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Türkei attackiert Sänger Zudem hohe Strafe für Netflix wegen "Heartstopper Forever"

Von ms - 17.08.2026 - 11:00 Uhr
Türkei attackiert Sänger
Foto: Instagram / mabelmatiz
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In der Türkei nimmt der Druck auf homosexuelle und queere Inhalte und die LGBTIQ+-Community weiter zu. Die Staatsanwaltschaft Istanbul ermittelt nun gegen den offen schwulen Sänger Mabel Matiz wegen „Obszönität“. Gleichzeitig geht die türkische Rundfunkaufsicht RTÜK gegen Inhalte mehrerer internationaler Streamingplattformen vor.

Das Wichtigste im Überblick

  • Die Staatsanwaltschaft Istanbul ermittelt gegen den schwulen Sänger Mabel Matiz wegen „Obszönität“.
  • Anlass ist das Musikvideo zu seiner neuen Single „Ha Leylim“.
  • RTÜK verhängte zudem gegen vier Streaming-Plattformen die höchstmöglichen Verwaltungsstrafen und ordnete die Entfernung von Inhalten an.
  • Betroffen sind unter anderem „Heartstopper: Forever“ auf Netflix, „A Teacher“ auf Disney+ und „Bang My Box: The Robin Byrd Story“ auf HBO Max.
  • Die Behörden berufen sich auf Vorschriften zum Schutz der Familie und nationaler sowie moralischer Werte.
  • Gleichzeitig steht die türkische LGBTIQ+-Community nach Festnahmen bei Pride-Veranstaltungen unter Druck.
  • Immer noch in Arbeit ist außerdem ein extremes Anti-LGBTIQ+-Gesetz. 

Eklat wegen Hochzeitsvideo 

Auslöser für die Ermittlungen gegen Matiz ist das Video zu seinem am 11. August veröffentlichten Lied „Ha Leylim“. Die Staatsanwaltschaft stützt sich auf Artikel 226 des türkischen Strafgesetzbuchs. Der Tatbestand kann mit sechs Monaten bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft fallen Text und Bilder des Videos „in den Bereich des Straftatbestands der Obszönität“. Das Video spielt auf einer traditionellen türkischen Hochzeit. Matiz ist darin zunächst als Musiker zu sehen, der bei der Feier auftritt. Zugleich tauscht er während der gesamten Hochzeit immer wieder längere Blicke mit dem Bräutigam aus. Am Ende tanzen die beiden einander gegenüber und folgen dabei einer traditionellen Choreografie. Explizite Szenen oder direkte sexuelle Anspielungen im Lied gibt es nicht. Trotzdem hatte die regierungsnahe Zeitung Takvim bereits vor Einleitung der Ermittlungen eine Kampagne gegen das Lied gestartet.

Für Matiz ist der Vorwurf nicht neu. Der Sänger war bereits im September 2025 wegen desselben Straftatbestands im Zusammenhang mit dem Song „Perperişan“ ins Visier der Behörden geraten. Ein Gericht in Ankara hatte damals den Online-Zugang zu dem Lied sperren lassen. Vor wenigen Monaten wurde Matiz jedoch freigesprochen. Bereits 2022 hatte sein Song „Karakol“ wegen seiner ausdrücklich homoerotischen Bildsprache eine Hasskampagne in sozialen Netzwerken ausgelöst. 

Streamingdienste sanktioniert

Auch auf den Streamingplattformen nimmt die Zensur zu. Der Rundfunk- und Fernsehrat RTÜK hat jetzt gegen vier Streamingdienste die höchstmöglichen Verwaltungsstrafen verhängt. Vorgesehen sind eine Geldbuße von drei Prozent des Umsatzes sowie die Entfernung beanstandeter Produktionen aus den jeweiligen Katalogen. RTÜK begründete die Maßnahmen unter anderem mit „LGBT-Propaganda, Kindesmissbrauch, Obszönität und Aufruf zu Gewalt“. Betroffen sind mehrere internationale Produktionen. Auf HBO Max wurde die Dokumentation „Bang My Box: The Robin Byrd Story“ beanstandet. Sie soll „homosexuelle Beziehungen legitimieren“.

Auf Netflix traf es „Heartstopper: Forever“. Nach Auffassung der Behörde könne die Serie den schwulen Lebensstil für ein junges Publikum „ästhetisch ansprechend“ darstellen. Dies sei mit der „türkischen Familienstruktur“ nicht vereinbar. Disney+ wurde wegen „A Teacher“ sanktioniert. Die Serie soll eine Beziehung zwischen einer erwachsenen Lehrerin und einem minderjährigen Schüler romantisieren. Auf Prime Video wurde „Spartacus: House of Ashur“ wegen Gewaltdarstellungen beanstandet.

Konflikt mit Plattformen

Die Auseinandersetzung zwischen der türkischen Medienaufsicht und Streamingplattformen ist nicht neu. Bereits 2020 hatten RTÜK-Verantwortliche öffentlich eine feindselige Haltung gegenüber den Diensten erkennen lassen. Netflix, Disney+ und andere Anbieter wurden damals als „dem Islam gegenüber feindlich“ bezeichnet. Grundlage für das Vorgehen ist das Gesetz 6112 über Rundfunk- und Fernsehanbieter. Artikel 8 verbietet Inhalte, die „nationalen und moralischen Werten, der allgemeinen Moral und dem Schutz der Familie“ widersprechen. Seit 2019 gilt diese Vorschrift auch für Streamingdienste wie Disney+ und HBO Max. Anders als im Fall von Matiz handelt es sich dabei nicht um ein Strafverfahren. RTÜK kann als Verwaltungsbehörde Geldbußen von bis zu drei Prozent des Umsatzes verhängen und die Entfernung von Inhalten anordnen, ohne dass zunächst ein Gericht entscheiden muss.

Festnahmen bei Prides

Die Maßnahmen gegen Medieninhalte fallen in eine Zeit zunehmender Repression gegen die LGBTIQ+-Community. Wenige Tage vor dem NATO-Gipfel Anfang Juli in Ankara nahm die Polizei über 200 Aktivisten, Anwälte sowie Journalisten fest. Für 13 Tage wurden sämtliche öffentlichen Versammlungen in der Hauptstadt verboten. Anschließend kam es zu Festnahmen beim Trans Pride in Kadıköy und beim Istanbul Pride. Dutzende Menschen wurden festgesetzt. Auch Journalisten, die über die Veranstaltungen berichteten, wurden bei ihrer Arbeit behindert. In der Rainbow Map 2026 von ILGA-Europe liegt die Türkei auf Platz 47 von 49 Ländern. Schlechter bewertet werden nur Aserbaidschan und Russland.

Unterdessen arbeitet die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan immer noch an einem radikalen Anti-LGBTIQ+-Gesetzespaket. Als das Vorhaben Ende Juni erneut ins Parlament kam, waren zwar sämtliche dieser Vorschriften nicht mehr enthalten. Nach Angaben türkischer Medien bedeutet dies jedoch keinen endgültigen Rückzug. Die Regelungen könnten demnach lediglich verschoben worden sein und in den kommenden Monaten in einem eigenen Gesetzespaket wieder auftauchen. Ein vergleichbares Vorgehen gab es bereits bei früheren Justizpaketen. Beide waren 2025 nach Protesten von LGBTIQ+-Organisationen zunächst zurückgestellt und später erneut eingebracht worden.

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