Marokko vor der Wahl Kann die Community auf eine Verbesserung der Lage hoffen?
Marokko wählt heute ein neues Parlament. Rund 15,8 Millionen Menschen sind in den Wählerlisten registriert. Für die 395 Sitze der Abgeordnetenkammer wurden mehr als 7.200 Kandidaturen eingereicht. Offizielle Angaben nennen 28 politische Formationen einschließlich eines eigens für die Wahl gebildeten Parteienbündnisses sowie zwei Listen unabhängiger Kandidaten. Für die LGBTIQ+-Community stellt sich die Frage, wie und ob sich ihre Lebenssituation ändern und verbessern könnte.
Das Wichtigste im Überblick
- In Marokko wird heute ein neues Parlament mit 395 Sitzen gewählt.
- Für LGBTIQ+-Menschen ist die Wahl auch deshalb relevant, weil gleichgeschlechtliche Beziehungen weiterhin strafbar sind.
- Nach Artikel 489 des Strafgesetzbuches drohen dafür bis zu drei Jahre Haft; Amnesty International berichtet zudem von willkürlichen Festnahmen, Belästigungen und Strafverfolgung von LGBTIQ+-Menschen.
- Das Parlament kann Gesetze beraten und die Regierung kontrollieren. In strategischen Fragen besitzt jedoch König Mohammed VI. weiterhin weitreichende Befugnisse.
- Die Wahlkampfthemen sind vor allem Arbeitsplätze, Lebenshaltungskosten, Bildung, Gesundheit und Wohnraum. LGBTIQ+-Rechte spielen im öffentlich wahrgenommenen Wahlkampf dagegen kaum eine Rolle.
- Wie groß der politische Spielraum für Veränderungen ist, zeigt auch der Fall der LGBTIQ+-Aktivistin Ibtissame „Betty“ Lachgar, die zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.
Zukunft der Community
Im Mittelpunkt des Wahlkampfs stehen vor allem wirtschaftliche und soziale Probleme. Parteien werben mit neuen Arbeitsplätzen, besseren öffentlichen Dienstleistungen und Investitionen. Die Regierungsparteien Rassemblement National des Indépendants (RNI) und Parti Authenticité et Modernité (PAM) versprechen unter anderem rund eine Million neue Arbeitsplätze. Auch die Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 spielt wegen umfangreicher Infrastrukturprojekte eine Rolle. Für viele LGBTIQ+-Menschen stellt sich allerdings eine ganz andere Frage: Kann ein neues Parlament dazu beitragen, die rechtliche und gesellschaftliche Situation einer Gruppe zu verändern, die weiterhin erheblichen Risiken ausgesetzt ist?
Gleichgeschlechtliche Beziehungen
Die rechtliche Ausgangslage ist eindeutig: Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind in Marokko weiterhin strafbar. Artikel 489 des Strafgesetzbuches sieht dafür eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren vor. Amnesty International berichtet für 2025, dass LGBTIQ+-Menschen weiterhin mit willkürlichen Festnahmen, Schikanen und Strafverfolgung konfrontiert seien. Die Menschenrechtsorganisation sieht die Kriminalisierung einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Beziehungen als Teil einer weiterhin diskriminierenden Rechtslage.
Auch außerhalb staatlicher Strafverfolgung kann ein Coming-Out nach wie vor erhebliche Folgen haben. Human Rights Watch dokumentierte bereits in früheren Jahren Fälle, in denen mutmaßlich homosexuelle Menschen online geoutet, bedroht oder aus ihren Familien und Wohnungen gedrängt wurden. Die Organisation berichtete von einer Kampagne im Jahr 2020, bei der private Fotos und Informationen von Männern über soziale Netzwerke verbreitet wurden. Damit betrifft die Wahl für LGBTIQ+-Menschen nicht nur die Frage, ob sich die Gesetzeslage verändert. Auch der Umgang des Staates mit Meinungsfreiheit, Menschenrechtsaktivisten und gesellschaftlicher Diskriminierung ist von Bedeutung.
Aktivistin weiter in Haft
Wie riskant öffentliches Engagement sein kann, zeigt der Fall der feministischen LGBTIQ+-Aktivistin Ibtissame „Betty“ Lachgar. Sie wurde im August 2025 festgenommen, nachdem sie in sozialen Medien ein Foto von sich mit einem T-Shirt veröffentlicht hatte, auf dem „Allah ist lesbisch“ stand. Ein Gericht in Rabat verurteilte sie im September 2025 wegen „Beleidigung des Islams“ zu zweieinhalb Jahren Haft und einer Geldstrafe von 50.000 Dirham, umgerechnet etwa 4.600 Euro. Ein Berufungsgericht bestätigte das Urteil im Oktober 2025. Amnesty International fordert bis heute ihre Freilassung und bezeichnet das Vorgehen gegen sie als Verstoß gegen ihr Recht auf freie Meinungsäußerung.
Was kann das neue Parlament bewirken?
Die Abgeordnetenkammer hat durchaus Einfluss. Sie verabschiedet Gesetze und kontrolliert die Regierung. Nach Angaben des marokkanischen Thinktanks Tafra stellten Abgeordnete während der ersten sechs Sitzungsperioden der Legislaturperiode 2021 bis 2026 mehr als 26.000 Fragen an die Regierung. Gleichzeitig ist der Handlungsspielraum des Parlaments begrenzt. Die Verfassung von 2011 hat seine Kompetenzen zwar erweitert, doch wichtige strategische Bereiche bleiben eng mit dem Amt des Königs verbunden. Dazu gehören insbesondere Außenpolitik, Sicherheit, Militär und religiöse Angelegenheiten.
Der König ernennt den Regierungschef aus der stärksten Partei der Abgeordnetenkammer und leitet den Ministerrat. Politische Veränderungen durch die Wahl sind deshalb möglich, verändern aber nicht automatisch die grundlegende Machtverteilung im Land. Für LGBTIQ+-Menschen bedeutet das: Ein neues Parlament könnte grundsätzlich über Änderungen des Strafrechts beraten. Eine mögliche Reform von Artikel 489 wäre jedoch nicht allein eine Frage des Wahlergebnisses. Entscheidend wären auch die politischen Mehrheiten, die Prioritäten der künftigen Regierung und der institutionelle Rahmen des Landes.
Wenig Vertrauen in die Politik
Zudem: Das Vertrauen in politische Institutionen ist im Land gering. Reuters berichtete vor der Wahl unter Berufung auf eine Afrobarometer-Umfrage, dass nur etwa ein Drittel der 18- bis 35-Jährigen Parlament, Regierung oder Parteien vertraue. Gerade junge Menschen spielen für mögliche gesellschaftliche Veränderungen eine wichtige Rolle, sind aber auf den Wählerlisten deutlich unterrepräsentiert. Nur rund vier Prozent der registrierten Wähler sind zwischen 18 und 24 Jahre alt. Für die LGBTIQ+-Community kommt hinzu, dass ihre Anliegen im Wahlkampf nach den vorliegenden Berichten kaum eine öffentliche Rolle spielen. Die großen Parteien konzentrieren ihre Kampagnen vor allem auf Beschäftigung, soziale Leistungen, Bildung, Gesundheit und die wirtschaftliche Entwicklung.