identität, Zugehörigkeit oder Leistungsdruck Risikodimensionen bilden. Gleichwohl kann Schule ein starker Schutzraum sein, in dem demokratische Diskursfähigkeit gefördert wird, Ambiguitätstoleranz geübt wird, kontroverse Themen moderiert statt tabuisiert werden und vor allem Schüler:innen Anerkennung jenseits von Leistungsnormen erfahren.
Was würden Sie Lehrern raten, wie sie bestenfalls mit Schülern umgehen, die sich offensichtlich immer stärker radikalisieren?
Lehrkräfte stehen oft unter enormem Druck und sind großen Belastungen ausgesetzt: Sie können Radikalisierung nicht allein „lösen“. Aber sie sind wichtige Bezugspersonen und sind zudem oft in der Lage, früh Radikalisierungstendenzen zu erkennen. Dazu können Sie im Vergleich zu den Angehörigen auf andere Quellen, wie die Klassengemeinschaft und -dynamiken sowie Interaktionen zurückzugreifen. Sind die Tendenzen einmal erkannt, so können wichtige Prinzipien zur Anwendung kommen: Gesprächsfähigkeit statt Tabuisierung: Kontroverse Themen sollten moderiert werden, nicht verdrängt. Wenn Schule schwierige Debatten nicht führt, können sie sich in unmoderierte Online-Räume verlagern. Früh reagieren bei radikal anmutenden Äußerungen: Nicht jede provokante Aussage ist extremistisch – aber systematische Abwertung bestimmter Gruppen darf nicht normalisiert werden. Kooperation: Einbindung von Schulsozialarbeit, externen Präventionsstellen, Fortbildungen und Sensibilisierung fürs Thema.
Müssten die Betreiber von sozialen Plattformen wie YouTube, TikTok oder Telegram stärker zur Verantwortung gezogen werden?
Die Frage ist berechtigt, aber komplex. Plattformen sind keine neutralen Räume. Ihre Geschäftsmodelle basieren auf Aufmerksamkeit und Interaktion – und polarisierende Inhalte erzeugen überdurchschnittliche Interaktion. Gleichzeitig muss man realistisch bleiben: Plattformregulierung allein wird Radikalisierung nicht beenden. Sie ist ein Baustein – neben sozialer Prävention, Bildung, Elternarbeit und demokratischer Kulturarbeit. Ein rein repressiver Ansatz birgt zudem Risiken für Meinungsfreiheit und Ausweichbewegungen in die abgeschotteten Räume. Es könnte neben technischen und regulatorischen Maßnahmen hier auch mehr die präventive Ebene berücksichtigt werden: Dazu gehören Förderung digitaler Medienkompetenz, Kooperation mit Präventions- und Beratungsstellen und Counter-Speech-Programme.
Union und SPD diskutieren seit Monaten über ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren, viele Jugend-, Eltern- und Lehrerverbände sowie auch queere Organisationen sprechen sich dagegen aus. Wie blicken Sie auf diese Debatte?
Ein pauschales Verbot klingt nach einer klaren Lösung – ist aber praktisch und rechtlich komplex. Die Alternative „nur Medienkompetenz“ greift allerdings ebenfalls zu kurz. Es geht weniger um „Verbot oder nicht“, sondern um strukturelle Gestaltung digitaler Räume. Medienkompetenz ist wichtig – aber sie wirkt nicht sofort und nicht bei allen gleich. Realistischer erscheint ein mehrdimensionaler Ansatz, welcher altersangemessene Designregeln, stärkere Plattformverantwortung, wirksame Schutzmechanismen gegen algorithmische Verstärkung sowie flankierende Bildungsangebote und Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene berücksichtigt.
Wenn ich online oder anderweitig auf radikalisierte Jugendliche treffe, ist es überhaupt noch sinnvoll, in die Argumentation zu gehen – oder ist hier jede Bemühung zwecklos?
Direkte Konfrontation mit stark radikalisierten Personen ist selten erfolgreich – insbesondere in öffentlichen Kommentarspalten. Dort geht es oft nicht um Argumente, sondern um Status und Signalwirkung. Deswegen ist es primär wichtig, eher für stille Mitlesende differenzierte Gegenpositionen sichtbar zu machen und extremistische Haltungen nicht unwidersprochen stehen zu lassen. In privaten Kontexten – wenn eine Beziehung besteht – sind Dialogchancen größer. Aber auch hier gilt: Beziehung vor Belehrung.
Ist es für Jugendliche schwer, einen „Weg zurück“ zu finden?
Ein Ausstieg ist möglich – aber oft emotional anspruchsvoll. Radikalisierung bietet Identität, Gemeinschaft und Sinn. Der Ausstieg geht häufig mit dem Verlust sozialer Bindungen und Gesichtsverlust einher. Das bringt innere Konflikte mit sich und ruft starke Schuld- und Schamgefühle hervor. Unterstützend können dabei alternative Zugehörigkeiten und stabile Bezugspersonen wirken. Ein Ausstieg ist selten ein abrupter Bruch, sondern ein Prozess. Und Jugendliche brauchen Räume, in denen sie Positionen überdenken können, ohne sofort stigmatisiert zu werden. Dazu benötigen sie eine professionelle Begleitung, die eine langsame kognitive Neubewertung ermöglicht, Ambivalenzen auszuhalten lehrt und bei lebenspraktischer Neuorientierung mitgestaltet.
Was müsste geschehen, um die Entwicklung der Radikalisierung von Jugendlichen in Deutschland sinnvoll entgegenzuwirken?
Eine rein sicherheitsorientierte Reaktion greift zu kurz. Ebenso eine rein moralische Appellstruktur. Radikalisierung ist ein komplexes innerpsychisches und gleichwohl gesellschaftliches Phänomen. Entsprechend braucht es mehrschichtige Antworten, die von früher Prävention im Sinne sozialer Teilhabe und Anerkennungsräume bis hin zur Etablierung gesellschaftlicher Resilienz im Umgang mit Polarisierung ohne Feindbildproduktion reichen. Dazu gehören auch die schulbasierten Ansätze zur Demokratiebildung und Diskurskompetenz, Plattformregulierungen, Stärkung der Familien und nicht zuletzt professionelle Interventionsangebote.
Herr Manevich, vielen Dank für das Gespräch.
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