Diskriminierung im Alltag Alteingesessene Geschlechter-Annahmen spielen eine Rolle
Schwule, lesbische, bisexuelle Beschäftigte, die sich anders verhalten, als ihr Geschlecht klischeemäßig vorsieht, erleben laut einer neuen Studie zufolge deutlich häufiger Diskriminierung und Belästigung am Arbeitsplatz als andere LGBTIQ+-Menschen. Das geht aus einer Untersuchung des Williams Institute an der UCLA School of Law hervor. Gemeint sind dabei sogenannte gender-nonkonforme Verhaltensweisen, also beispielsweise schwule Männer, die sehr feminin auftreten, oder lesbische Frauen, die sehr maskulin wirken.
Das Wichtigste im Überblick
- Eine Studie des Williams Institute zeigt: 62 Prozent der homo- und bisexuellen Beschäftigten, die sich entgegen ihrer Geschlechter-Klischees verhalten, haben Diskriminierung oder Belästigung erlebt.
- Betroffene sind häufiger am Arbeitsplatz geoutet und versuchen zugleich öfter, ihre Identität zu verbergen.
- Schwule und bisexuelle Männer berichten häufiger von Diskriminierung als lesbische und bisexuelle Frauen.
- Fast jede zweite betroffene Person hat wegen der Behandlung durch den Arbeitgeber bereits einen Job aufgegeben.
Eine Frage der Außenwirkung
Demnach gaben 62 Prozent der gender-nonkonformen homo- sowie bisexuellen Beschäftigten an, im Laufe ihres Lebens wegen ihrer sexuellen Orientierung Diskriminierung oder Belästigung am Arbeitsplatz erfahren zu haben. Dazu zählen unter anderem Kündigungen, verweigerte Einstellungen oder Beförderungen sowie verbale, körperliche oder sexuelle Belästigung. Bei geschlechtskonformen Schwulen, Lesben und Bisexuellen lag der Anteil bei 41 Prozent.
Die American Psychological Association definiert Geschlechtskonformität als das Ausmaß, in dem der geschlechtliche Ausdruck einer Person „von gesellschaftlichen Stereotypen für das bei der Geburt dokumentierte Geschlecht abweicht“. Für die Untersuchung analysierten die Forscher Umfragedaten von rund 1.900 LGB-Beschäftigten. Verglichen wurden die Erfahrungen gender-nonkonformer Menschen aus der Community mit denen ihrer geschlechtskonformen Kolleginnen und Kollegen.
Mehr Offenheit jenseits der Klischee
Die Studie zeigt außerdem, dass gender-nonkonforme Beschäftigte häufiger offen mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen. Rund 68 Prozent gaben an, gegenüber ihrer direkten Führungskraft geoutet zu sein. Bei geschlechtskonformen LGBTIQ+-Beschäftigten waren es 50 Prozent. Gegenüber allen Kolleginnen und Kollegen waren 47 Prozent der gender-nonkonformen Beschäftigten geoutet, verglichen mit 28 Prozent der geschlechtskonformen Gruppe. Gleichzeitig berichteten gender-nonkonforme Schwule, Lesben und Bisexuelle häufiger als ihre geschlechtskonformen Kolleginnen und Kollegen (66 zu 55 Prozent), sogenannte „Covering“-Strategien anzuwenden. Dazu gehören etwa Veränderungen der Kleidung, der Stimme oder der Körpersprache, um Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung zu vermeiden.
Schwule und bisexuelle Männer häufiger betroffen
Gender-nonkonforme LGB-Personen seien am Arbeitsplatz eine besonders verletzliche und marginalisierte Gruppe, betonte Hauptautorin Neko Michelle Castleberry, Research Data Analyst am Williams Institute. „Viele können bei der Arbeit nicht sie selbst sein und erleben ein Arbeitsumfeld, das sie nicht unterstützt. Es braucht wirksamere Kontrollen und eine konsequentere Durchsetzung bestehender Regeln, damit gender-nonkonforme Beschäftigte umfassend vor Diskriminierung und Belästigung geschützt werden.“ Innerhalb der Gruppe der gender-nonkonformen Beschäftigten berichteten schwule und bisexuelle Männer häufiger als lesbische und bisexuelle Frauen von Diskriminierung oder Belästigung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung (72 gegenüber 55 Prozent). Im vergangenen Jahr waren sie zudem etwa doppelt so häufig von Diskriminierung (23 gegenüber 9 Prozent) und Belästigung (25 gegenüber 13 Prozent) betroffen.
Probleme bestehen trotz erweitertem Rechtsschutz
Nach Angaben der Forscher halten Diskriminierung und Belästigung auch nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA im Fall Bostock v. Clayton County aus dem Juni 2020 an. Mit der Entscheidung wurde der bundesweite Schutz von LGBTIQ+-Beschäftigten vor Diskriminierung am Arbeitsplatz ausgeweitet. Rund 23 Prozent der gender-nonkonformen LGB-Beschäftigten gaben an, innerhalb des vergangenen Jahres Diskriminierung oder Belästigung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung erlebt zu haben. Bei geschlechtskonformen Menschen der gleichen Gruppe lag dieser Anteil bei nur zwölf Prozent. Die Erfahrungen haben laut Studie auch Auswirkungen auf die berufliche Laufbahn. Fast die Hälfte (48 Prozent) der gender-nonkonformen Schwulen, Lesben und Bisexuellen berichtete, bereits mindestens einmal eine Arbeitsstelle aufgegeben zu haben, weil sie sich aufgrund ihrer sexuellen Orientierung durch ihren Arbeitgeber schlecht behandelt fühlten.