Pride-Farben auf Island Rechte vereinnahmen ein Symbol, Suche nach Zusammenhalt
Die isländische Nationalflagge galt lange als verbindendes Symbol eines kleinen Landes. Inzwischen wird sie zunehmend mit politischen Konflikten in Verbindung gebracht. Besonders deutlich wird das an einer lutherischen Kirche in Reykjavík. Wer die Kirche im Stadtteil Grafarvogur betritt, muss 16 Stufen hinuntergehen. Sie sind in den Farben der Progress-Pride-Flagge gestaltet – mit Regenbogenfarben sowie weißen, rosa, blauen, braunen und schwarzen Winkeln. Die Gestaltung wurde jetzt bewusst zerstört - mehr als eine banale Nachricht am Rande.
Das Wichtigste im Überblick
- In Reykjavík wurde eine lutherische Kirche angegriffen, deren Eingangsstufen in den Farben der Progress-Pride-Flagge gestaltet sind.
- Unbekannte übermalten die Regenbogenfarben mit dem Muster der isländischen Nationalflagge.
- Die Pastorin Arna Sigurðardóttir sieht darin einen Teil eines zunehmenden Widerstands gegen Menschenrechte.
- In der Community sorgt der Vandalismus für viel Aufregung, denn bisher gilt Island als eines der LGBTIQ+-freundlichsten Länder der Welt.
- Politiker warnen inzwischen davor, dass die Nationalflagge von der politischen Rechten vereinnahmt werden könnte.
- Zugleich soll die Flagge wieder stärker als gemeinsames Symbol aller Isländer verstanden werden.
- Die Kirche in Grafarvogur hat sich inzwischen entschieden, die Pride-Farben auf ihren Stufen wiederherzustellen.
Hass-Aktion im liberalen Island
Die Botschaft hinter dem Kunstwerk war klar: Die Kirche wollte ihre Unterstützung für die LGBTIQ+-Gemeinschaft zeigen und deren „Bedürfnis, sichtbar und akzeptiert zu sein“ unterstreichen. Das sagte die heutige Hauptpastorin Arna Sigurðardóttir. Ähnlich begründet wurde auch die Regenbogenstraße hinauf zur Hallgrímskirkja, dem evangelisch-lutherischen Gotteshaus der Isländischen Staatskirche im Zentrum der Hauptstadt Reykjavík. Die Kirche in Grafarvogur wurde nun zum Opfer von Vandalismus – die Regenbogenfarben der Treppen wurden allesamt mit den drei Farben der isländischen Flagge übermalt.
Eine Bagatelle? Mitnichten, denn gerade die LGBTIQ+-Community misst dem Vorfall eine große Gewichtung bei in einem Land, dass zu den LGBTIQ+-freundlichsten der Welt zählt. Wenn solcher homophober Hass bereits hier passiert, was sagt das über den Zustand der Community insgesamt aus? Zudem: Für die Kirche war es nicht der erste Angriff auf ihre Pride-Symbolik. Bereits zuvor waren die Stufen zweimal beschädigt worden. Bei einem der Vorfälle hatten Unbekannte schwarze Schriftzüge angebracht, die auf einen Vers aus dem Alten Testament anspielten. Diesmal empfand Pastorin Sigurðardóttir die Situation zudem noch schlimmer: „Systematischer, auf eine Art – viel methodischer. Wir erleben überall diesen Widerstand gegen die Menschenrechte, und sie beginnen, das Ganze mit Nationalflaggen zu umhüllen.“
Flagge als politisches Symbol
Dass eine Nationalflagge vom verbindenden Zeichen zum Ausdruck politischer Abgrenzung werden kann, ist auch aus anderen Ländern bekannt, auch aus Deutschland. Doch für viele Isländer ist es eine relativ neue Erfahrung. Das Land mit knapp 400.000 Einwohnern galt bislang als vergleichsweise wenig polarisiert. Auch die Geschichte der Flagge selbst ist eng mit dem Land verbunden. Blau steht für den Nordatlantik, Weiß für die Gletscher und Rot für die Lava der rund 33 aktiven Vulkansysteme.
Ása Berglind Hjálmarsdóttir, Abgeordnete des isländischen Parlaments Althing, sagt, sie könne sich bis vor etwa einem Jahr nicht daran erinnern, dass die Nationalflagge in einer kontroversen Weise eingesetzt worden sei. Das änderte sich im Frühjahr 2025. Hjálmarsdóttir, Mitglied der Sozialdemokratischen Allianz, traf vor dem Althing auf eine Demonstration gegen Einwanderung. Eine „kleine Gruppe von Extremisten“, wie sie die Beteiligten beschreibt, hatte sich in die isländische Flagge gehüllt. „Ich hatte dieses ungute Gefühl im Magen“, sagt Hjálmarsdóttir, „weil das noch nie zuvor passiert war.“ Für sie war damit ein Zeichen sichtbar geworden: Die moderne rechtsextreme Politik hatte Island erreicht. Es dauerte nicht mehr lang, bis Rechtsextreme im Land nun auch Homosexuelle und queere Menschen als Opfer auserkoren haben – auch das ein bekanntes Phänomen in einigen Ländern weltweit.
Menschenrechte in Island
Ragna Sigurðardóttir, eine 33-jährige Abgeordnete des Althing, sieht die Bedeutung der Flagge dagegen ausdrücklich in den liberalen Errungenschaften ihres Landes. Sie ist nicht mit der Pastorin Arna Sigurðardóttir verwandt. „Unsere Geschichte mit dem ersten offen schwulen Ministerpräsidenten, erneuerbaren Energien, Frauenrechten … für mich symbolisiert die isländische Flagge genau das“, sagte Ragna Sigurðardóttir. „Wir müssen den Mut haben, sie zu hissen.“
Hjálmarsdóttir will deshalb verhindern, dass die Nationalflagge mit einer bestimmten politischen Richtung verbunden wird. „Es ist sehr wichtig, dass wir nicht zulassen, dass das Unbehagen gegenüber der Flagge wächst“, sagte sie. Der Kerngedanke: Die Flagge soll niemandem exklusiv gehören, sondern allen – auch homosexuellen und queeren Menschen. Parallel zur Auseinandersetzung um nationale Symbole steht Island vor einer weiteren politischen Grundsatzentscheidung. Ende August stimmen die Bürger über den ersten Schritt eines möglichen Prozesses zur Annäherung an die Europäische Union ab. In der Community schwingt nach den jüngsten Vorkommnissen die Angst mit, dass der politische Rechtsruck und die Anti-LGBTIQ+-Stimmung in Teilen Europas dadurch auch verstärkt auf die Insel im hohen Norden übergreifen könnte.
Kirche setzt auf Gespräch
In der Gemeinde von Arna Sigurðardóttir spielt die EU-Frage nach ihren Angaben keine entscheidende Rolle. Das gelte auch für Menschen, die sich an den Pride-Farben auf den Kirchenstufen stören. Stattdessen beschäftigt die Gemeinde eine grundsätzliche Frage: Was ist schädlicher? Menschen durch die Pride-Farben vor den Kopf zu stoßen – oder denjenigen die symbolische Unterstützung zu nehmen, die sie benötigen, indem die Farben entfernt werden? Die Kirche hat sich schließlich entschieden, die Regenbogenfarben wieder auf die Stufen aufzutragen. Zudem lädt die Pastorin zum Gespräch mit interessierten Bürgern: „Es geht darum, zu versuchen, die Menschen zu erreichen, die noch unzufrieden sind.“