Hinhalte-Taktik unter Schwulen Wochenlang Funkstille, dann ein „Hey, wie geht’s?“
Wer beim Dating eines anderen Mannes nach längerer Funkstille plötzlich wieder eine Nachricht bekommt, kann schnell ins Grübeln geraten. Vielleicht wird aus dem Kontakt doch noch etwas? Vielleicht hat der andere seine Meinung geändert? Gerade wenn Gefühle im Spiel sind, kann eine unverbindliche Nachricht neue Hoffnung auslösen.
Das Wichtigste im Überblick
- Beim Dating schwuler Männer kann sogenanntes Paperclipping falsche Hoffnungen auf eine Beziehung wecken.
- Typisch sind Nachrichten nach längerer Funkstille, auf die keine konkreten Schritte folgen.
- Häufig geht es dabei laut Psychologe Markus Ernst weniger um echtes Interesse als um Bestätigung.
- Wiederholt sich das Muster, kann es sinnvoll sein, Grenzen zu setzen und nicht weiter emotional zu investieren.
- Ernst betont: Wer tatsächlich eine Verbindung aufbauen will, zeigt Kontinuität und investiert Zeit und Aufmerksamkeit.
Was steckt hinter Paperclipping?
Genau dieses Muster wird als Paperclipping bezeichnet. Der Begriff geht auf die Büroklammer „Clippy“ zurück, die Nutzer früher aus Microsoft Office kannten. Wenn längere Zeit nicht an einem Dokument gearbeitet wurde, tauchte die Figur plötzlich auf und erkundigte sich, ob alles in Ordnung sei. Beim Dating schwuler Männer kann sich etwas Ähnliches abspielen: Ein Mann verschwindet für Wochen oder Monate aus dem Kontakt und den Chats und meldet sich dann plötzlich wieder. Oft bleibt es bei einer kurzen Nachricht – ein konkretes Treffen oder ein ernsthafter Versuch, die Verbindung weiterzuentwickeln, folgt dagegen nicht.
Psychologe Markus Ernst, der an der Universität Marburg Psychologie studierte, als Paartherapeut arbeitet und als Parship-Experte tätig ist, beschreibt das Phänomen gegenüber dem Portal watson so: „Paperclipping beschreibt das Phänomen, dass sich jemand nach längerer Funkstille ganz plötzlich wieder meldet, allerdings ohne wirkliches Interesse an einer verbindlichen Beziehung zu haben.“ Typisch sei, dass der Kontakt zunächst völlig harmlos wirke. Der andere fragt etwa, wie es einem geht, schickt ein Foto oder schreibt nachts eine kurze Nachricht. Ernst zufolge folgen jedoch „keine konkreten Schritte in Richtung Nähe, Verbindlichkeit oder Treffen“.
Suche nach Aufmerksamkeit
Beim Dating unter Männern können solche Nachrichten beispielsweise lauten: „Hey! Habe gerade ... gesehen und musste an dich denken!“ oder „Na? Wie geht’s?“ „Online und echt horny? Kannst du auch nicht schlafen?“ Besonders häufig kommt ein solches Verhalten laut dem Psychologen von Ex-Freunden, früheren Dates oder Menschen, die bereits vergeben sind. Der Absender suche dabei häufig weniger eine tatsächliche Beziehung als Aufmerksamkeit oder einen kleinen emotionalen Kick. Der Psychologe bringt es auf den Punkt: „Es geht dabei meist weniger um den anderen Menschen als vielmehr um die eigene Bestätigung und die Frage 'Bin ich für den anderen noch interessant?'“
Falsche Hoffnungen
Für schwule Männer, die noch Gefühle für einen früheren Kontakt haben oder sich gar eine Beziehung mit einem Mann wünschen, kann dieses Verhalten besonders belastend sein. Eine unverhoffte Nachricht kann den Eindruck vermitteln, dass sich vielleicht doch noch eine Chance ergibt. Doch sobald die gewünschte Aufmerksamkeit zurückkommt – etwa durch eine freundliche Antwort oder einen Flirt – kann der Kontakt erneut abbrechen. Einmaliges Verschwinden müsse zwar nicht automatisch bedeuten, dass jemand kein Interesse habe. Entscheidend sei vielmehr, ob sich das Verhalten wiederholt.
„Vorsichtig sollte man sein, wenn sich dieses Muster mehrfach wiederholt“, mahnt Ernst. Für ernsthaftes Interesse sieht der Psychologe ein anderes entscheidendes Merkmal: „Wenn jemand ernsthaftes Interesse hat (...), dann zeigt die Person Kontinuität.“ Gerade bei wiederholtem Paperclipping können dadurch viel Zeit und emotionale Energie gebunden werden. Der betroffene Mann bleibt möglicherweise in der Hoffnung, dass aus den sporadischen Kontakten irgendwann doch eine Beziehung entsteht. „Paperclipping kann beim Gegenüber Hoffnung wecken“, sagt Ernst, „führt aber häufig zu Enttäuschungen.“
Worte allein reichen nicht
Entscheidend ist deshalb nicht nur, dass sich ein Mann wieder meldet, sondern was anschließend passiert. Gibt es einen konkreten Vorschlag für ein Treffen? Fragt er am nächsten Morgen noch einmal nach? Interessiert er sich tatsächlich für das Leben des anderen? „Ganz entscheidend ist, ob den Worten auch eine echte Annäherung folgt“, erklärt Ernst. „Bleibt sie aus, ist Vorsicht sinnvoll und man sollte gut abwägen, ob man selbst emotional investieren will.“
Gerade beim Dating schwuler Männer kann die Unterscheidung zwischen einem unverbindlichen Check-in und tatsächlichem Interesse wichtig sein. Meldet sich ein Mann beispielsweise immer nur nachts, flirtet intensiv und verschwindet danach wieder, darf dieses Muster angesprochen werden. Ein direkter Satz wie „Ich habe bemerkt, dass du dich nur nachts meldest. Offen gesagt, ist mir das zu wenig“ kann dabei Klarheit schaffen. Wer nicht weiter auf solche Nachrichten eingehen möchte, kann den Kontakt auch abbrechen.
Kontinuität statt ständiger Zweifel
Nach Einschätzung des Paartherapeuten gibt es wenig zu verlieren, wenn man sich von einem Kontakt löst, der vor allem der Bestätigung des anderen dient. Ein sporadisches Wiederauftauchen ohne echtes Interesse an einer gemeinsamen Entwicklung bringt den Betroffenen ohnehin nicht weiter. Die besseren Dating-Kandidaten seien diejenigen, die tatsächlich präsent bleiben, meint Ernst: „Wenn jemand ernsthaftes Interesse hat und wirklich eine Verbindung aufbauen will, dann zeigt die Person Kontinuität und investiert Zeit und Aufmerksamkeit.“
Ein Mann, der sich wirklich für einen anderen und dessen Leben interessiert, werde ihn nicht dauerhaft im Unklaren lassen. Entscheidend sei deshalb weniger die einzelne Nachricht nach langer Funkstille als das Verhalten über einen längeren Zeitraum. Oder, wie es das Prinzip des Paperclippings nahelegt: Eine bloße Büroklammer sollte nicht dazu führen, dass man eine Verbindung wieder hervorholt, die längst hätte ad acta gelegt werden können.