Kolonialismus verdrängte diese Studie belegt: 150 Kulturen kennen nichtbinäre Geschlechter
In einer aktuellen kulturwissenschaftlichen Untersuchung des Australian National University’s Centre for Social Research and Methods wurde Anfang belegt, dass zahlreiche indigene Kulturen auf allen Kontinenten seit Jahrhunderten Geschlechtsidentitäten jenseits von „männlich“ und „weiblich“ kennen und diese gesellschaftlich verankert haben. Die Studie gilt als eine der bislang umfassendsten Analysen über die weltweite Geschichte nichtbinärer Identitäten und bestätigt mit Quellen und Feldforschungen, dass das binäre Geschlechtermodell gerade aus westlicher Sicht ein Konstrukt jüngerer Zeit ist.
Das Wichtigste im Überblick
- Die Studie der Australian National University identifiziert mehr als 150 Kulturen mit historischen nichtbinären Geschlechtern.
- Gesellschaftliche Rollen von Hijra, Two Spirit oder Māhū waren teils spirituell und sozial bedeutend.
- Kolonialismus und Missionierung führten in vielen Regionen zur Unterdrückung oder Marginalisierung dieser Identitäten.
- Die Erkenntnisse rücken die Vielfalt menschlicher Identitäten ins Zentrum kulturpolitischer Debatten.
- Internationale Wissenschaft blickt verstärkt auf indigene Perspektiven bei Geschlechterfragen.
Geschlechtervielfalt in Geschichte und Gesellschaft
Ausgangspunkt der aktuellen Forschung bildet eine systematische Auswertung ethnografischer, linguistischer und soziologischer Quellen. Die Forscherinnen und Forscher analysierten indigene Begriffe, soziale Praktiken und Stellung im Gemeinwesen von Gruppen wie den nordamerikanischen First Nations (Two Spirit), den Hijra in Südasien oder den Fa’afafine auf Samoa. Dabei wird deutlich, wie sehr diese Gruppen ein fester Teil der jeweiligen Kultur waren. Ihre Rollen reichten vom rituellen Amt über Heilkünste bis zur Verwaltung religiöser Güter oder Vermittlung in Gemeinschaftskonflikten.
Viele dieser Traditionen gerieten durch Kolonialisierung, Missionierung oder globalisierte Rechtsvorstellungen unter Druck. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler belegen anhand von Interviews und gemeinschaftsinternen Quellen, dass etwa bei den Bugis in Indonesien oder den Zapoteken in Mexiko bis heute spezifisch anerkannte Identitäten wie Calabai, Calalai oder Muxe bestehen, trotz gesellschaftlichen Wandels.
Kulturelle Anerkennung und moderne Herausforderungen
Im Detail geht die Untersuchung darauf ein, dass die Akzeptanz dieser Identitäten oftmals mit gesellschaftlichem Status oder spiritueller Funktion verknüpft blieb. Während beispielsweise Māhū auf Hawaii bis zur amerikanischen Übernahme in traditionellen Familienverbänden zentrale Aufgaben innehatten, sind sie heute verstärkt Diskriminierung ausgesetzt. Der Bericht der australischen Universität verweist zudem auf die politische Brisanz: Vereinzelt erhalten indigene Perspektiven inzwischen Einfluss auf rechtliche Definitionen von Geschlecht, etwa durch das dritte offizielle Geschlecht „X“ auf Geburtsurkunden in Neuseeland und Teilen Kanadas.
Für viele indigene Gemeinschaften weltweit dient die anerkannte Geschlechtervielfalt als Quelle der Resilienz und kulturellen Selbstbestimmung. Dennoch zeigt die Studie, dass Diskriminierung, Stigmatisierung und Gewalt weiterhin Realität sind. Zugleich sehen die Forschenden einen wachsenden Anteil junger Menschen, die in ihren Communities eine Rückbesinnung auf nichtbinäre Geschlechtsvorstellungen erleben und dadurch Bestärkung erfahren.
Ausblick: Dekolonisierung des Genderbegriffs in der Debatte
Kulturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler fordern auf Basis der Studienergebnisse eine stärkere Berücksichtigung nichtwestlicher Perspektiven in gesellschaftlichen Debatten zu Geschlecht und Identität. Die Forschenden plädieren laut Australian National University für partizipative Forschungsansätze und Bildungskonzepte, die indigene Stimmen einbinden und historischen Kontext anerkennen.
Als nächste praktische Folge der Untersuchung arbeiten bereits Initiativen in Australien, Kanada und Indonesien daran, indigene Genderkategorien bei der Entwicklung von Anti-Diskriminierungsrichtlinien oder Schulcurricula zu verankern. Damit rückt die Frage der rechtlichen und gesellschaftlichen Sichtbarkeit von Hijra in Indien, Two Spirit in Nordamerika oder Muxe in Mexiko erneut auf die Agenda staatlicher Institutionen und kultureller Förderprogramme.