Rugby-Spieler Kyle Loughman Nach homophoben Attacken Rückkehr zu sich selbst
Für Kyle Loughman schließt sich in Australien ein Kreis. Als Kind spielte er in Irland Rugby, doch sein Coming-Out als Schwuler machte die Zeit im Sport für ihn zunehmend schwierig. Einige Mannschaftskameraden wollten ihn wegen seiner sexuellen Orientierung nicht in der Umkleidekabine haben. Noch vor seinem 20. Geburtstag gab Loughman Rugby deshalb auf.
Das Wichtigste im Überblick
- Kyle Loughman hatte Rugby als junger schwuler Mann in Irland aufgegeben.
- In der San Francisco Fog fand er Jahre später eine inklusive Rugby-Gemeinschaft.
- Nun nimmt er erstmals am Bingham Cup in Brisbane teil.
- Das internationale Turnier bringt Teams aus aller Welt zusammen und gilt als Höhepunkt des inklusiven Rugbys.
- Für Loughman steht der Wettbewerb auch für die Geschichte und den Kampf der LGBTIQ+-Community im Rugby.
- Seine wichtigste Erkenntnis: Die richtige Gemeinschaft verändert nicht, wie man Rugby spielt – aber wie man sich selbst sieht.
Rugby als Familiengeschichte
Heute spielt er wieder – und steht mit der San Francisco Fog beim Bingham Cup in Brisbane auf dem Platz. Das Turnier gilt als Höhepunkt des internationalen schwulen und inklusiven Rugbys. 2026 findet der Bingham Cup erstmals in Brisbane statt. Loughmans Verbindung zum Sport reicht dabei tief in seine Familie. Sein Vater sah Rugby als Möglichkeit, eine Verbindung zu seinen Kindern aufzubauen. Er wollte, dass jedes seiner Kinder dieselben Bindungen entwickelt, die er selbst auf dem Spielfeld gefunden hatte.
Sein älterer Bruder Jeremy ist irischer Nationalspieler auf der Position des Props und nahm an der Rugby-Weltmeisterschaft 2023 teil. Auch Loughmans Zwillingsbruder spielt und trainiert inklusive Mannschaften. Seine Schwester wiederum spielt Frauen-Tag-Rugby. Rugby ist damit ein fester Bestandteil der gesamten Familie. Bei Loughman wäre diese Verbindung allerdings beinahe gerissen. Er outete sich mit zwölf Jahren als schwul. Zu dieser Zeit lebte seine Familie in einer ländlichen katholischen Gemeinde in Irland. Sein Coming-Out machte seine Rugbyjahre zunehmend einsam. Einige Mitspieler wollten ihn wegen seiner sexuellen Orientierung nicht in der Umkleidekabine haben. Dabei sei nicht das Rugby selbst das Problem gewesen. Vielmehr habe er das Umfeld rund um den Sport abgelehnt.
Ende und Neustart
Wenn es allein nach ihm gegangen wäre, hätte er deshalb schon deutlich früher aufgehört. Noch vor seinem 20. Geburtstag gab Loughman Rugby dann schlussendlich wirklich auf – zumindest glaubte er damals, dass es endgültig sei. Später lebte Loughman in London und arbeitete in der Gastronomie. Als die Welt 2020 wegen der Corona-Pandemie weitgehend stillstand, entschied er sich für einen Neuanfang. Er zog nach Kalifornien, um berufliche Möglichkeiten in der Weinbranche und im Gastgewerbe zu erkunden. Nachdem er sich eingelebt hatte, begann er zugleich, nach einer neuen Gemeinschaft zu suchen. Vor rund neun Monaten stieß er dann auf die San Francisco Fog. Sein Zwillingsbruder hatte ihm schon früher von International Gay Rugby (IGR) erzählt, doch Loughman hatte sich zunächst nicht näher damit beschäftigt.
Dann ging er zum Training. Obwohl er dort niemanden kannte, fühlte sich der erste Schritt auf das Spielfeld für ihn sofort anders an. Die Fog, beschreibt er, verkörperten echte Inklusion und bieten eine Atmosphäre, in der Menschen willkommen seien. „Es ist mehr als nur ein Spielfeld. Es ist ein Ort, an dem man verletzlich sein kann, ohne Angst vor Verurteilung zu haben. Irgendjemand ist immer da, um zuzuhören.“ Dass er überhaupt wieder Rugby spielt, überrascht Loughman selbst. Hätte man seinem zwölfjährigen Ich gesagt, dass er eines Tages zweimal pro Woche eineinhalb Stunden mit dem Auto fahren würde, nur um mit einer Mannschaft zu trainieren, hätte er das für verrückt gehalten. „Ich liebe es wirklich. Rugby ist zu dem Teil meiner Woche geworden, auf den ich mich ehrlich freue. Außerdem hat es mich über den Sport, den wir alle teilen, wieder mit meiner Familie verbunden.“
Bingham Cup als Höhepunkt
Diese unerwartete Leidenschaft hat Loughman nun zu seinem ersten Bingham Cup nach Brisbane geführt. Die Mannschaften der San Francisco Fog sind nicht angereist, um lediglich dabei zu sein. Sie wollen antreten und Trophäen gewinnen. Dafür wurde intensiv trainiert. Die Spieler haben daran gearbeitet, die jeweiligen Stärken ihrer Mitspieler zu verstehen und ihre Mannschaften strategisch aufzustellen. Für Loughman findet die entscheidende Arbeit allerdings nicht nur auf dem Spielfeld statt. Die Spieler gehen gemeinsam in die Sauna, essen zusammen und suchen nach Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu kommen. Denn Vertrauen sei im Rugby von zentraler Bedeutung. „Menschen spielen besser, wenn sie einander vertrauen, und beim Rugby braucht man beinahe blindes Vertrauen.“ Sein Grundsatz lautet: „Schau nicht ständig hinter dich. Es ist entscheidend, darauf zu vertrauen, dass dein Mitspieler an dich glaubt.“
Der Bingham Cup wurde 2002 erstmals in San Francisco ausgetragen. Die San Francisco Fog waren Gastgeber und zugleich erster Sieger. Das Turnier trägt den Namen von Mark Bingham, einem offen schwulen Rugbyspieler und Mitglied der San Francisco Fog, der am 11. September 2001 an Bord von United-Airlines-Flug 93 ums Leben kam. Für Loughman ist der Bingham Cup deshalb mehr als ein sportlicher Wettbewerb. Er steht auch für die Entwicklung einer Gemeinschaft, die sich ihren Platz im Rugby erkämpfen musste.
Kampf für Gleichberechtigung
Besonders beeindruckt ihn die internationale Zusammensetzung des Turniers. Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt kommen zusammen, jeder mit seiner eigenen Geschichte und seinen eigenen Beweggründen. „Unabhängig von Politik und Grenzen zeigt diese Einheit durch Rugby, wie klein die Welt ist und wie sehr Menschen nach Gemeinschaft suchen. Der Bingham Cup ehrt zudem die Pioniere, die diese Gemeinschaften in unserem Sport aufgebaut haben, zu einer Zeit, in der es unglaublich schwierig sein konnte, schwul zu sein. Ihre Opfer haben die Möglichkeiten geschaffen, die wir heute haben.“ Doch der Kampf um Gleichberechtigung ist nach Loughmans Einschätzung noch nicht beendet. In vielen Teilen der Welt werden homosexuelle Menschen weiterhin kriminalisiert.
Inklusives Rugby wächst
Mit Blick auf die Zukunft betont Loughman: „Wenn ich über Brisbane hinausblicke, sehe ich nur, dass inklusives Rugby weiter wachsen und zunehmend Teil des Mainstream-Sports werden wird. Und allen, die diesen Sport lieben, aber ihren Platz darin noch nicht gefunden haben, sage ich: Sucht weiter.“ Der Rugby-Sport biete die Möglichkeit, Menschen auf der ganzen Welt kennenzulernen. Loughmans eigene Reise begann als Kind auf einem Rugbyplatz in Irland. Seine Erfahrungen haben dabei seine Sicht auf den Sport verändert. Nicht das Spiel selbst sei anders geworden, sondern die Gemeinschaft, in der er es ausübt. „Auf diesem Weg habe ich gelernt, dass die richtige Rugbygemeinschaft für dich nicht verändert, wie du das Spiel spielst. Aber sie verändert, wie du dich selbst siehst.“