Der heilige Sebastian Christlicher Märtyrer und „Gay Icon“ für Jahrhunderte
Der Begriff „Gay Icon“ wird häufig mit prominenten Frauen wie Judy Garland, Cher oder Madonna verbunden. Doch eine der ältesten und zugleich bedeutendsten schwulen Symbolfiguren ist ein christlicher Märtyrer aus der Spätantike: der heilige Sebastian.
Das Wichtigste im Überblick
- Der heilige Sebastian wurde im Jahr 288 n. Chr. wegen seines christlichen Glaubens getötet.
- Seine Darstellung als von Pfeilen durchbohrter Märtyrer inspirierte über Jahrhunderte zahlreiche Künstler.
- Kunsthistoriker sehen in vielen Sebastian-Darstellungen homoerotische Deutungsmöglichkeiten.
- Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Sebastian zu einer wichtigen Referenz innerhalb der schwulen Kultur.
- Persönlichkeiten wie Oscar Wilde, Yukio Mishima und Derek Jarman bezogen sich auf die Figur.
- Während der Aids-Krise wurde Sebastian von vielen Künstlern als Symbol für Leid, Widerstandskraft und Hoffnung aufgegriffen.
- Bis heute bleibt der Heilige eine bedeutende Inspirationsquelle für schwule Kunst und queere Identität.
Gestorben für seinen Glauben
Sebastian war ein römischer Soldat, der nach kirchlicher Überlieferung im Jahr 288 n. Chr. während der Christenverfolgungen unter Kaiser Diokletian getötet wurde. Verehrt wird er bis heute sowohl in der katholischen als auch in der orthodoxen Kirche. Besonders bekannt wurde die Erzählung, nach der Sebastian zunächst an einen Baum gebunden und mit Pfeilen beschossen wurde. Obwohl er diesen Angriff überlebt haben soll, wurde er später nach Überlieferungen schließlich erschlagen. Gerade diese Szene des Pfeilmartyriums machte Sebastian zu einer der meistdargestellten Figuren der Kunstgeschichte. Allein die Londoner National Gallery besitzt 14 Darstellungen des Heiligen.
Die Entwicklung Sebastians zur schwulen Symbolfigur lässt sich nach Einschätzung von Historikern bis in die Renaissance zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Künstler wie Guido Reni, El Greco oder Sandro Botticelli stellten den Heiligen als jungen, attraktiven Mann dar. Seine von Pfeilen durchbohrte Gestalt wurde dabei oft mit einer starken emotionalen und körperlichen Ausdruckskraft versehen. Der Kunsthistoriker Daniel Fountain von der Universität Exeter erklärt gegenüber der BBC, dass die Pfeile von Kunsthistorikern häufig als phallisches „Symbol für penetrativen Sex“ interpretiert würden.
Clare Barlow, Direktorin des People's History Museum und Kuratorin der Ausstellung „Queer British Art 1861–1967“, sieht darin ebenfalls eine besondere Bedeutung. Die Pfeile würden in vielen Darstellungen „eine enorme psychosexuelle Bedeutung“ erhalten – unabhängig davon, ob dies von den Künstlern bewusst beabsichtigt gewesen sei oder nicht. „Und die Tatsache, dass Sebastian oft als sehr schöner junger Mann gemalt wird, macht ihn nur noch faszinierender“, sagt sie.
Versteckte schwule Botschaften
Während der Renaissance waren homosexuelle Beziehungen gesellschaftlich weitgehend tabuisiert. Darstellungen Sebastians boten deshalb nach Ansicht vieler Experten eine Möglichkeit, männliche Schönheit und Begehren künstlerisch auszudrücken, ohne dies offen benennen zu müssen. Barlow weist allerdings darauf hin, dass sich heute oft nicht mehr eindeutig feststellen lasse, ob die Künstler tatsächlich homosexuelle Botschaften vermitteln wollten oder ob spätere Generationen diese Deutungen in die Werke hineinlasen. „Oft ist es sehr schwer nachzuvollziehen, ob dies die ausdrückliche Absicht eines Künstlers war oder ob es einfach von einer Gemeinschaft von Betrachtern in die Werke hineingelesen wurde, die nach Repräsentation suchte“, erklärt sie weiter.
Sebastian als geheimes Erkennungszeichen
Im späten 19. Jahrhundert entwickelte sich Sebastian zunehmend zu einer Art kulturellem Code innerhalb homosexueller Kreise. Die Autorin und Performerin Holly James Johnston erklärt, der „Kult um den heiligen Sebastian erreichte seinen Höhepunkt“ in jener Zeit, als Intellektuelle wie Oscar Wilde, Walter Pater oder Marc-André Raffalovich ihre Verbundenheit mit dem Heiligen offen zeigten. „Sebastian wurde damals Teil einer Art schwuler Codesprache“, so Johnston. „Für gebildete Männer war er eine Möglichkeit, ihre homosexuellen Wünsche über eine Ikone auszudrücken, die von anderen homosexuellen Menschen sofort erkannt wurde.“ Der französische Schriftsteller Raffalovich, der sich intensiv mit Homosexualität beschäftigte, trat 1896 einem katholischen Orden bei und nahm den Namen Bruder Sebastian an. Auch Oscar Wilde bezog sich auf die Figur. Nach seiner Verurteilung wegen homosexueller Beziehungen lebte er im Exil in Frankreich und verwendete dort das Pseudonym Sebastian Melmoth.
Symbol für Ausgrenzung und Leid
Neben seiner körperlichen Darstellung besitzt Sebastian für viele homosexuelle und queere Menschen heutzutage auch eine tiefere symbolische Bedeutung. Kunsthistoriker Dominic Johnson von der Queen Mary University verweist auf die Darstellung des leidenden Märtyrers. „Er wird fast immer in derselben Haltung dargestellt“, sagt Johnson. „Sein Bein gibt leicht nach, der Körper sinkt elegant zusammen. Dann blickt er zum Himmel auf – bittend oder sogar begehrend.“ Daniel Fountain sieht darin Parallelen zu Erfahrungen vieler homosexueller Menschen. „Er war jemand, der zu verbergen versuchte, wer er war – nämlich Christ –, bevor er von der Gesellschaft ausgegrenzt und wegen seines Glaubens verfolgt wurde“, erklärt Fountain. „Viele queere Künstler haben in dieser Erzählung von Ausgrenzung eine Resonanz gefunden.“
Einfluss auf Künstler des 20. Jahrhunderts
Auch im 20. Jahrhundert blieb Sebastian eine wichtige Figur homosexueller Kultur. Der japanische Schriftsteller Yukio Mishima berichtete, dass eine Darstellung Sebastians sein sexuelles Erwachen ausgelöst habe. Später ließ er sich selbst in einer bekannten Fotoserie als Sebastian inszenieren. Nach den Stonewall-Aufständen von 1969 gewann die Figur erneut an Bedeutung. 1976 veröffentlichte Regisseur Derek Jarman den Film „Sebastiane“, der als Meilenstein des schwulen Kinos gilt. Der Film zeigte offen homosexuelle Liebe und männliche Nacktheit zu einer Zeit, als solche Darstellungen noch äußerst selten waren. „Es ist ein wichtiger Film, auch weil er so umstritten war“, sagt Johnson. „Aber er ist ebenso bedeutsam, weil er ein so schöner, durchdachter und provokativer Film über schwule Männer und Begehren ist.“ Johnston ist überzeugt, dass der Film „den Deckel endgültig wegsprengte“ und Sebastians Status als schwule Ikone für ein breiteres Publikum sichtbar machte.
Symbolfigur während der Aids-Krise bis heute
In den 1980er- und frühen 1990er-Jahren wurde Sebastian während der HIV/Aids-Epidemie erneut zu einer wichtigen Symbolfigur. Künstler wie Keith Haring oder David Wojnarowicz griffen sein Bild in ihren Werken auf. Beide starben später selbst an den Folgen von Aids. Bereits im Mittelalter galt Sebastian als Schutzheiliger gegen die Pest. Viele sahen darin eine Parallele zur Aids-Krise. „Es gibt deutliche Parallelen zu der Art und Weise, wie er in den 1980er-Jahren während einer ganz anderen Seuche aufgegriffen wurde“, sagt Fountain. „Darstellungen Sebastians machten ihn damals zu einer Art Schutzpatron von Queerness, Krankheit und Durchhaltevermögen.“
Auch heute inspiriert Sebastian weiterhin Künstlerinnen, Künstler und Kreative der LGBTIQ+-Community. 2022 griff der multidisziplinäre Künstler Gray Wielebinski die Figur in einer Installation auf, die zugleich auf Popstar Britney Spears Bezug nahm. Dabei stellte er Verbindungen zwischen Sebastians Verfolgung und dem öffentlichen Druck her, dem Spears über Jahre ausgesetzt war. „In Sebastians Blick liegt eine Art Wissentlichkeit sowie Würde und Anmut“, erklärt Wielebinski. „Ich wollte Britney dieselbe Würde verleihen und ihr zugleich mehr Handlungsmacht über ihr Schicksal geben.“ Nach Jahrhunderten künstlerischer Interpretationen, religiöser Verehrung und schwuler Aneignung gilt der heilige Sebastian heute als eine der vielschichtigsten homosexuellen Symbolfiguren überhaupt. Für viele Menschen steht er für Ausgrenzung, Widerstand, Selbstbehauptung und Hoffnung – und bleibt damit auch im 21. Jahrhundert eine bedeutende Inspirationsquelle.