Sexualisierte Gewalt Bericht Homosexueller über Lage in russisch-besetzten Gebieten
LGBTIQ+-Menschen in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine sind nach Angaben der Vereinten Nationen in besonderem Maße von konfliktbezogener sexueller Gewalt betroffen. Darauf weist Analee Peppera, Beraterin der Vereinten Nationen in der Ukraine, in einem Gastbeitrag für die unabhängige ukrainische Nachrichtenplattform Ukrainska Pravda hin. Darin schildert sie dokumentierte Fälle und fordert einen konsequent an den Bedürfnissen der Betroffenen ausgerichteten Umgang mit den Überlebenden.
Das Wichtigste im Überblick
- UN-Beraterin schildert Fälle sexueller Gewalt gegen LGBTIQ+-Menschen in den besetzten Gebieten der Ukraine.
- Die Vereinten Nationen sehen LGBTIQ+-Personen besonders in Haft einem erhöhten Risiko ausgesetzt.
- Zwei Betroffene berichten von Misshandlungen und Vergewaltigungsdrohungen durch russische Soldaten.
- Viele Opfer verzichten aus Angst und Scham auf eine Anzeige.
- Die UN fordert einen besseren Zugang zu Hilfe und Justiz für alle Betroffenen.
LGBTIQ+-Menschen besonders betroffen
Konfliktbezogene sexuelle Gewalt umfasst nach UN-Angaben Vergewaltigungen, Vergewaltigungsdrohungen, sexuelle Folter, erzwungene Nacktheit, sexuelle Erniedrigung sowie weitere Formen sexueller Gewalt, die im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten, Besatzung oder Inhaftierung verübt werden. Im Jahresbericht 2025 des UN-Generalsekretärs heißt es: „LGBTIQ+-Personen waren einem besonders hohen Risiko sexueller Gewalt ausgesetzt, insbesondere in Haftsituationen.“
Nach Angaben der Vereinten Nationen bleibt konfliktbezogene sexuelle Gewalt weltweit häufig ungemeldet. Dennoch seien im Zusammenhang mit Russlands großangelegter Invasion der Ukraine Fälle dokumentiert worden, die Frauen, Männer, Mädchen, Jungen und Menschen verschiedener Geschlechtsidentitäten betreffen – sowohl in Haft als auch in besetzten Gebieten.
Die Erfahrungen von LGBTIQ+-Betroffenen zeigten, dass sexuelle Gewalt im Krieg häufig mit Diskriminierung aufgrund tatsächlicher oder zugeschriebener sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck oder Geschlechtsmerkmalen einhergehe. Dies erschwere den Zugang zu Sicherheit, Unterstützung, Gerechtigkeit und einer langfristigen Verarbeitung der Erlebnisse zusätzlich. UN-Generalsekretär António Guterres betonte in seinem Bericht: „Überlebende konfliktbezogener sexueller Gewalt sind keine homogene Gruppe. Ihre Erfahrungen, Bedürfnisse und Lebensumstände unterscheiden sich und erfordern einen an den Betroffenen orientierten Ansatz, der jeder einzelnen Person mit Würde und Fürsorge begegnet.“
Betroffene schildern Übergriffe
Als Beispiel führt Peppera den Fall von Olena an. Die junge lesbische Frau wurde zwei Monate vor der Befreiung der Stadt Cherson von russischen Soldaten festgenommen, während sie als Verkäuferin arbeitete. Bei einer Durchsuchung ihrer Wohnung entdeckten die Soldaten eine ukrainische Flagge sowie eine Pride-Regenbogenflagge. Nachdem sie erfahren hatten, dass Olena lesbisch ist, verlangten sie Informationen über weitere homosexuelle Menschen in der Stadt. Als sie die Zusammenarbeit verweigerte, sei sie geschlagen und mit sexueller Gewalt bedroht worden. „Ich werde dir zeigen, dass Männer viel besser sind“, habe einer der Soldaten zu ihr gesagt, während sie festgehalten worden sei und sich nicht bewegen konnte.
Nach Angaben der UN-Beraterin setzten sich die Misshandlungen bei späteren Festnahmen fort. Bis heute habe Olena die Taten nicht bei den Strafverfolgungsbehörden angezeigt. Auch der schwule Andrii berichtet von einem Übergriff in dem damals besetzten Cherson. Im Mai 2022 sei er auf dem Heimweg von der Arbeit von russischen Soldaten kontrolliert worden. Was zunächst wie eine gewöhnliche Kontrolle ausgesehen habe, sei rasch in sexualisierte Gewalt übergegangen. Einer der Soldaten habe ihm gegen seinen Willen unter die Kleidung gefasst und ihn mit den Worten bedroht: „Wenn wir uns wiedersehen, werde ich dich vergewaltigen.“ Obwohl die Begegnung nur wenige Minuten gedauert habe, seien die Folgen bis heute spürbar. Als Zivilist unter Besatzung habe Andrii keine realistische Möglichkeit gehabt, sich zu wehren oder Schutz zu suchen.
Angst vor weiterer Gewalt
Die Berichte von Olena und Andrii machten deutlich, wie konfliktbezogene sexuelle Gewalt und Diskriminierung gegen LGBTIQ+-Menschen ineinandergreifen könnten und dadurch Traumata sowie gesellschaftliche Stigmatisierung verstärkten. „Was wir in diesen Aussagen sehen, sind keine einzelnen Vorfälle. Über verschiedene Betroffene hinweg und in unterschiedlichen Phasen der Besatzung zeigen sich ähnliche Muster: rechtswidrige Inhaftierung, Folter, sexuelle Gewalt, Erniedrigung und Versuche, Menschen durch Angst zu brechen. Diese Geschichten erinnern uns daran, dass konfliktbezogene sexuelle Gewalt nicht nur gegen einzelne Personen eingesetzt werden kann, sondern auch dazu dient, Gemeinschaften einzuschüchtern und Kontrolle über die Zivilbevölkerung auszuüben“, sagt Vitalii Matvieiev, Leiter von Projector.
Nach Angaben der Vereinten Nationen leiden viele Betroffene noch Jahre später unter körperlichen und psychischen Folgen. Angst vor Vergeltung, einer Offenlegung ihrer Identität oder dem erneuten Durchleben traumatischer Erfahrungen halte viele davon ab, Anzeige zu erstatten oder Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Mehrere Bewohner von Unterkünften für LGBTIQ+-Vertriebenen hätten berichtet, während der Besatzung konfliktbezogene sexuelle Gewalt erlebt, die Taten jedoch nicht gemeldet zu haben. Sie hätten befürchtet, dadurch weiterer Gewalt, Diskriminierung und Stigmatisierung ausgesetzt zu werden.
UN fordert Aufarbeitung und Hilfe
Die Vereinten Nationen betonen, dass sich der Weg zur Verarbeitung für jeden Menschen unterscheide. Psychologische Betreuung, medizinische Versorgung, rechtliche Unterstützung und soziale Hilfen seien ebenso wichtig wie die strafrechtliche Verfolgung der Täter. Mit Blick auf den Wiederaufbau und die Aufarbeitung des Krieges in der Ukraine fordert die UN, Überlebende konfliktbezogener sexueller Gewalt konsequent in den Mittelpunkt aller Maßnahmen zu stellen. Gerade in einer Zeit, in der die Rechte von LGBTIQ+-Menschen in vielen Teilen der Welt infrage gestellt würden, sei es wichtiger denn je, allen Betroffenen den gleichen Schutz und den gleichen Zugang zur Justiz zu gewährleisten.
Gemeinsam mit ukrainischen Institutionen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Netzwerken von Betroffenen unterstützen die Vereinten Nationen weiterhin Maßnahmen zum Ausbau von Hilfsangeboten für Überlebende konfliktbezogener sexueller Gewalt, zur Verbesserung des Zugangs zur Justiz sowie zur Sicherstellung, dass Hilfsangebote sicher, inklusiv und konsequent an den Bedürfnissen der Betroffenen ausgerichtet bleiben. Zum Abschluss appelliert die UN: „Kein Überlebender konfliktbezogener sexueller Gewalt darf zurückgelassen werden.“