Horror und sexuelle Begierde Ein Slasher wird zum queeren Gender-Experiment
Der Film „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ beginnt mit einer scheinbar vertrauten Ausgangslage: Eine junge Filmemacherin soll einer bekannten Horrorreihe zu einem zeitgemäßen Neustart verhelfen. Doch aus der geplanten Fortsetzung entwickelt sich zunehmend eine Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, Begehren und der Wirkung von Horrorfilmen – und ziemlich viel Queerness.
Das Wichtigste im Überblick
- Der Meta-Horrorfilm „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ startet heute in den deutschen Kinos.
- Im Mittelpunkt steht die queere Regisseurin Kris, gespielt von der bisexuellen Hannah Einbinder.
- Kris soll die fiktive Slasher-Reihe „Camp Miasma“ neu auflegen und dafür deren früheres „final girl“ Billy Presley zurückgewinnen.
- Billy Presley wird von Gillian Anderson gespielt und ist in der Filmhandlung inzwischen 60 Jahre alt.
- Jane Schoenbrun führte Regie und verbindet Horrorparodie, Genderfragen und eine selbstreflexive Betrachtung des Genres.
- Der Film wurde in Cannes gefeiert, setzt allerdings weniger auf klassischen Schrecken als auf Ironie, Reflexion und ungewöhnliche Ideen.
Mehr Seminar als Schockkino
Die queere Regisseurin Kris, gespielt von der bisexuellen Comedian Hannah Einbinder, reist an den Schauplatz der fiktiven Slasher-Reihe „Camp Miasma“. Dort will sie Material für die geplante Neuauflage sammeln. Zugleich versucht sie, Billy Presley, das ehemalige „final girl“ des ersten Films, für das neue Projekt zu gewinnen. Die Figur wird von Gillian Anderson verkörpert und ist mittlerweile 60 Jahre alt. Damit stellt der Film eine grundsätzliche Frage: Kann ein Horrorfilm feministisch sein – oder ist das Genre zu stark von seinen traditionellen Rollenbildern geprägt?
„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ nähert sich dieser Frage nicht als klassischer Schocker. Der in Cannes gefeierte Meta-Horrorfilm der nicht-binären trans* Person Jane Schoenbrun ist vielmehr eine Slasher-Parodie, die ihre eigenen filmischen Mechanismen permanent hinterfragt. Wer auf ununterbrochenen Nervenkitzel hofft, dürfte deshalb überrascht sein. Stilistisch erinnert das Werk an „Stranger Things“, inhaltlich gibt es Parallelen zu „Scream“. Seine Auseinandersetzung mit Geschlecht, Macht und Begehren lässt zugleich an „Titane“ denken. So entsteht ein Film, der in seiner theoretischen und gesellschaftlichen Dimension beinahe eher in ein Gender-Studies-Seminar an der New York University passen könnte als in einen klassischen Horrorabend.
Tod und Orgasmus
Zunächst scheint die Handlung recht einfach: Kris soll eine alte Horrorserie wiederbeleben. Doch ihre Begegnung mit Billy Presley verändert die Richtung des Projekts. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich schnell eine Beziehung, die über die berufliche Zusammenarbeit hinausgeht. Die eigentliche Filmproduktion gerät dadurch zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen wird Kris' eigenes Verhältnis zu Sexualität und Begehren zum zentralen Thema.
Kris lebt in einer polyamoren Beziehung mit einer Frau und hat Schwierigkeiten, beim Sex einen Orgasmus zu erleben. Ihre Suche nach einer Lösung führt ausgerechnet zurück zu dem Genre, mit dem sie beruflich beschäftigt ist: dem Horrorfilm. Ihre sexuelle Fantasie verbindet Erregung mit einer klassischen Slasher-Situation. Beim Sex stellt sich Kris vor, von einem Killer verfolgt und getötet zu werden. Tod und Orgasmus werden dabei miteinander verknüpft. Die ungewöhnliche Fantasie bleibt im Film nicht unkommentiert. Kris fragt sich selbst, welchen Einfluss die Horrorfilme ihrer Kindheit auf ihre spätere Psyche und ihr Begehren gehabt haben könnten.
Horror als Vorlage für Begierde
Besonders provokant ist die Idee, vertraute Horrorfilm-Muster nicht nur als Unterhaltung, sondern als Vorlage für sexuelle Fantasien zu verwenden. Darin liegt zugleich eine ungewöhnliche Form der Würdigung und Kritik des Genres. Denn die traditionellen Slasher-Filme haben häufig mit Macht, Bedrohung und der Verletzlichkeit weiblicher Figuren gearbeitet. Schoenbrun dreht dieses Verhältnis nicht einfach um. Stattdessen untersucht der Film die Möglichkeit, dass gerade die Erfahrung von Ohnmacht innerhalb einer Fantasie in Lust verwandelt werden kann. Schoenbrun untersucht die bestehenden Machtverhältnisse und hinterfragt, ob Frauen daraus eine eigene, wenn auch widersprüchliche Form von Lust entwickeln können.
Gerade deshalb entzieht sich „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ einer eindeutigen Genrebezeichnung. Der Film ist nicht einfach Horror und auch nicht lediglich Satire. Er funktioniert zugleich als Auseinandersetzung mit dem Genre, als psychologische Untersuchung und als Spiel mit den Erwartungen des Publikums. Der Film wird so zu einem bewusst ungewöhnlichen Experiment, das sich mit Konventionen auseinandersetzt – mit Regeln des Horrorgenres ebenso wie mit Vorstellungen über Geschlecht, Sexualität und guten Geschmack. Ob der Film damit ein Publikum findet, bleibt abzuwarten. Der Film „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ läuft ab heute im Kino.