TikTok als Spiegelbild Neue Studie zeigt Spannungsbogen zwischen Schutz und Gefahr
Digitale Plattformen könnten manche Menschen früher mit ihrer eigenen queeren Identität konfrontieren, als sie selbst dazu bereit sind. Eine neue wissenschaftliche Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass der TikTok-Algorithmus bei einigen Nutzerinnen und Nutzern offenbar erkannte, dass sie queer sind, bevor sie diese Erkenntnis selbst gewonnen hatten.
Das Wichtigste im Überblick
- Eine Studie mit LGBTIQ+-Personen in Australien untersucht den Einfluss digitaler Plattformen auf die Identitätsfindung.
- Befragte berichten, dass TikTok-Algorithmen ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität offenbar früh einordnen konnten.
- Manche sehen darin eine Hilfe bei der Selbstfindung und beim Aufbau queerer Kontakte, andere warnen vor einem möglichen unfreiwilligen Outing.
- Forscher fordern von Plattformen mehr Verantwortung beim Umgang mit sensiblen Identitätsdaten.
Leben in hybriden Räumen
Die im Fachjournal Gender, Place & Culture veröffentlichte Studie basiert auf ausführlichen Interviews mit LGBTIQ+-Menschen aus zwei australischen Großstädten. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie queere Menschen Kontakte knüpfen und ihre Identität in sogenannten „hybriden Räumen“ erkunden – also Umgebungen, in denen sich digitale und reale Begegnungen verbinden. Die befragten Personen waren zwischen 18 und 60 Jahre alt. Viele erklärten, dass sie das Internet zunächst vorsichtig nutzten, um ihre Identität zu erforschen, ohne Gefahr zu laufen, unfreiwillig geoutet oder angegriffen zu werden.
Dafür verwendeten sie unter anderem strengere Privatsphäre-Einstellungen, mehrere Accounts auf derselben Plattform oder schauten Inhalte nur passiv an, ohne selbst Beiträge zu veröffentlichen. Besonders im Fokus stand TikTok, dessen Empfehlungssystem Inhalte auf Grundlage des Nutzerverhaltens auswählt. Dazu zählen unter anderem Likes, das Folgen bestimmter Accounts oder die Zeit, die jemand mit einem Video verbringt.
Anonymität als Schutz
Mehrere Teilnehmer berichteten, dass der Algorithmus ihrer Wahrnehmung nach sehr schnell begann, Rückschlüsse auf ihre Identität zu ziehen – einschließlich ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Geschlechts. „Mehrere Teilnehmer erzählten uns, dass der Algorithmus 'wusste', dass sie queer sind, bevor sie selbst es wussten“, sagte Studienleiter Dr. Justin Ellis von der School of Law and Justice der University of Newcastle gegenüber University News.
Eine 25-jährige lesbische Teilnehmerin aus Newcastle schilderte, dass sie ein anonymes Profil ohne Namen oder persönliche Angaben nutzte, um Inhalte anzusehen. Diese Möglichkeit habe ihr geholfen, sich mit ihrer Identität auseinanderzusetzen. Gerade angesichts unterschiedlicher gesellschaftlicher Entwicklungen und zunehmender Einschränkungen für LGBTIQ+-Menschen in manchen Ländern habe die digitale Anonymität für einige Befragte eine zusätzliche Schutzfunktion gehabt. „Anonym im Internet zu sein, ist wirklich hilfreich und war für mich besonders wichtig, als ich noch herauszufinden versuchte, ob ich queer bin oder nicht. Und dann half es mir dabei, den Punkt zu erreichen, an dem ich mich mit meiner Identität wohlgefühlt habe“, sagte eine befragte Person.
Gefahren beim Datenschutz?
Andere Teilnehmer betrachteten die Funktionsweise der Plattformen hingegen kritisch. Sie äußerten Sorgen darüber, dass ihr Verhalten online analysiert und kategorisiert werde. Besonders problematisch sei die Möglichkeit, dass Informationen über eine Identität sichtbar werden könnten, bevor eine Person bereit sei, diese öffentlich zu machen. Da Plattformen wie TikTok und YouTube Empfehlungen nicht nur anhand persönlicher Interessen, sondern auch anhand des Standorts ausspielen können, sahen einige Befragte darin ein Risiko für die Privatsphäre.
„Algorithmisches Outing zeigt, wie tief digitale Systeme inzwischen im Alltag verankert sind“, sagte Ellis gegenüber University News. „Wenn Plattformen die Identität ihrer Nutzer erkennen, müssen sie auch Verantwortung dafür übernehmen, wie und wo diese Identität sichtbar wird, um die Sicherheit der Community zu gewährleisten.“ Neben den Bedenken nannten einige Teilnehmer jedoch auch positive Erfahrungen. Die gezielten Empfehlungen hätten ihnen geholfen, queere Gruppen, Veranstaltungen und Anlaufstellen in ihrer Umgebung zu finden. Dadurch seien neue Verbindungen zu queeren und trans Menschen entstanden. Die Studie verdeutlicht damit ein Spannungsfeld: Algorithmen können bei der Identitätsfindung und beim Aufbau von Gemeinschaften unterstützen, zugleich aber Fragen nach Datenschutz, Kontrolle und dem Schutz vor unfreiwilligem Outing aufwerfen.