Mehr Hochzeiten in Brasilien Angst vor Verlust von Rechten führte zu mehr Homo-Ehen
Die Wahl des offen homophoben brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro hat offenbar die Entscheidung gleichgeschlechtlicher Paare zur Eheschließung beeinflusst. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie von Forschern der Universitäten Tübingen und Valencia sowie der EBS Universität für Wirtschaft und Recht in Oestrich-Winkel. Die Untersuchung wurde im „Journal of Population Economics“ veröffentlicht.
Das Wichtigste im Überblick
- Eine Studie untersuchte den Einfluss der Wahl Jair Bolsonaros auf die Eheschließungen gleichgeschlechtlicher Paare in Brasilien.
- In Gemeinden mit höherem Stimmenanteil für Bolsonaro nahm die Zahl gleichgeschlechtlicher Eheschließungen nach seiner Wahl 2018 deutlich zu.
- Besonders stark war der Anstieg unmittelbar vor seinem Amtsantritt im Januar 2019.
- Der Effekt war bei lesbischen Paaren stärker als bei schwulen Paaren.
- Die Forscher vermuten vor allem die Sorge vor einem möglichen Verlust von Rechten und den Wunsch nach rechtlicher und finanzieller Absicherung als Gründe.
Paare vor dem Traualtar
Die Forscher verglichen die Entwicklung gleichgeschlechtlicher Eheschließungen in brasilianischen Gemeinden mit unterschiedlich hoher Zustimmung für Bolsonaro bei der Präsidentschaftswahl 2018. Dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang: Je höher der Stimmenanteil für Bolsonaro war, desto stärker stieg die Zahl der gleichgeschlechtlichen Eheschließungen nach seiner Wahl. Besonders deutlich wurde der Effekt unmittelbar vor Beginn seiner Amtszeit. Eine um zehn Prozentpunkte höhere Zustimmung zu Bolsonaro war im Januar 2019, verglichen mit September 2018, mit einem Anstieg der Zahl gleichgeschlechtlicher Eheschließungen um etwa 85 Prozent verbunden. Der Effekt war statistisch signifikant sowohl bei schwulen als auch bei lesbischen Paaren. Über das gesamte Jahr nach der Wahl entsprach ein um zehn Prozentpunkte höherer Stimmenanteil für Bolsonaro im Durchschnitt einem Anstieg der gleichgeschlechtlichen Eheschließungen um rund zwölf Prozent.
Besonders lesbische Paare betroffen
Der Anstieg wurde vor allem von Eheschließungen lesbischer Paare getragen. Besonders stark war die Reaktion bei Menschen zwischen 25 und 39 Jahren. Bei jüngeren Paaren zwischen 18 und 24 Jahren war der Effekt geringer, aber ebenfalls statistisch nachweisbar. Bei Menschen zwischen 40 und 59 Jahren zeigte sich ein moderater Effekt. Bei Menschen ab 60 Jahren stellten die Forscher dagegen keine entsprechende Reaktion fest. Nach Einschätzung der Autoren spricht vieles dafür, dass die Paare ihre Eheschließung vorzogen oder sich überhaupt erst dafür entschieden, weil sie einen möglichen Verlust ihrer Rechte befürchteten. Nach Bolsonaros Amtsantritt verschwand der Effekt wieder: Die Zahl der Eheschließungen sank nicht unter das vorherige Niveau, sondern kehrte zu ihrem langfristigen Trend zurück. Das deutet nach Ansicht der Forscher darauf hin, dass nicht lediglich ohnehin geplante Hochzeiten vorgezogen wurden.
Rechtliche Absicherung als Motiv
Gleichgeschlechtliche Ehen sind in Brasilien seit 2011 legal. Seit einer Resolution des Nationalen Justizrats von Mai 2013 dürfen Notare und Standesämter Eheschließungen gleichgeschlechtlicher Paare nicht mehr verweigern. Damit erhielten Paare unter anderem Rechte bei Erbschaften, Sozialleistungen, Krankenversicherung und steuerlichen Vergünstigungen. 2022 machten gleichgeschlechtliche Eheschließungen etwa 1,3 Prozent aller Eheschließungen in Brasilien aus.
Dabei bestand nach Einschätzung der Forscher keine unmittelbare rechtliche Möglichkeit für Bolsonaro, das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe abzuschaffen. Die Befugnis dazu lag nicht beim Präsidenten, auch andere politische Wege zu einer solchen Änderung waren stark begrenzt. Dennoch könnte die politische Situation bei Betroffenen die Wahrnehmung einer Bedrohung ausgelöst haben. Die Autoren argumentierten, dass bereits eine relativ geringe wahrgenommene Wahrscheinlichkeit eines Rechtsverlusts ausreichen kann, um eine Eheschließung aus Vorsicht attraktiv erscheinen zu lassen.
Bolsonaro mit deutlichen Äußerungen
Bolsonaro hatte sich bereits vor seiner Wahl mehrfach offen homophob geäußert. Im Juni 2011 sagte er: „Wenn ein schwules Paar in mein Gebäude ziehen würde, würde meine Immobilie an Wert verlieren. Wenn sie dort Händchen halten und sich küssen würden, würde sie an Wert verlieren!“ Zudem hatte Bolsonaro erklärt, er sei „stolz darauf, homophob zu sein“, und gesagt, er würde „lieber seinen Sohn bei einem Autounfall sterben sehen, als dass er schwul wäre“. Die Forscher verweisen auf diese Aussagen als Ausdruck einer besonders ausgeprägten homophoben Rhetorik.