Gewalt in Italien LGBTIQ+-Verein warnt vor strukturellem und anhaltendem Problem
In Italien ist es laut dem neuen Bericht der LGBTIQ+-Organisation Arcigay innerhalb eines Jahres zu 127 dokumentierten Fällen von Gewalt, Diskriminierung und Hass gegen queere Menschen gekommen – so die offiziellen Zahlen. Der größte Community-Verein des Landes geht von einer Dunkelziffer von über 90 Prozent aus.
Das Wichtigste im Überblick
- Bericht der italienischen LGBTIQ+-Organisation Arcigay dokumentiert 127 Vorfälle von Gewalt und Diskriminierung
- Fälle reichen von körperlichen Angriffen bis zu Hassrede, Gefängnisgewalt und Todesfällen
- 47 körperliche Angriffe und 14 Fälle von Überfällen über Dating-Apps erfasst
- Auch politische und institutionelle Hassrede wird als Faktor benannt
- Organisation spricht von strukturellem und anhaltendem Problem in Italien
Gewaltformen im Überblick
Die Organisation spricht von einem strukturellen Problem und verweist darauf, dass die erfassten Medienberichte nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Vorfälle abbildeten. Im Durchschnitt werde nahezu wöchentlich ein körperlicher Angriff registriert.
Zu den 127 erfassten Vorfällen zählen laut dem Bericht unter anderem:
- 47 körperliche Angriffe in öffentlichen Räumen wie Stränden oder Clubs
- 37 Fälle von Hassrede, häufig durch politische oder institutionelle Akteure
- 31 Fälle von Beleidigungen und Drohungen
- 19 Angriffe auf Symbole und Orte, etwa Regenbogenbänke und Community-Zentren
- 14 Fälle von Überfällen im Zusammenhang mit Dating-Apps
- Acht Fälle von Gewalt oder Diskriminierung in Gefängnissen
- Drei Suizide sowie ein Mord im Zusammenhang mit homo- oder transfeindlicher Gewalt
Dating-Apps als Tatort
Besonders hervorgehoben wird im Bericht der Missbrauch von Dating-Apps. In mehreren Städten seien homosexuelle Menschen über Plattformen zu Treffen gelockt und dort überfallen, ausgeraubt oder erpresst worden. Arcigay bezeichnet dies als wiederkehrendes Muster. Der Generalsekretär der Organisation, Gabriele Piazzoni, sagte: „Die Dating-App, die für manche Menschen ein grundlegender Kanal für Beziehungen sein kann, ist zu einem Jagdgebiet für Personen geworden, die Hass, Homophobie und kriminelle Opportunität verbinden.“
Politische Faktoren, schwere Einzelfälle
Der Bericht verweist zudem auf 37 Fälle von Hassrede, die auch von politischen oder institutionellen Akteuren ausgegangen seien. Genannt werden unter anderem Aussagen, in denen Homosexualität als „Krankheit“ bezeichnet worden sei, sowie öffentliche Äußerungen, die LGBTIQ+-Personen in den Kontext von Militär oder Krieg gestellt hätten. Nach Einschätzung der Autoren trage diese Rhetorik aus dem politischen Raum zu einem gesellschaftlichen Klima bei, in dem Diskriminierung begünstigt werde.
Dokumentiert werden auch drei Suizide und ein Mord im Zusammenhang mit queerfeindlicher Gewalt. Betroffen seien unter anderem Minderjährige sowie eine trans* Frau, die nach einem Treffen über eine App getötet worden sein soll.
Institutionelle Bereiche
Auch Schulen und Gefängnisse werden im Bericht als problematische Bereiche beschrieben. In mehreren Fällen seien Minderjährige betroffen gewesen. Im Justizvollzug werden ebenfalls Fälle von Diskriminierung und Gewalt gegen trans* und schwule Gefangene beschrieben. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass queerfeindliche Gewalt in Italien ein strukturelles und dauerhaftes Problem darstelle, das sich durch viele gesellschaftliche Bereiche ziehe. Die gefährliche Sachlage dürfte durch die derzeitge Politik in Italien an Dramatik weiter zunehmen.