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Verbotene Liebe vergangener Zeiten

Die Community früherer Tage Bevor Stonewall die Welt veränderte

ms - 03.07.2026 - 16:00 Uhr
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Vom Pride Monat Juni geht es nahtlos weiter in den Juli, einige der größten CSDs des Jahres stehen an. Einmal mehr fordern wir Akzeptanz und Gleichberechtigung. Gerade in diesen Tagen lohnt dabei ein Blick in unsere eigene Geschichte. Wie entwickelte sich die LGBTIQ+-Community in den letzten 150 Jahren? SCHWULISSIMO fragte nach bei Historiker Prof. Dr. Benno Gammerl, führender Experte im Bereich queerer Geschichte. 

Sie betonen, dass Deutschlands queere Geschichte lange Zeit vernachlässigt wurde, viele Menschen auch aus der Community sind bis heute der Meinung, dass vor Stonewall 1969 im Grunde nichts passiert ist.

 Das hat damit zu tun, dass die schwulenbewegten Aktivisten der 1970er Jahre ihre Vorläufer nicht ernst nahmen und sich deutlich von Ihnen distanzieren wollten. In den 1950er und 1960er Jahren haben homophile Gruppen vorsichtig und zurückhaltend für die Abschaffung des Paragrafen 175, der Sex zwischen Männern unter Strafe stellte, geworben. Letztlich ja auch erfolgreich, 1969 wurde Sex zwischen Männern über 21 Jahren sozusagen legal. Aber für die radikalen Schwulen der 1970er Jahre waren ihre homophilen Vorgänger zu angepasst, zu wenig provokativ. Deswegen ging in diesem Generationenwechsel auch ein Großteil der Erinnerung an frühere Phasen der queeren Geschichte verloren. Der zweite entscheidende Einschnitt ist die NS-Zeit, in der Tausende Homosexuelle verfolgt und ermordet wurden. Damals wurde auf brutale Weise die Erinnerung an die sexualdemokratischen Aufbrüche der Weimarer Zeit fast vollständig ausgelöscht. Erst ab den 1980er Jahren haben Historiker*innen damit begonnen, deren Spuren erneut zu entdecken.

 Bereits im Kaiserreich gab es Homosexuellenbewegungen, die für mehr Rechte kämpften. Nehmen Sie uns ein wenig mit in diese Zeit: Wie lebten Schwule und Lesben zu dieser Zeit?

Da könnte ich Ihnen jetzt das erste Kapitel meines Buches vorlesen. 1896 kam die Zeitschrift Der Eigene erstmal heraus, 1897 wurde das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) gegründet. Damit sind zwei wesentliche Richtungen etabliert. Im Umfeld von Der Eigene setzte man auf männliche Kultur und einen Maskulinismus mit teils misogynen Tendenzen. Wer wirklich Heroisches vollbringen wollte, liebte das Männliche und bewegte sich in Männerbünden. Deswegen war das mann-männliche Begehren gleichsam eine kulturstiftende Kraft, wie etwas Bewunderns- und nicht Verachtenswertes. Auf der anderen Seite gab es mit dem WhK und Magnus Hirschfeld das Argument, dass Homosexulitát angeboren sei, dass sie oft etwas mit der Mischung weiblicher und männlicher Aspekte in einer Person zu tun habe, und dass man diese Veranlagung als etwas Natürliches betrachten müsse. Daraus folgte, dass es sinnlos und unvernünftig war, Menschen dafür zu besstrafen, dass sie ihrer Natur folgten. Mit diesen Argumenten warb das WhK für eine Reichstagspetition zur Abschaffung des Paragrafen 175. Viele unterschrieben, aber Sex zwischen Männer blieb strafbar. Das hielt viele aber nicht davon ab. Es gab alle möglichen Kreise und Szenen. An bestimmten Orten war das Leben auch um 1900 schon sehr bunt.

Was war der größte Wendepunkt in der homosexuellen Geschichte der letzten 150 Jahre?

Da muss ich mindestens zwei Momente nennen: 1933, als die Nazis an die Macht kamen und damit begannen, die homosexuelle Subkultur, die Verbände und die Zeitschriften der Weimarer Zeit zu zerstören. Und der andere Wendepunkt ist der um 1969, als radikale schwule und lesbisch-feministische Bewegungen an Fahrt aufnahmen und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen auslösten.

Welche homosexuelle Persönlichkeit wird historisch völlig unterschätzt? 

Herbert Rusche finde ich interessant. Der Grünen-Politiker war der erste offen schwule Bundestagsabgeordnete in den 1980er Jahren. Bemerkenswert ist ausserdem, dass er seine politische Arbeit fortsetzte, auch nachdem ein Neonazi ihn angeschossen hatte. Diese rechte Gewalt gegen Schwule in der Bundesrepublik der Kohl-Ära ist auch etwas, das wir vielleicht allzu leichtfertig vergessen haben.

Welche Rolle spielte Berlin in den 1920er-Jahren wirklich für queeres Leben in Deutschland aber auch weltweit? 

Die queeren Augen der Welt, oder zumindest des europäisch-nordamerikanischen Raums, waren tatsächlich auf Berlin gerichtet. Denken sie an Christopher Isherwood. Aus England kamen viele Leute, aus den USA, Frankreich, Schweden ... Auch Menschen in der jungen Sowjetunion interessierten sich jenseits der Kämpfe der KPD für das, was in der Berliner Sexualwissenschaft geforscht, in den Zeitschriften geschrieben und in der Subkultur getrieben wurde. Darüber hinaus sollte man aber nicht vergessen, dass auch in anderen Gegenden und Städten Deutschlands Wichtiges geleistet und viel gefeiert wurde. Der Glanz Berlins sollte uns nicht zu der irreführenden Annahme verleiten, überall sonst hätte nur dunkle Schattigkeit geherrscht. Mich hat immer die Geschichte einer frauenliebenden Lehrerin in Bremerhaven beeindruckt, die aufgrund von Gerüchten über ihr Lesbischsein vorzeitig in den Ruhestand versetzt wurde und sich standhaft gegen diese Ungerechtigkeit wehrte. Und der Bund für Menschenrecht (BfM), der größte Homo-Verband der Weimarer Zeit, hatte Gruppen in zahlreichen Städten, auch mittlerer Größe.

Wie stark hat der Nationalsozialismus die Community langfristig zerstört?

Genau so: stark und langfristig. Also fast komplett. Das fing an mit der Zerschlagung einschlägiger Lokale, dem Verbot der Zeitschriften und ging weiter mit der Plünderung des Instituts für Sexualwissenschaft und damit, dass das WhK und der BfM ihre Arbeit einstellten. Zahlreiche Aktivisten wurden verhaftet, schon früh in Konzentrationslager gesperrt. 1935 folgte dann die Entgrenzung des Paragrafen 175 und die Zahl der Verurteilungen von männerbegehrenden Männern stieg. Viele von Ihnen kamen ins KZ, einige Tausend von ihnen wurden dort ermordet. Aber auch die Angst, die tief sitzende Angst, die Folter, die Drohungen, der Verrat, waren allgegenwärtig. Es ist wie eine tiefe und großflächige Wunde, die nicht verheilt ist. Und nach 1945 dauerte es natürlich sehr, sehr lange, bis wieder Organisationen entstanden, Zeitschriften, Lokale, Netzwerke des Vertrauens, Orte der Hoffnung. Vor allem in der Bundesrepublik ging die Verfolgung ja auch fast nahtlos weiter.  

Die Stonewall-Unruhen gelten heute als die Initialzündung für die moderne LGBTIQ+-Bewegung. Ein Gedankenspiel: Hätte es jene Nacht im Jahr 1969 nicht gegeben, würde die queere Community heute gesellschaftlich und politisch woanders stehen? 

In Deutschland hat es gedauert, bis Stonewall zu einem zentralen Meilenstein der queeren Erinnerung wurde. Lange stand der Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ des kürzlich verstorbenen Rosa von Praunheim im Zentrum, als ein Auslöser, der dazu führte, dass sich überall in der Bundesrepublik und auch in Ost-Berlin homosexuelle Aktionsgruppen bildeten. Erst 1979 begann die Tradition der Christopher-Street-Day-Demos, die explizit an den Stonewall-Moment von 1969 erinnern. Umgekehrt muss man daran erinnern, dass auch nach 1969 einige US Bundestaaten weiterhin zu den Gegenden gehörten, wo Sex zwischen Männern aufs Schärfste verfolgt wurde. Stonewall ist zentral als ein globaler Moment und als eine Art Brennglas queerer Erinnerung, das weltweit Energien und Hoffnungen bündeln und stärken kann. Aber historisch gesehen würde ich nicht sagen, dass dieser Aufstand allein entscheidend für das war, was seither in verschiedenen Teilen der Welt passiert ist.

Welche Auswirkungen hatte die AIDS-Krise?

Dass sich damals letztlich nicht der restriktive Ansatz durchgesetzt hat, also die Idee, ´Risikogruppen´ zu isolieren und Zwangstests durchzuführen, sondern stattdessen der auch von der damaligen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth befürwortete Weg eines integrativen Ansatzes beschritten wurde, das war insgesamt für die breitere Akzeptanz sexueller Vielfalt in Deutschland entscheidend. In der Kooperation zwischen den Aids-Hilfen, den Regierungsbehörden, den medizinischen Einrichtungen, den kommunalen Stellen und weiteren Akteur*innen gelang es, mit der Epidemie auf eine Weise umzugehen, die die Gesellschaft nicht spaltete in Gesunde und Kranke, in anständige Bürger*innen auf der einen, Schwule, Sexarbeiter*innen und Drogennutzer*innen auf der anderen Seite. Aber es hat viel Streit gegeben, zwischen Aktivist*innen und Mediziner*innen, zwischen der Aids-Bewegung und der katholischen Kirche und entlang anderer Fronten. Und es hat lange gedauert, bis die Therapien besser wurden. Viele Menschen sind gestorben.

Welche Länder gelten historisch überraschend früh als vergleichsweise queerfreundlich?

Dänemark ist das erste Land, das mir hier einfällt, mit der frühen offiziellen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Die Schweiz, wo während der 1940er Jahre die einzige deutschsprachige Homosexuellen-Zeitschrift erschien. Italien ist auch ein Land, in dem man, zumindest als wohlhabender Westeuropäer, relativ ungehindert seinem Männerbegehren freien Lauf lassen konnte. Aber das bedeutet nicht, dass die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im heutigen Italien besonders stark ausgeprägt wäre. Das Gegenteil ist der Fall.  

Welche Rolle spielten Kirchen und Religionen in der Unterdrückung – aber auch vielleicht im Schutz – queerer Menschen?

Beides hat es gegeben. Das ist ein weites Feld. Ich habe in Interviews von schwulen Gruppen auf dem Land gehört, dass sie sich inoffiziell im katholischen Pfarrheim treffen durften. In der späten DDR bot die evangelische Kirche vielen schwulen und lesbischen Gruppen ein Dach, unter dem sie sich engagieren und vernetzen konnten. Aber insgesamt und über die Jahrtausende betrachtet, überwiegt sicherlich die Homofeindlichkeit der Kirchen, ihre Lehre, dass Homosexualität Sünde sei, und ihre Beteiligung an der Verfolgung von gleichgeschlechtlich begehrenden und gender-nonkonformen Menschen, schon zu den Zeiten der Inquisition. 

Gab es queere Codes schon lange vor den modernen LGBTIQ+-Begriffen? 

Das wäre ja verwunderlich, wenn es die nicht gegeben hätte. ‚Verzaubert‘ ist ein Wort, das ich besonders schön finde. Der ist verzaubert. Bezüge zur griechischen Dichterin Sappho waren unter frauenliebenden Frauen lange Zeit sehr beliebt. Für sie prägte der frühe Homo-Aktivist Karl Heinrich Ulrichs in den 1860er Jahren den Begriff Urninden. Urninge waren bei ihm die schwulen Männer. Das war sehr viel freundlicher als das Wort „175er“. Von den zahlreichen Schimpfwörtern sind leider viele nach wie vor in Gebrauch.

Welche historischen Quellen sind für queere Geschichte besonders wichtig?

Viel wurde mit Strafakten gearbeitet. Daraus lassen sich enorm spannende Einsichten gewinnen. Aber es ist wichtig, auch andere Materialien zu verwenden. Zeitschriften sind eine großartige Quelle, auch Literatur, die sich mit queeren Themen befasst. Ich selbst bin ein grosser Freund der Oral History. Die Lebensgeschichten von verschiedenen Menschen sind eine sehr reichhaltige und spannende Quelle für die queerhistorische Forschung. Das gilt in erster Linie natürlich nur für die Erforschung der jüngeren Vergangenheit, die Zeit der Mitlebenden. Aber auch aus früheren Zeiten lassen sich mitunter Selbstzeugnisse, Briefe, Tagebücher und dergleichen finden.

Warum wurden lesbische Frauen historisch oft anders behandelt als schwule Männer? Man denke nur an den Paragrafen 175, der nur schwulen Sex unter Strafe stellte. 

Weibliche Homosexualität galt meist als weniger bedrohlich. Das lag auch daran, dass in hetero-patriarchalen Denk- und Handlungsmustern Frauen generell kaum ein selbständiges sexuelles Wollen zugestanden wurde. Bei den Nationalsozialisten kommt das besonders krass zum Ausdruck. Die von ihnen geschaffene Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung diente vor allem dem Zweck, die Geburtenrate zu steigern. Homosexuelle Männer sollten, wenn möglich, zur Heterosexualität bekehrt oder gezwungen werden, damit sie Kinder zeugten. Bei homosexuellen Frauen erachteten die Nazis das nicht als notwendig, denn Frauen konnten auch gegen ihren Willen schwanger und zum Austragen eines Kindes gezwungen werden. Hier wird die krasse Frauenverachtung deutlich.  

Welche Rolle spielte Kunst für queere Sichtbarkeit?

Kunst ist ganz entscheidend. Literatur als Möglichkeit für queere Menschen. Literatur bot und bietet vielen Menschen Orientierung und Möglichkeiten, queere Utopien zu entwerfen. Malerei, Fotografie, Film. Dieser weitreichenden Frage kann ich hier nicht gerecht werden. Deswegen nur ein Beispiel: Die Comics von Ralf König, nehmen wir Bullenklöten! von 1992. Da hat sich damals sogar noch die Zensur damit beschäftigt. Und der Comic hat die Fantasie junger Menschen beflügelt, erwachsene Schwule zum Nachdenken gebracht und einer ganzen Generation dabei geholfen, entspannter mit der sexuellen Vielfalt umzugehen. Überhaupt trägt ja Lachen zur Entspannung bei.

Wie sehr prägen Kolonialismus und Moralvorstellungen heutige Anti-LGBTIQ+-Gesetze weltweit?

Oft waren es von europäischen Kolonialmächten eingeführte Gesetze, die Homosexualität in vielen Ländern des globalen Südens auch nach dem Ende der Kolonialzeit unter Strafe stellten. Und dann schwingen sich die Regierungen der ehemaligen Kolonialmächte 50 Jahre später dazu auf, lautstark die Abschaffung dieser Gesetze zu verlangen. Das ist eine sehr komplizierte Geschichte. Gleichgeschlechtliches Begehren sollte nirgends auf der Welt verboten sein und bestraft werden. Wie können wir dazu beitragen? Hören wir auf die Aktivisten, die sich in Ländern wie Indien oder Jamaika oder Aserbaidschan für die Anliegen queerer Menschen einsetzen. Fragen wir sie, wie wir helfen können. Die herablassende Verurteilung der gegenwärtigen Rechtslage aus der Position einer vermeintlichen Überlegenheit der europäischen Position heraus, ist nicht unbedingt die zielführendste Herangehensweise.

Welche historischen Vorurteile gegen queere Menschen halten sich bis heute?

Das alte Lied vom Jugendverführer und -gefährder. Das spiegelt sich auch in der auf vielen queer- und trans*-feindlichen Demos herausgeschrienen Angst vor der sogenannten Frühsexualisierung der Kinder. Daran festzuhalten, dass Kindern und Jugendlichen in verpflichtend zu besuchenden Schulen und Schulstunden ein Mindestmaß an vernünftigem Wissen über Sexualität vermittelt wird, das ist angesichts der aktuellen Umfragewerte der AfD eine der wichtigsten Aufgaben. Die Homo-Propaganda-Propaganda gehört eingemottet. Es geht darum, dass Kinder und Jugendliche sich informieren und sich dann ïrgendwann bewusst und selbständig entscheiden können, wie sie ihr intimes Leben gestalten möchten. Und vor allem geht es darum, dass Kinder lernen, was ein sexueller Übergriff ist und wie sie sich dagegen wehren und wo sie Unterstützung finden können.

Gibt es für Sie einen besonders spannenden Teil der queeren Geschichte, der in Vergessenheit geraten ist?

Da fällt mir spontan der Kampf gegen Gewalt gegen Frauen ein. Der sogenannte Lesbenprozess von Itzehoe von 1974 war für den Kampf gegen Lesbenfeindlichkeit ebenso bedeutsam wie für die Intensivierung der Debatte über das, was man als häusliche Gewalt bezeichnet. Erst seit 1996 gilt Vergewaltigung in der Ehe als eine Straftat. Der Protest lesbisch-feministischer Aktivistinnen gegen die im Gerichtssaal von Itzehoe versammelte ´Männerjustiz´ erinnert nicht nur an diesen starken Moment weiblicher Solidarität, er zeigt zugleich, mit wieviel Freude und Hoffnung und Kreativität Frau damals protestierte.  

Welche queeren Geschichten fehlen heute noch in Schulbüchern?

Da ließe sich noch vieles machen. Die Geschichte des Kampfes gegen Aids kommt mir als erstes in den Sinn. Da kann man Vieles daraus lernen. Im Handbuch Queere Zeitgeschichten im deutschsprachigen Europa, das ich mit Andrea Rottmann und Martin Lücke herausgegeben habe, gibt es eine ganze Reihe von Vorschlägen für queer-historische Quellen, mit denen man auch im Schulunterricht arbeiten kann. Nur so als Anregung. Die drei Bände des Handbuchs sind kostenfrei online zugänglich.

Welche Entwicklungen machen Ihnen heute Hoffnung – und welche Sorgen?

Hoffnung macht mir der Aktivismus, die wachsende Bereitschaft, sich zu engagieren. Immer wieder entstehen auch Allianzen zwischen verschiedenen Bewegungen und Communitys. Das stimmt optimistisch. Gleichzeitig gibt es mehr Angst, vielleicht auch tatsächlich mehr Gewalt, in jedem Fall steigt die Zahl registrieter queerfeindlicher Straftaten. Und manchmal frage ich mich, ob ´wir´ nicht zu behäbig sind, ob wir rasch und entschieden genug auf Angriffe und gefährliche gesellschaftliche Entwicklungen reagieren. Es gibt wirklich Gründe zum Feiern und Gründe zum Fürchten. 

Wenn Sie jungen Menschen heute eine historische Lehre aus 150 Jahren queerer Geschichte mitgeben könnten – welche wäre das?

Ich bin mir nicht sicher, ob ´die jungen Leute´ da meinen Rat brauchen. Ich denke, die wissen schon selber ganz gut, was sie brauchen und erreichen wollen. Insofern dürfen sich gerne alle, die das lesen, gleich welchen Alters, von den folgenden Gedanken anregen lassen oder eben nicht. Mit Blick auf die Emanzipationsbewegungen der 1970er Jahre glaube ich, dass es wichtig ist, laut zu sein, wenn es nötig ist, auch öffentlich wahrnehmbar zu protestieren. Gleichzeitig sollte man leise Töne zulassen, untereinander aufeinander hören. Und dann noch eins: Man sollte sich nicht allzu sehr darauf verlassen, dass einmal Errungenes auch Bestand haben wird. Ein Stück weit kann man sich auf die queere Lobby verlassen, auf Gerichte, auf queer-freundliche Politiker*innen, aber ein Stück weit sollte eine jede und ein jeder in ihrem eigenen Alltag mit dafür sorgen, dass eine klare gesellschaftliche Mehrheit sich aktiv für die Akzeptanz geschlechtlicher und sexueller Vielfalt einsetzt.  

Herr Prof. Dr. Gammerl, vielen Dank für das Gespräch. 

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