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Geheimes Netzwerk in Italien
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Geheimes Netzwerk in Italien Streit um den Schutz von LGBTIQ+-Minderjährigen nimmt zu

ms - 23.09.2026 - 11:30 Uhr
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Der Fall eines Psychiaters aus Palermo beschäftigt derzeit italienische LGBTIQ+-Organisationen und die Ärztekammer. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob es in Italien neben einzelnen Konversionsversuchen ein größeres Netzwerk gibt, das darauf abzielt, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität von LGBTIQ+-Menschen gezielt zu verändern oder zu unterdrücken.

Das Wichtigste im Überblick

  • Der Fall eines Psychiaters aus Palermo hat eine Debatte über mögliche Konversionspraktiken in Italien ausgelöst.
  • Die Ärztekammer von Palermo prüft Äußerungen des Psychiaters Mauro Adragna, der Homosexualität als „Symptom eines tiefen Leidens“ bezeichnet haben soll.
  • Die Kampagne „Meglio a Colori“ vermutet Verbindungen zwischen Adragna und evangelikalen Organisationen und fragt, ob es ein größeres Netzwerk gibt.
  • Nach Angaben der EU-Grundrechteagentur FRA berichteten 18 Prozent der befragten LGBTIQ+-Menschen in Italien, mindestens einem Konversionsversuch ausgesetzt gewesen zu sein.
  • 5,4 Prozent der Befragten wurden demnach tatsächlich in einen entsprechenden Prozess einbezogen.
  • Gaynet warnt insbesondere vor möglichen Konversionsversuchen an Minderjährigen und fordert politische Konsequenzen.
  • In Italien gibt es bislang kein nationales Gesetz, das solche Praktiken ausdrücklich umfassend verbietet.

Homosexualität als „Leiden“

Ausgangspunkt ist der Fall des Psychiaters und Psychotherapeuten Mauro Adragna. Die Ärztekammer von Palermo hat nach seinen öffentlichen Äußerungen Untersuchungen eingeleitet. Adragna soll Homosexualität als „Symptom eines tiefen Leidens“ bezeichnet und sie mit Traumata, Missbrauch oder emotionalen Defiziten in Verbindung gebracht haben, die eine angeblich „natürliche Heterosexualität“ blockierten. Adragna ist Pastor der christlichen Gemeinde Canto di Sion und italienischer Direktor des World Christian Doctors Network. In seinen Äußerungen soll er sich auf die Theorien des US-amerikanischen Psychologen Joseph Nicolosi und sogenannte „Reparativtherapien“ bezogen haben. Der Präsident der Ärztekammer von Palermo, Toti Amato, stellte dazu klar: „Homosexualität ist keine Krankheit, und es gibt nichts, wovon man geheilt werden müsste.“ Zugleich soll geprüft werden, ob die Aussagen berufliche oder berufsrechtliche Konsequenzen haben.

Weitreichende Verbindungen

Der Fall hat auch die Kampagne „Meglio a Colori“ auf den Plan gerufen, die von Gaynet gegen sogenannte Konversionspraktiken betrieben wird. Nach Angaben des Gaynet-Präsidenten Rosario Coco führen mehrere in den vergangenen Wochen bekannt gewordene Zusammenhänge zu der Frage, ob hinter einzelnen Fällen eine größere Struktur stehen könnte. „Nachdem wir diese Elemente miteinander verbunden haben, stellen wir eine Frage: Gibt es ein Netzwerk, das versucht, Homosexualität zu ‚heilen‘ und seit 1996 in Italien aktiv ist? Wir können das nicht mit Gewissheit behaupten, aber wir können diese Frage definitiv stellen“, so Coco.

Eine Verbindung sieht die Kampagne unter anderem zu Parola della Grazia, einer evangelikalen Organisation, die nach ihren Angaben mehr als 60 Standorte in Italien hat. Die bislang bekannten Informationen reichen allerdings nicht aus, um nachzuweisen, dass die mehr als 60 Einrichtungen systematisch Konversionspraktiken anbieten. „Unser Plan ist, mit Vereinigungen von LGBTIQ+-Gläubigen und LGBTIQ+-Christen ins Gespräch zu kommen und dabei über Kontakte zu Menschen aus der Bewegung flächendeckend vorzugehen, die auch innerhalb der Netzwerke gläubiger Menschen arbeiten“, erklärt Coco weiter.

Jeder Fünfte betroffen 

Dass es sich nicht nur um einzelne Fälle handeln könnte, legen auch Daten der EU-Grundrechteagentur FRA nahe. Für deren dritte europäische Erhebung zu LGBTIQ+-Menschen wurden in Italien knapp 5.000 Personen befragt. 18 Prozent – etwa jeder Fünfte – gaben an, mindestens einem Versuch ausgesetzt gewesen zu sein, ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität zu verändern. EU-weit lag der Anteil bei 24 Prozent. Coco unterscheidet dabei zwischen einem einzelnen Versuch und der tatsächlichen Teilnahme an einem entsprechenden Programm: „Es gibt Menschen, die einen Konversionsversuch erlebt haben. Das ist in Europa jeder Vierte und in Italien jeder Fünfte. Dann gibt es diejenigen, die einen solchen Weg tatsächlich gehen mussten, also aktiv eine Konversionspraxis oder ein entsprechendes Programm durchgemacht haben. In Italien sind das 5,4 Prozent.“ 

Viele der Betroffenen wurden demnach unter Druck gesetzt und willigten dem Verfahren nicht freiwillig ein. „Die FRA spricht von einer freien Zustimmung. Wir sprechen von einer unbewussten Zustimmung, denn ‚frei‘ ist ein sehr großes Wort. Bei diesen 5,4 Prozent in Italien ist die Aufteilung im Wesentlichen gleich: Die eine Hälfte hat zugestimmt, während die andere Hälfte dem Programm gegen ihren Willen ausgesetzt wurde“, sagt Coco. Die beschriebenen Praktiken reichen dabei von verbalen Demütigungen bis zu folterähnlichen Methoden. Laut der Datenauswertung besteht etwa ein Drittel der Fälle aus Missbrauch und verbaler Demütigung. In einem Viertel der Fälle seien Familienangehörige oder religiöse Personen beteiligt gewesen.

Sorge um Minderjährige

Konversionspraktiken können laut Gaynet von Geistlichen, Familienangehörigen, Fachkräften aus dem Bereich der psychischen Gesundheit oder Personen angeboten werden, die in mehreren dieser Bereiche tätig sind. Coco sieht ein besonderes Risiko, wenn Familien nicht über wissenschaftlich fundierte Informationen zu sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität verfügen. „Solange wir keine Institutionen haben, die Familien seriöse Instrumente an die Hand geben, besteht die Gefahr, dass diese manipuliert und von Personen einbezogen werden, die objektiv Jungen und Mädchen quälen – insbesondere Minderjährige“, sagt Coco.

Er sieht darin vor allem ein Problem des Schutzes von Kindern und Jugendlichen: „Abgesehen von den Falschbehauptungen über Gender gibt es hier ein unterschätztes und absolut gefährliches Problem des Missbrauchs von Minderjährigen. Damit sollten sich die Behörden, die Regierung und auch die italienische Ombudsstelle für Kinder und Jugendliche befassen. Wir haben ein enormes Problem mit Missbrauch, Manipulation und Indoktrination von Minderjährigen.“ Die Vereinten Nationen haben entsprechende Praktiken als potenziell grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung und Folter beschrieben. Internationale Untersuchungen bringen sie zudem mit psychischen Belastungen wie Depressionen und Angstzuständen sowie einem erhöhten Suizidrisiko in Verbindung.

Betroffene sprechen selten

Ein weiteres Problem bei der Aufarbeitung ist nach Angaben von Gaynet, dass Betroffene in Italien häufig nur schwer über ihre Erfahrungen sprechen können. Konversionspraktiken finden demnach nicht selten im familiären, religiösen oder therapeutischen Umfeld statt – also in Beziehungen, die durch Vertrauen, Autorität oder emotionale Abhängigkeit geprägt sein können. „Wenn es schon schwierig ist, einen homophoben Angriff anzuzeigen, ist es noch schwieriger, einen Konversionsprozess zu melden, weil es sich um etwas sehr Intimes handelt und die gesamte Gestaltung des eigenen Lebens betrifft“, sagt Coco und betont weiter: „Selbst wenn es einem gelingt, dies zu überleben, bauen sich diese Menschen oft ein neues Leben auf. Eine Anzeige zwingt sie unweigerlich dazu, sich mit der Vergangenheit und mit denjenigen auseinanderzusetzen, die ihnen schaden wollten.“ Gaynet und andere beteiligte Organisationen wollen deshalb weitere Berichte und Zeugenaussagen sammeln.

Forderung nach Gesetz

Italien hat bislang kein nationales Gesetz, das sämtliche Praktiken zur Veränderung oder Unterdrückung der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität ausdrücklich verbietet. Die Kampagne „Meglio a Colori“ hat deshalb einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, der Konversionsversuche unterbinden soll. Unterstützt wird er von zahlreichen LGBTIQ+-Organisationen. Zudem läuft eine Petition an das italienische Parlament. Die von All Out verbreitete Petition hat inzwischen mehr als 20.000 Unterschriften erreicht. Offen bleibt die zentrale Frage der Kampagne: Steckt hinter den bislang bekannt gewordenen Fällen und Verbindungen tatsächlich eine größere Struktur? 

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