AUSGEQUETSCHT Kabarettist und Comedian Bernard Liebermann
Bernard Liebermann kam aus Bonn als Akteur an das berühmte Kabarett „Leipziger Pfeffermühle“ und gründete 5 Jahre später gemeinsam mit seinem Mann in Weimar ihr eigenes Theater „Weimarer Kabarett“.
Für AUSGEQUETSCHT stellte er sich unseren Fragen!
Bernhard, erzähle uns kurz über dich und dein Theater und müsste es nicht „Weimaraner“ Kabarett heißen?
Ich bin Kabarettist und Theatermacher. Eigentlich komme ich aus der Nähe von Bonn, bin aber mit 17 Jahren nach Leipzig gezogen und habe im traditionsreichen Kabarett „Leipziger Pfeffermühle“ gespielt. 2023 habe ich dann in Weimar zusammen mit meinem Mann Hans-Jürgen das „Weimarer Kabarett“ gegründet. Wir spielen acht verschiedene Programme und ungefähr 230 Shows im Jahr. Und warum es nicht „Weimaraner“ Kabarett heißt? Weimaraner nennt man bloß die Hunde - wenn man das durcheinanderbringt, sind die Weimarer ganz und gar nicht amüsiert.
Viele Jugendliche ziehen vom Osten in den Westen, du hast den anderen Weg gewählt. Was war dein Grund?
Ich habe aus dem Kabarett Pfeffermühle in Leipzig schlichtweg das beste Angebot erhalten. Ost-West-Überlegungen spielten da keine Rolle und ich habe es nie bereut!
Warum Weimar? Welchen Bezug hast du zur Klassik und zur Geschichte dieser Stadt?
Weimar ist eine wunderschöne Stadt! Schon als Leipziger habe ich sie gerne besucht und nun darf ich endlich hier wohnen. Weimar ist für mich eine Stadt der Gegensätze: Die Stadt ist belebt und gerade durch die Touristen stets gut gefüllt - und trotzdem kennt jeder jeden. Das Kulturangebot kann sich mit Großstädten messen, aber alles ist in kleinen Gassen versteckt und fußläufig erreichbar. Weimar vereint die Glanzlichter der deutschen Geschichte – so wie die Weimarer Klassik und die Weimarer Republik - mit der Erinnerung an ihre Schattenseiten: In direkter Nähe der Stadt auf dem Ettersberg befindet sich die Gedenkstätte Buchenwald.
Hat sich dadurch deine Lebensqualität verändert und was vermisst du?
Ich vermisse nichts - im Gegenteil! Ich fühle mich rundum wohl in Weimar. Die Weimarer machen es einem allerdings auch wirklich leicht: Hier wird man fröhlich willkommen geheißen und unterstützt. Das gilt auch für unser Theater: Bürger, Stadtverwaltung und Politik haben uns vom ersten Tag an unterstützt, eben auch weil hier alles etwas familiärer zugeht. Das kannte ich so aus Leipzig nicht!
Hast du im Osten Vorurteile gegen Wessis erlebt – oder wenn du im Westen tourst gegen Ossis? Und ist der Humor im Osten anders als im Westen?
Dazu haben wir nichts zu sagen, weil Ost-West für uns kein Thema ist.
Wann wird Ost und West in den Köpfen keine Rolle mehr spielen?
Ich behaupte, dass es bereits jetzt kaum Unterschiede „in den Köpfen“ gibt. Man ist sich im Osten bewusst darüber, dass Vermögen, Kaufkraft, Löhne etc. in Ost und West ungleich verteilt sind, aber das ist nun mal ein Fakt. Ein anderes Lebensgefühl oder eine andere Mentalität nehme ich nicht wahr, erst recht nicht bei der jüngeren Generation. Und wenn lange gesagt wurde, der Osten habe ein Problem mit Rechtsextremismus, haben die letzten Landtagswahlen wohl gezeigt, dass das (leider) auch im Westen dramatisch aussieht …
Wer oder was trifft dein Humorzentrum?
Der Nachteil daran, selbst auf der Bühne zu stehen, ist der, dass man sich viel zu selten die fantastischen Kollegen anschauen kann. Aufgewachsen bin ich mit CDs und Büchern von Heinz Erhardt, Rüdiger Hoffmann, Marc-Uwe Kling oder Piet Klocke. An deren Texten habe ich noch heute natürlich viel Spaß.
Wir versuchen in Weimar, das Ensemble-Kabarett zu entstauben, zu modernisieren und zu verjüngen: Wir übernehmen die traditionellen Elemente der Spielszenen, Lieder und Sprachspielerei und verbinden sie mit Stand-up, Improvisation und aktuellen Themen. Kurz gesagt; ich bin für vieles zu begeistern!
Hast du Vorbilder - im Kabarett und darüber hinaus?
„Vorbild“ ist ein großes Wort und ich denke, im klassischen Sinne habe ich keins. Aber mir fällt dabei eine Begegnung ein, die dem wahrscheinlich nahe kommt: Vor einigen Jahren war ich mit meinem Mann in Berlin in der Bar jeder Vernunft. Da wurde Rosa von Praunheims „Die Bettwurst“ als Bühnenshow inszeniert. Es war eine großartige Veranstaltung und aus irgendeinem Grund war Rosa selbst anwesend und saß nachher an einem kleinen Autogrammtisch am Ausgang. Wir haben uns nur kurz unterhalten, aber ich weiß noch genau, dass ich geradezu ehrfürchtig wieder nach Hause ging. Was so mancher in einem Leben erreicht - gesellschaftlich wie künstlerisch - ist wirklich beeindruckend.
Wo hört bei dir der Spaß auf? Was ist für dich gar nicht witzig?
Es ist leider gar nicht so selten, wie man hoffen könnte, dass auf der Bühne nach unten getreten wird. Luke Mockridge oder Oliver Pocher sind keine Einzelfälle, sondern bloß besonders prominente Gesichter. Darüber kann und will ich nicht lachen.
Wie verbringst du deine bühnenfreien Tage?
So viele Tage sind das gar nicht mehr - deswegen nutzen wir sie, wenn wir nur können: Sind es mal zwei oder drei freie Tage am Stück, fahren wir in die Umgebung zum Wandern oder Radeln. Ansonsten verbringen wir so viel Zeit wie möglich mit unserem neuesten Projekt: Wir haben in der Weimarer Innenstadt ein altes, marodes Haus gekauft und wollen es zusammen mit Freunden sanieren und langfristig darin wohnen und ein größeres Theater eröffnen. Bis dahin muss aber noch sehr viel getan werden; am besten in Eigenleistung, deshalb ist Handwerken unser neuer Freizeitsport.
Ist Politik ein Thema für dich?
Ich bin großer Fan der amerikanischen Late-Night-Shows, die jeden Abend aufs Neue ausführlich die Weltpolitik analysieren und humoristisch aufarbeiten. Aber ich merke auch, dass das den Zuschauern emotional einiges abverlangt. Die Welt brennt an allen Ecken und Enden und man wird minütlich damit konfrontiert - die meisten haben abends keine Kraft mehr für zwei Stunden knallharte politische Abrechnung. Wir verzichten deswegen zu großen Teilen auf Tagespolitik. Aber: Ich finde es wichtig, eine klare Haltung zu haben und auch zu zeigen. Für Demokratie, gegen Rechts, für analoges Miteinander statt digitaler Vereinzelung. Das steht beim Schreiben wie beim Spielen stets dahinter.
Hinzu kommt, dass manche Programme eine dezidierte Auseinandersetzung mit den Nazis - und natürlich auch mit modernem Rechtsextremismus - erfordern. Unsere Show „Bauhaus sucht Frau“ beispielsweise, denn das Bauhaus wurde von den Nazis bekämpft und geschlossen. Oder bei „War‘n Sie schon mal in mich verliebt?“, unserem Programm über das Kabarett der wilden 20er - denn wie die wilden 20er endeten, ist ja bekannt.
Wie oft spielst du in deinem eigenen Theater?
Momentan spielen wir in Weimar 2-3 Shows pro Woche. In der Weihnachtszeit sind es manchmal auch 7, dann meist mit Doppelveranstaltungen. Die restlichen Tage verbringen wir auswärts und spielen auf Tour - zum Beispiel in vielen ostdeutschen Städten. Wir treten aber auch in Hannover, Bad Münstereifel, Wiesbaden, Bonn, Köln und vielen anderen Städten auf.
Liegt der Schwerpunkt auf Weimarer Persönlichkeiten der Geschichte?
Ja und Nein. Eröffnet haben wir unser Theater mit einem Programm namens „Goethe Zeiten, schlechte Zeiten“. Und neben „Höher, Schiller, Weiter“ haben wir auch „Bauhaus sucht Frau“ im Repertoire. Goethe, Schiller, Bauhaus - das gehört in Weimar dazu. Aber wir setzen auch stets neue Programme an, die ganz bewusst nichts mit der Stadt zu tun haben - zum Beispiel ein Programm über die Ernährung namens „Veni, Vidi, Veggie“.
Du trittst mit verschiedenen Spielpartnern auf, ist dein Lebenspartner trotzdem involviert?
Genau, unser Ensemble ist mittlerweile vierköpfig - an meiner Seite stehen drei wechselnde Pianisten. Meinen Mann zieht es nicht auf die Bühne, er macht stattdessen unser gesamtes Management und die Technische Betreuung der Veranstaltungen. Wir sind wirklich ein tolles Team und haben großes Glück, so miteinander arbeiten zu können.
Wo habt ihr euch kennen gelernt oder seid ihr gemeinsam nach Weimar gegangen?
Wir haben uns online kennen gelernt, wie das nun mal meistens so ist. Hans-Jürgen hat damals noch in Berlin gewohnt und ist nach ein paar Jahren zu mir nach Leipzig gezogen. Er hat da nicht nur seine langjährige Heimat zurückgelassen, sondern mit dem Umzug auch gleich seine alte Arbeitsstelle gekündigt und ist eingestiegen ins Theater. Irgendwann wurde uns das Pendeln von Leipzig nach Weimar zu viel, da war es dann kein weiter Schritt mehr, noch einmal umzuziehen.
Wie siehst du die Entwicklung der Community im Hinblick auf die immer größer werdende Homophobie?
Mit großer Sorge. Zwar haben wir selbst bisher zum Glück keine nennenswerten Erfahrungen mit Homofeindlichkeit gemacht - aber dass Hass und Gewalt zunehmen, ist klar und die Zahlen sind eindeutig. Ich hoffe sehr, dass der erreichte Fortschritt nicht wieder zurückgedreht wird; an anderer Stelle sieht man ja, wie schnell das gehen kann.
Bernhard, dir und deinem Mann sowie deinem Theater alles Gute. Schön dich auf der Bühne einmal live erlebt zu haben und laut eines deiner Programme „sieht man sich ja immer zWeimar“. (