Hitzlspergers WM-Fazit Empathie und weniger Homophobie auf dem grünen Rasen
Der ehemalige deutsche Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger (44) sieht im modernen Fußball Anzeichen für ein verändertes Verständnis von Männlichkeit. Bei der Weltmeisterschaft habe sich gezeigt, dass Teamgeist, Empathie und gegenseitige Unterstützung zunehmend wichtiger würden.
Das Wichtigste im Überblick
- Thomas Hitzlsperger beobachtete bei der WM nicht nur Spiele, sondern auch das Verhalten der Spieler abseits des Platzes.
- Er sieht eine Entwicklung hin zu einer „positiven Männlichkeit“ im Fußball.
- Beispiele wie Jude Bellinghams Umgang mit Bukayo Saka zeigen für ihn ein neues Verständnis von Stärke.
- Hitzlsperger kritisiert weiterhin fehlende öffentliche schwule Profispieler in Europas Top-Ligen.
- Der ehemalige Nationalspieler fordert mehr Empathie, Unterstützung und Offenheit im Fußball.
Hitzlsperger sieht neues Männerbild
„Positive Männlichkeit im Fußball bedeutet nicht, Spielern für anständiges Verhalten einen goldenen Stern zu verleihen. Es ist viel einfacher“, so Hitzlsperger in einem Gastbeitrag in britischen Medien. Während seiner Reise durch Nordamerika habe er nicht nur die Spiele verfolgt, sondern auch darauf geachtet, wie sich die Spieler außerhalb des Platzes präsentierten. Zwei Wochen lang sei er mit einem Koffer unterwegs gewesen – von Kansas City über Philadelphia und Vancouver bis nach San Francisco. Dabei habe er erlebt, wie allgegenwärtig Fußball während des Turniers gewesen sei. „Aber während ich durch Nordamerika reiste und die Weltmeisterschaft verfolgte, achtete ich nicht nur auf das Geschehen auf dem Platz. Ich beobachtete auch, wie sich die Spieler abseits des Rasens präsentierten – und was diese kleinen, unscheinbaren Momente darüber verraten, wohin sich der Männerfußball tatsächlich entwickelt.“
Abschied von alten Vorstellungen
Nach Ansicht Hitzlspergers war der Fußball über Jahrzehnte von einem engen Männerbild geprägt. Härte, Aggressivität und emotionale Zurückhaltung hätten den Umgang miteinander bestimmt. „Es war eine Kultur, die auf Härte, Aggressivität und einer sehr bestimmten Vorstellung davon beruhte, was es bedeutet, ein Mann zu sein. Wer wie ich in meiner Generation gespielt hat, kennt die unausgesprochenen Regeln: Man musste Treffer einstecken, den Kopf unten halten und durfte vor allem keine Verletzlichkeit zeigen.“ Diese Kultur sei zwar nicht vollständig verschwunden. Während der Weltmeisterschaft habe sich aber immer wieder ein anderes Verhalten gezeigt.
Bellingham als Positiv-Beispiel
Besonders hob Hitzlsperger den Umgang von Jude Bellingham mit Bukayo Saka hervor. Der britische Kicker Bellingham habe seinen Mitspieler aktiv dazu aufgefordert, den Ball zu nehmen und seinen Hattrick zu erzielen. Für Hitzlsperger sei dies mehr gewesen als eine taktische Entscheidung: Es sei ein Zeichen von Führung, bei der nicht das eigene Ego, sondern die Unterstützung des Teams im Mittelpunkt stehe. „Angesichts der massiven Online-Anfeindungen, denen Saka nach seinem verschossenen Elfmeter vor einigen Jahren ausgesetzt war, hatte es eine besondere Bedeutung, ihn auf der weltweiten Bühne von einem Mitspieler aufgebaut zu sehen. Es zeigte, dass echte Stärke auf dem Platz darin besteht, andere aufzurichten – nicht darin, alleine dazustehen.“
Auch eine Begegnung abseits des Spielfelds habe ihn beeindruckt. Bellingham habe in der Mixed Zone angehalten, um mit einem Journalisten im Rollstuhl zu sprechen, während andere weitergingen. „Es war nicht inszeniert und keine PR-Aktion. Es war schlicht menschliche Empathie.“ Ein solcher Moment könne große Wirkung entfalten, so Hitzlsperger. „Es sendet einer ganzen Gemeinschaft die Botschaft: ‚Du bist hier, und du gehörst dazu.‘“ Dazu komme die besondere und auch sehr körperlich besondere Bromance zwischen Bellingham und seinem norwegischen Kollegen Erling Haaland. Ein anderes Männerbild zeigte sich zudem auch bei den Siegesfeiern der Spanier untereinander.
Fußball als Gegenpol zur Manosphere
Die gesellschaftliche Bedeutung solcher Gesten sei groß, schreibt Hitzlsperger. Fußballer hätten eine enorme Reichweite und seien für viele junge Menschen Vorbilder. Gleichzeitig würden viele Jugendliche im Internet auch auf Personen stoßen, die ein Männlichkeitsbild mit Dominanz und Abwertung anderer verbreiteten – etwa Andrew Tate. „Fußballer können diesem Bild etwas entgegensetzen.“ Spieler wie Bellingham, Erling Haaland, Kylian Mbappé oder Harry Kane würden indes zeigen, dass Stärke nicht mit Härte und Rücksichtslosigkeit verbunden sein müsse. „Man muss kein ‚harter Typ‘ sein, der andere umtritt, um zu gewinnen. Tatsächlich sind die Erfolgschancen oft größer, wenn man zusammenhält.“ Als Beispiel nennt Hitzlsperger Spanien. Der Erfolg der Mannschaft habe nicht auf einem einzelnen dominierenden Spieler beruht, sondern auf gegenseitigem Vertrauen.
Fehlende Offenheit für schwule Profis
Trotz dieser Entwicklung gebe es im Fußball weiterhin große Probleme. Besonders deutlich werde dies daran, dass es in Europas Top-Ligen weiterhin keine öffentlich schwulen männlichen Profispieler gibt. „Die Wahrheit ist: Fußball ist eine stark von Heterosexualität geprägte Blase.“ Junge Spieler, die ihre sexuelle Identität hinterfragen, seien häufig von Menschen umgeben, die keine Erfahrung damit hätten und sich ein positives Leben für einen geouteten Fußballer nicht vorstellen könnten. „Diese Grenze zu überwinden, braucht Zeit und enormen Mut.“ Nach Ansicht Hitzlspergers brauche es deshalb ein Umfeld, das Spielern vermittelt, dass ihr Leben nicht allein vom Fußball bestimmt wird. „Man muss sich nicht auf eine einzige, starre Identität reduzieren, nur um in diesem Sport bestehen zu können.“
Veränderung durch neue Generation
Hitzlsperger sieht dennoch Fortschritte. Soziale Medien hätten alte Grenzen verändert. Spieler würden heute stärker zeigen, wer sie außerhalb des Spielfelds sind – etwa durch Mode, persönliche Interessen und eine vielfältigere Darstellung ihrer Persönlichkeit. „David Beckham hat diese Entwicklung vor Jahrzehnten angestoßen, doch diese Generation hat sie weitergeführt und eine deutlich menschlichere Seite der Spieler in die Öffentlichkeit gebracht.“ Rückblickend könne die Weltmeisterschaft deshalb als Schritt nach vorne betrachtet werden.
Trotz kommerzieller Entwicklungen und der Erweiterung auf 48 Teams habe der Kern des Sports Bestand gehabt: Menschen würden zusammenkommen, feiern und Gemeinsamkeiten finden. „Es geht darum, eine Kultur aufzubauen, in der Männer sich gegenseitig unterstützen, in der Empathie nicht mit Schwäche verwechselt wird und in der Führung bedeutet, alle mitzunehmen.“ Thomas Hitzlsperger, ehemaliger deutscher Nationalspieler und Bundesliga-Meister mit dem VfB Stuttgart 2007, absolvierte 52 Länderspiele für Deutschland. 2014 outete er sich als schwul und wurde zu einer internationalen Stimme für LGBTIQ+-Inklusion und Vielfalt im Sport.