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Rotstift bei Fördermitteln
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Rotstift bei Fördermitteln Fast alle queeren Vereine weltweit müssen mit Einsparungen leben

ms - 14.09.2026 - 11:00 Uhr
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Die internationale LGBTIQ+-Bewegung steht nach einer neuen Untersuchung vor erheblichen finanziellen Problemen. Seit Januar 2025 haben 203 von 229 untersuchten Organisationen ganz oder teilweise Fördermittel verloren. Das entspricht 88,6 Prozent der befragten Organisationen.

Das Wichtigste im Überblick

  • 203 von 229 untersuchten LGBTIQ+-Organisationen haben seit Januar 2025 ganz oder teilweise Fördermittel verloren.
  • Das entspricht 88,6 Prozent der befragten Organisationen aus 94 Ländern.
  • 49 Prozent der betroffenen Organisationen verloren mehr als die Hälfte ihres Budgets, 75 Prozent mehr als ein Viertel.
  • 40 Prozent bewerten ihre Lage für die kommenden zwölf Monate als ernst oder unmittelbar kritisch.
  • Zehn Prozent sehen sich unmittelbar von einer Schließung bedroht.
  • 71 Prozent der betroffenen Organisationen haben bereits Beschäftigte entlassen, Gehälter gekürzt oder beides getan.
  • Besonders betroffen sind unter anderem Gesundheitsangebote, HIV-Hilfen und Schutzunterkünfte.
  • Als wichtiger Auslöser gelten die von der US-Regierung unter Präsident Donald Trump ab Januar 2025 eingefrorenen internationalen Hilfen.

Förderkrise bei queeren Vereinen

Die Zahlen stammen aus dem Bericht „Breaking Point: The Urgent Need to Invest in Global LGBTIQ Movements“, den Outright International jetzt veröffentlichte. Die Organisation setzt sich für die Menschenrechte lesbischer, schwuler, bisexueller, trans*, intergeschlechtlicher und queerer Menschen ein. Für die Untersuchung wurden zwischen Ende Februar und Ende April 2026 insgesamt 229 LGBTIQ+-Organisationen in 94 Ländern befragt. Die Befragung wurde in zehn Sprachen durchgeführt. Zusätzlich führten die Autoren im Juni dieses Jahres weitere, ausführliche Interviews. Outright International weist dabei darauf hin, dass die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf die gesamte weltweite LGBTIQ+-Bewegung übertragen werden können. Die Teilnahme war freiwillig. Es sei deshalb möglich, dass besonders stark von Finanzierungskürzungen betroffene Organisationen eher bereit gewesen seien, an der Untersuchung teilzunehmen. Die generelle Tendenz der Sparmaßnahmen zeigten sich allerdings dennoch gut. 

Die Lage existenziell

Wie gravierend die finanziellen Einbußen sind, zeigt der Blick auf die Budgets. 49 Prozent der betroffenen Organisationen verloren mehr als die Hälfte ihrer finanziellen Mittel. Bei 75 Prozent fiel mehr als ein Viertel des Budgets weg. Hinzu kommt, dass die meisten Organisationen nur über vergleichsweise geringe finanzielle Reserven verfügen. 73 Prozent haben jährlich weniger als 250.000 US-Dollar zur Verfügung. Entsprechend begrenzt sind ihre Möglichkeiten, kurzfristige Ausfälle bei der Finanzierung auszugleichen. Für 40 Prozent der betroffenen Organisationen ist die Situation mit Blick auf die kommenden zwölf Monate bereits ernst oder unmittelbar kritisch. Zehn Prozent sehen sich sogar unmittelbar von einer Schließung bedroht. 

In Deutschland ist davon unter anderem die größte queere Jugendorganisation Lambda betroffen – die Bundesregierung strich zum Jahr 2027 alle Fördergelder. Auch längerfristig sind die Aussichten vielfach schlecht. 36 Prozent halten es für wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich, dass sie ihre Arbeit innerhalb eines Jahres einstellen müssen. Nur drei Prozent der befragten Organisationen bezeichneten ihre finanzielle Lage als stabil. Die Krise erreicht zudem unmittelbar die Beschäftigten. 71 Prozent der betroffenen Organisationen haben bereits Mitarbeiter entlassen, Gehälter reduziert oder beide Maßnahmen ergriffen.

Besonders betroffen sind Schutzsysteme

Die finanziellen Einschnitte treffen laut Bericht vor allem Organisationen in Ländern, in denen Diskriminierung besonders stark verbreitet ist, öffentliche Dienstleistungen weniger leistungsfähig sind und der Zugang zur Justiz schlechter abgesichert ist. Ein deutlicher Unterschied zeigt sich bei der Unabhängigkeit der Strafrechtssysteme: In 73 Prozent der Länder mit den am wenigsten unparteiischen Strafrechtssystemen verlor mindestens eine LGBTIQ+-Organisation Fördermittel. In Staaten mit den unparteiischsten Systemen lag dieser Anteil bei 33 Prozent. Die finanziellen Probleme bleiben dabei nicht auf die Organisationen selbst beschränkt. Sie wirken sich zunehmend auf die Menschen aus, die auf deren Unterstützung angewiesen sind.

Gesundheitsangebote und HIV-Hilfe

Die Hälfte der betroffenen Organisationen hat ihre Gesundheitsangebote reduziert. Dazu zählen auch Hilfen für die psychische, sexuelle und reproduktive Gesundheit. Weitere 45 Prozent mussten Programme zur Prävention, Behandlung und Betreuung im Zusammenhang mit HIV verkleinern oder vollständig einstellen. Besonders problematisch ist die Situation bei akuten Notlagen. 63 Prozent der betroffenen Organisationen können nach eigenen Angaben nicht mehr ausreichend auf Fälle von Gewalt, Verhaftungen, Vertreibung, Wohnungsverlust oder dringend notwendigen Umsiedlungen reagieren. In Ländern, die von bewaffneten Konflikten oder humanitären Krisen betroffen sind, liegt dieser Anteil sogar bei 73 Prozent.

Auch Schutzunterkünfte und sichere Wohnmöglichkeiten sind gefährdet. Der Bericht führt Beispiele von bereits geschlossenen oder von der Schließung bedrohten Einrichtungen auf vier Kontinenten an. In Kenia musste Nadharia CBO seine Schutzunterkunft schließen, weil die Organisation die Miete nicht mehr aufbringen konnte. In der Ukraine reduzierte eine queere Organisation wegen des Krieges sowohl ihr Personal als auch ihre Öffnungszeiten. Dadurch konnte sie Menschen während des Konflikts weniger umfassend unterstützen.

US-Regierung als wichtiger Auslöser

Die Auswirkungen verteilen sich nicht gleichmäßig auf alle Gruppen innerhalb der LGBTIQ+-Community. 71 Prozent der befragten Organisationen nennen trans*, nicht-binäre und genderdiverse Menschen als besonders stark von den Folgen betroffen. Auf Platz zwei folgen lesbische, bisexuelle und queere Frauen. Sie wurden von 61 Prozent der Organisationen als besonders betroffene Gruppe genannt.

Einen wesentlichen Ausgangspunkt der aktuellen Finanzierungskrise sieht Outright International im Einfrieren internationaler Hilfen durch die US-Regierung unter Präsident Donald Trump im Januar 2025. Die zunächst als 90-tägige Aussetzung angekündigte Maßnahme wurde von der späteren Streichung zahlreicher Programme abgelöst. Mehr als die Hälfte der Organisationen, die Fördermittel verloren haben, führt zumindest einen Teil dieser Ausfälle auf die US-Regierung zurück. Auch der Global Equality Fund wurde bis April 2025 geschlossen. Der Fonds hatte in seinem ersten Jahrzehnt mehr als 100 Millionen US-Dollar an Organisationen und Einzelpersonen vergeben, die sich in mehr als 100 Ländern für die Rechte von LGBTIQ+-Menschen einsetzten. Im Juli 2025 stellte zudem USAID seine Tätigkeit als unabhängige Behörde ein. Gleichzeitig kürzten auch andere öffentliche, private und philanthropische Geldgeber ihre Unterstützung.

Welche Folgen diese Entwicklung vor Ort hat, zeigt sich an mehreren Beispielen. Im Irak stellte IraQueer ein Sicherheitsprojekt ein, das sich an Organisationen und Aktivisten richtete. In Westafrika kann eine von intergeschlechtlichen Menschen geführte Organisation inzwischen weder die Kosten für ihre Räumlichkeiten noch die Bezahlung ihrer Beschäftigten finanzieren. Das Personal arbeitet dort weiterhin ehrenamtlich. In Ecuador musste ein Gemeinschaftszentrum schließen, das 2016 eröffnet worden war. Die Schließung erfolgte kurz vor dem zehnten Jahrestag seiner Gründung.

Langfristige Finanzierungen

Outright International fordert angesichts der Entwicklung eine schnelle Stabilisierung der Finanzierung. Benötigt würden insbesondere Fördermittel, die flexibel eingesetzt werden können und über mehrere Jahre gesichert sind. Nach Einschätzung der Organisation geht es dabei um weit mehr als um die Aufrechterhaltung einzelner Projekte. Wenn LGBTIQ+-Organisationen verschwinden, gingen nicht nur Dienstleistungen und Arbeitsplätze verloren. Auch Fachwissen, wichtige Anlaufstellen innerhalb der Gemeinschaften und über Jahrzehnte gewachsene Vertrauensbeziehungen könnten verloren gehen. Diese Strukturen, warnt der Bericht, seien anschließend nur schwer wieder aufzubauen.

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