Warnung vor Chemsex Psychische Gefahren der "erhöhten Sexualität"
Der französische Psychiater Dr. Jean-Victor Blanc warnt jetzt vor den gravierenden psychischen Folgen des Chemsex, einer Praxis, bei der Drogen konsumiert werden, um das sexuelle Vergnügen zu steigern. In seinem neuen Buch „Des amours chimiques, le fléau du chemsex“ beschreibt er den zunehmenden Trend, bei dem vor allem schwule Männer synthetische Drogen wie 3-MMC, GHB und Ketamin konsumieren, um die Dauer und Intensität ihrer sexuellen Erlebnisse zu verlängern.
Das Wichtigste im Überblick:
- Chemsex hat schwere psychische Folgen, warnt Psychiater Jean-Victor Blanc.
- Der Trend betrifft vor allem homosexuelle Männer, mit einer geschätzten Zahl von 100.000 bis 200.000 betroffenen Personen in Frankreich.
- Neben Sucht und Depression kann Chemsex zu schwerwiegenden psychischen Problemen wie Suizidgedanken und Drogenüberdosierungen führen.
- Besonders gefährlich: Das Phänomen ist in der Gesellschaft wenig bekannt, was zu einer Stigmatisierung der Betroffenen führt.
200.000 Chemsex-Nutzer in Frankreich
Nach Schätzungen betreiben zwischen 100.000 und 200.000 Menschen in Frankreich Chemsex, wobei ein erheblicher Teil, etwa 40 Prozent, einen problematischen Umgang mit den Drogen aufweise, so Blanc nach seinen ausführlichen Studien. Die Nutzung von Dating-Apps wie Grindr habe diesen Trend verstärkt, da sie den Nutzern die Illusion vermittelten, jederzeit einen sexuell motivierten Partner zu finden. Diese Entwicklung führe nicht nur zu isolierten und ungesunden sozialen Beziehungen, sondern auch zu psychischen Belastungen wie Sucht und schweren Depressionen.
Gewalt und Übergriffe
Der Chemsex-Trend sei auch deswegen besonders gefährlich, weil er oft mit gewalttätigen Erfahrungen und sexuellen Übergriffen in Verbindung stehe. Laut Blanc wurden 30 Prozent der Betroffenen in ihrer Kindheit sexuell missbraucht, was ein deutlich erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen und die Neigung zu sexualisierten Drogenkonsumption zur Folge habe. Die Forschung und das Bewusstsein über Chemsex seien in der medizinischen Gemeinschaft dabei leider noch immer unzureichend, was zur weiteren Stigmatisierung der Betroffenen führe. Blanc fordert, dass der Chemsex-Trend in die Ausbildung von Allgemeinmedizinern und Apothekern aufgenommen wird, um eine bessere Unterstützung für die Betroffenen zu gewährleisten.
Breite Diskussion über Chemsex
In einer breiteren gesellschaftlichen Diskussion müsse Chemsex als öffentliches Gesundheitsproblem ernst genommen werden, da es nicht nur die homosexuelle Community betreffe. Blanc betont, dass der Trend viele soziale und psychologische Hintergründe habe, die es erforderten, diesen als ernsthaftes Thema in der öffentlichen Gesundheitspolitik zu behandeln.
Ein weiteres Ziel von Blanc ist es, das Thema aus der Skandalisierung herauszuholen, wie es zum Beispiel bei der Affäre des französischen Komikers Pierre Palmade der Fall war, der im Jahr 2024 wegen eines schweren Verkehrsunfalls verurteilt wurde. Der Fall hatte Chemsex in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, aber nach Blancs Ansicht bleibt das Thema weitgehend unbeachtet und unter dem Radar der medizinischen Forschung. Der Psychiater setzt sich deswegen für eine breitere gesellschaftliche Debatte ein und verweist auf mögliche kulturelle Darstellungen in Film und Fernsehen, die wichtige psychologische Wahrheiten über das Thema vermitteln könnten. Für Deutschland gibt es keine definitiven Zahlen, Experten gehen aber davon aus, dass Chemsex in der schwulen, sexpositiven Community auch in der Bundesrepublik in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat.