Happy Birthday Ralf König Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an
Kaum ein deutschsprachiger Comic-Künstler hat die schwule Kultur so nachhaltig geprägt wie Ralf König. Mit seinem unverwechselbaren Zeichenstil, scharfem Humor und pointierten Alltagsbeobachtungen machte der 1960 im westfälischen Soest geborene Autor schwules Leben über Jahrzehnte für ein breites Publikum sichtbar – zu einer Zeit, als schwule Figuren in den Medien kaum vorkamen. Jetzt feiert er am Samstag (8. August) seinen 66. Geburtstag.
Das Wichtigste im Überblick
- Ralf König zählt zu den erfolgreichsten und bekanntesten Comic-Autoren Deutschlands.
- Seine Werke machten schwules Leben für ein Millionenpublikum sichtbar – humorvoll, offen und selbstbewusst.
- Klassiker wie „Der bewegte Mann“ oder „Kondom des Grauens“ wurden erfolgreich verfilmt.
- Bis heute gilt König als wichtige Stimme für Akzeptanz, Selbstbestimmung und queere Sichtbarkeit.
Die Liebe zum Comic
Schon als Jugendlicher begeisterte sich König für das Zeichnen. Nach seiner Ausbildung an der Kunstakademie Düsseldorf begann er in den 1980er-Jahren, Comics für schwule Magazine zu veröffentlichen. Schnell entwickelte er seinen ganz eigenen Stil: große Nasen, ausdrucksstarke Figuren und Geschichten, die mit viel Witz Beziehungen, Sexualität, Freundschaft und gesellschaftliche Vorurteile aufs Korn nahmen. Der große Durchbruch gelang ihm Anfang der 1990er-Jahre mit „Der bewegte Mann“, derzeit ist ein zweiter Teil in Arbeit. Gerade für schwule Männer hatte sein Werk damals wie heute eine besondere Bedeutung, keiner trifft den besonderen Humor der Community so wie er, mal melancholisch nachdenklich, mal lebensfroh und gegenwartsbezogen. Mehr als vier Jahrzehnte nach seinen ersten Veröffentlichungen gilt König als einer der bedeutendsten Comic-Autoren Europas. Und das Thema Alter ist eines, das ihm bis heute nicht besonders liegt. SCHWULISSIMO traf ihn trotzdem zum Ehrentag:
Lieber Ralf, du wirst 66 Jahre jung. Udo Jürgens sang einst, mit 66 Jahren fängt das Leben erst an. Würdest Du das auch so sehen? Und was fängt bei dir jetzt erst so richtig an?
Verringerung des Hodenvolumens und Prostatavergrößerung wahrscheinlich. Ich lehne dieses Trostlied entschieden ab! Da war mir 'When I’m sixtyfour’ von den Beatles vor zwei Jahren lieber: ‚Will you still need me, will you still feed me‘, das hatte wenigstens jugendlichen Humor!
Wirst Du dieses Jahr feiern - und wenn ja, wie?
Ich konnte mich nicht entscheiden und jetzt ist es für die Partyplanung zu spät. Geburtstage feiern kommt mir seit einigen Jahren vor wie eine etwas lästige Verpflichtung. Mal sehen, zum 70. knallen vielleicht nochmal die Korken. Mein goldenes Pailettenkleid für die Tuntenshow ist ja aus Stretch und Stretch ist geduldig.
Was steht bei dir im kommenden Lebensjahr an? Was für Pläne hast Du und worauf dürfen wir uns freuen?
Ich hab schon viel zu lange die schwule Version der NIBELUNGEN auf dem Zeichenbrett, wenn ich das Epos endlich fertig habe, ist das eher ein Grund zum feiern. Danach nur noch kurze Comics, die schneller fertig sind. Die langen Geschichten waren oft schwierig, das ist nicht neu, aber zum abmühen mit der Dramaturgie ist mir nun die Lebenszeit zu schade.
Mit 66 kommt man ja angeblich auch in die Phase der Weisheit. Hast Du diese schon bekommen, oder wartest Du noch auf die Lieferung?
Ach, Weisheit ist ein Mythos. Was soll das sein, Weisheit? Man bleibt auch im Alter der, der man ist, so richtig ändert man sich nur in Kindheit und Jugend. Ich warte eher auf die viel besungene Gelassenheit, die Zufriedenheit mit sich selbst, von der manche alten Säcke reden. Ich versuche immerhin, das aufgeregte Getöse der Welt nicht so nah an mich ranzulassen, Social Media zu meiden und lieber ein gutes Buch zu lesen. Vielleicht ist das ja schon weise.
Viele Menschen feiern den 66. Geburtstag mit Rückblicken. Du wirkst eher wie jemand, der lieber neue Geschichten erfindet: Ist Rückschau für dich ein Albtraum – oder nur eine besonders langweilige Sprechblase?
Ich habe schon mal überlegt, ob ich meine speziellen Lebenserinnerungen zu Comics machen sollte, aber die Welt ist gegenwärtig in so einem Wirbel, dass ich fürchte, alles vor der fatalen Erfindung des Internets wirkt irgendwie antiquarisch. Aber ich guck mir die queere Szene so an und da ist jede Menge skurriler Stoff. Erstaunlich, dass es so wenig Cartoons und Comics aus den eigenen Reihen gibt und ich mit 66 immer noch quasi der einzige bin! Aber die Angst vorm woken Shitstorm nach einem selbstkritischen Witz ist für junge Talente wohl zu groß.
Deine Figuren kämpfen oft mit Liebe, Sex, Alltag und gesellschaftlichen Veränderungen. Was ist heute schwieriger: eine gute Pointe zu finden oder eine Gebrauchsanweisung für moderne Technik zu verstehen?
Mir fällt die Pointe eher ein, ich bin komplett technikdoof! Seit auch noch die KI auf uns niederkommt, halte ich auch die Fahne hoch. Wenn jeder, der weder zeichnen noch malen noch fotografieren kann, meint, er sei ein Künstler, wenn er per Computer bunte Bilder bastelt, bleibe ich erst recht bei Papier, Stiften und Radiergummi.
Zum Glück für deine vielen Fans! Wie geht´s eigentlich Konrad und Paul inzwischen? Die Jungs altern ja sozusagen mit dir mit.
In ‚HARTER PSÜCHARTER‘ wurde Paul 60. Ich bin ihm wohlweißlich immer ein paar Jahre voraus, um mir die Angelegenheit mal erst selbst anzusehen. Momentan bin ich an diesem germanischen Epos, wie gesagt, danach vielleicht wieder Konrad und Paul. Ja, der arme Paul. Ich habe das Buch HERBST IN DER HOSE gezeichnet, bis zu WINTER IN DER HOSE hat er hoffentlich noch ein paar Jahre Zeit.
Ich weiß ja, das Thema Alter macht dir nicht oft viel Freude. Daher keine klassische Altersfrage – aber gibt es etwas, das Du mit 66 besser kannst als mit 26 oder 46?
Nein.
Ralf, danke dir fürs Gespräch und Happy Birthday.