NASA-Test auf Heterosexualität Homosexuelle Astronauten waren lange Zeit unerwünscht
Die Vorstellung vom Astronauten als körperlich und psychisch nahezu unangreifbarem Spitzenmenschen gehört seit den Anfängen der bemannten Raumfahrt zum Selbstbild der NASA. Wissenschaftliche Kompetenz, außergewöhnliche Fitness, Belastbarkeit und absolute Nervenstärke galten als zentrale Voraussetzungen. Doch die Auswahl der ersten Raumfahrer folgte nicht allein medizinischen und fachlichen Kriterien. Auch gesellschaftliche Vorstellungen darüber, wie ein idealer Astronaut zu sein hatte, spielten offenbar eine Rolle. Schwul sollte er auf alle Fälle lange Zeit nicht sein.
Das Wichtigste im Überblick
- Bei den NASA-Programmen Mercury, Gemini und Apollo bewerteten psychologische Auswahlverfahren die Heterosexualität von Astronauten.
- Die Kriterien spiegelten die gesellschaftlichen Vorstellungen und Vorurteile der USA während des Kalten Krieges wider.
- Auch 1994 soll die NASA noch darum gebeten haben, Homosexualität als psychiatrischen Ausschlussgrund für Astronauten amzuwenden.
- Die erste Amerikanerin im All, Sally Ride, hielt ihre langjährige Beziehung zu einer Frau während ihrer NASA-Zeit öffentlich geheim.
- Erst nach Rides Tod 2012 wurde ihre 27-jährige Beziehung zu Tam O’Shaughnessy bekannt.
- Nach Angaben des Projekts The Gay Space Agency war bis 2024 kein öffentlich geouteter homosexueller Astronaut der NASA ins All geflogen.
- Inzwischen präsentiert sich die NASA deutlich offener: Die Behörde unterstützt LGBTIQ+-Initiativen und beteiligt sich am Pride Monat.
Perfekte Astronauten – nicht schwul
Während der Programme Mercury, Gemini und Apollo sollen Bewerber psychologischen Tests unterzogen worden sein, die auch ihre vermeintliche „Heterosexualität“ erfassen und belegen sollten. Dokumente dazu wurden von der Fotografin Mackenzie Calle für ihr Projekt The Gay Space Agency zusammengetragen und unter anderem vom World Press Photo veröffentlicht. Zu den Verfahren gehörte demnach unter anderem der Rorschach-Test. Bei diesem werden Tintenkleckse interpretiert. Das Erkennen von Formen, die mit der weiblichen Anatomie in Verbindung gebracht werden konnten, sollten dabei als Zeichen von Heterosexualität gewertet werden. Daneben kam der Edwards Personal Preference Schedule (EPPS) zum Einsatz. Der psychologische Test erfasste fünfzehn Kriterien und führte ausdrücklich auch „Heterosexualität“ als Kategorie auf.
Kalter Krieg und striktes Männerbild
Die damaligen Auswahlverfahren standen im gesellschaftlichen Umfeld der USA während des Kalten Krieges. Viele der ersten Astronauten kamen aus der Militärfliegerei oder waren Testpiloten. Von ihnen wurde nicht nur verlangt, technisch versiert und körperlich belastbar zu sein. Der Astronaut verkörperte zugleich ein bestimmtes öffentliches Ideal: Disziplin, Zuverlässigkeit, Selbstkontrolle und pure Männlichkeit. Homosexualität war in US-amerikanischen Institutionen zu dieser Zeit stark stigmatisiert. Mackenzie Calle hat für The Gay Space Agency Unterlagen der NASA und der National Archives ausgewertet. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Frage, welche Rolle homosexuelle Menschen in der Geschichte des amerikanischen Raumfahrtprogramms spielten – und warum diese Geschichte lange nur unzureichend dokumentiert wurde.
Homosexualität als Ausschlussgrund
Die Diskussion über Homosexualität endete dabei nicht mit dem Apollo-Programm. Noch 1994, während der Ära der Space-Shuttle-Flüge, soll die NASA darum gebeten haben, Homosexualität als psychiatrischen Ausschlussgrund bei Astronauten aufzunehmen. Rekonstruiert wurde dieser Vorgang von Patricia A. Santy, einer Psychiaterin und Flugmedizinerin, die mit der NASA arbeitete. Santy veröffentlichte 1994 das Buch “Choosing the Right Stuff: The Psychological Selection of Astronauts and Cosmonauts”. Santy soll dabei immer wieder aufgefordert worden sein, Homosexualität als Ausschlusskriterium anzuwenden. Das Bemerkenswerte daran: Zu diesem Zeitpunkt war Homosexualität bereits seit Jahren aus den offiziellen Klassifikationen psychischer Erkrankungen gestrichen. Dennoch konnte die sexuelle Orientierung offenbar weiterhin in Überlegungen zur Auswahl von Astronauten einfließen..
Die geheime Beziehung der Sally Ride
Besonders deutlich wird der Umgang mit homosexuellen Menschen bei einem Blick auf die Geschichte von Sally Ride. Am 18. Juni 1983 flog Ride mit dem Space Shuttle Challenger zur Mission STS-7 und wurde damit zur ersten Amerikanerin im All. Während ihrer Zeit bei der NASA sprach sie jedoch nicht öffentlich über ihre sexuelle Orientierung. Erst nach ihrem Tod im Jahr 2012 wurde bekannt, dass sie 27 Jahre lang mit Tam O’Shaughnessy liiert gewesen war. Ride gilt deshalb als heute erste bekannte LGBTIQ+-Astronautin, die den Weltraum erreichte.
O’Shaughnessy erklärte dabei, Ride habe sich während ihrer NASA-Zeit bewusst gegen ein öffentliches Coming-Out entschieden. Sie habe befürchtet, der Raumfahrtbehörde damit zu schaden. Nach Aussage ihrer Partnerin sei „die Welt noch nicht bereit“ gewesen. Nach Angaben von Mackenzie Calles Projekt waren bis 2024 insgesamt 339 Amerikaner als NASA-Astronauten ausgebildet worden. Keiner von ihnen hatte demnach als öffentlich geoutete homosexuelle Person einen Raumflug absolviert.
Von Ausgrenzung zu Pride
Inzwischen hat sich der Umgang der NASA mit LGBTIQ+-Menschen deutlich verändert. Die Raumfahrtbehörde unterstützt heute Initiativen für die Community und fördert interne Netzwerke. Dazu gehört das Out & Allied Employee Resource Group. Es richtet sich an LGBTIQ+-Beschäftigte der NASA und an Menschen, die als Verbündete die Community unterstützen. Auch die einzelnen NASA-Zentren haben sich mit Diskriminierung und den Erfahrungen homosexueller und queerer Beschäftigter auseinandergesetzt. 2021 organisierte das Marshall Space Flight Center Veranstaltungen zu Diskriminierung und den besonderen Herausforderungen von LGBTIQ+-Menschen am Arbeitsplatz. Ein Jahr später folgte ein besonders sichtbares Zeichen: 2022 zeigten erstmals alle NASA-Zentren während des Pride Monat die Progress Pride Flag