Entscheidung des Supreme Court US-Richter verwerfen Verbote zu "Homo-Heilungen"
Der Oberste Gerichtshof der USA hat ein Verbot der Konversionstherapie für homosexuelle und queere Minderjährige im Bundesstaat Colorado aufgehoben. Die Richter entschieden am Dienstag mit 8 zu 1 Stimmen gegen das Gesetz. Eine breite Mehrheit, darunter auch zwei liberale Richter, schloss sich der Mehrheitsmeinung an, einzig Richterin Ketanji Brown Jackson verfasste eine abweichende Meinung.
Wegweisende fatale Entscheidung
Im Fall „Chiles gegen Salazar“ befand das Gericht, dass es sich bei der Konversionstherapie häufig um eine Gesprächstherapie handle und das Gesetz daher eine inhaltsbasierte Einschränkung der Meinungsfreiheit darstelle. Solche Eingriffe hielten demnach einer Prüfung nach dem Ersten Zusatzartikel der US-Verfassung nicht stand. Colorados Gesetz „verbietet nicht nur physische Eingriffe“, es „zensiert auch die Rede basierend auf der Sichtweise“, so die Begründung. Die 8-1-Entscheidung zugunsten der klagenden Therapeutin Kaley Chiles dürfte landesweite Auswirkungen haben – mehr als 20 Bundesstaaten verfügen über ähnliche Gesetze. Der richterliche Beschluss könnte zudem Folgen für andere Formen medizinischer Behandlung haben, die Sprache beinhalten.
Die liberale Richterin Ketanji Brown Jackson war die einzige abweichende Richterin, sie betonte den Unterschied zwischen Rede und Verhalten und warnte, das Gericht könne damit „eine Ära unprofessioneller und unsicherer medizinischer Versorgung einleiten“, in der bestimmte Behandlungen faktisch unreguliert blieben. „Die Folgen könnten katastrophal sein“, so die Richterin weiter. Freude hingegen bei der Klägerin: „Ich hoffe, dass dieser Sieg für die Redefreiheit zu einer größeren Suche nach Wahrheit führt“, sagte Chiles nach der Entscheidung gegenüber Reportern. „Aufgrund des heutigen Urteils werden Familien mehr Optionen haben, und Staaten werden diese Optionen nicht blockieren können“, fügte sie hinzu.
Einschätzung von Fachverbänden
Viele christliche Einrichtungen bieten in den USA bis heute Konversionstherapien an, deren Ziel es ist, homosexuelle und queere Jugendliche dazu zu bringen, sich vermeintlich als heterosexuell zu identifizieren. Die Vereinten Nationen verurteilten die Praktiken klar als Folter, auch führende amerikanische Fach-Organisationen wie die American Medical Association, die American Psychological Association oder die American Academy of Pediatrics lehnen diese ab. Studien der letzten Jahre haben zudem mehrfach bestätigt, dass Konversionstherapien nicht nur wirkungslos sind, sondern auch lebenslange schädliche Nachwirkungen haben und das Suizidrisiko unter den Betroffenen dadurch massiv erhöht wird.
Kritik von queeren Verbänden
Colorados Generalstaatsanwalt Phil Weiser, ein Demokrat, der das Verbot vor Gericht verteidigte, erklärte in einer Stellungnahme, das Urteil sei ein „Rückschlag für Colorados Bemühungen, Kinder und Familien vor schädlichen und widerlegten Praktiken im Bereich psychischer Gesundheit zu schützen.“ Polly Crozier, Direktorin der Familienvertretung bei GLAAD Law, einer Organisation, die LGBTIQ+-Personen vertritt, betonte, dass das Urteil „nicht ändert, dass Konversionstherapeuten, die Patienten Schaden zufügen, weiterhin rechtliche Konsequenzen zu erwarten haben“, etwa durch mögliche medizinische Fahrlässigkeitsklagen. „Die Geschichten von Überlebenden der Konversionstherapie sind voller herzzerreißender Beispiele zerstörter familiärer Verbindungen und der Trennung von Glaubensgemeinschaften, die sie einst getragen haben“, fügte sie hinzu.
Auch die Human Rights Campaign reagierte mit deutlichen Worten: „Die heutige rücksichtslose Entscheidung bedeutet, dass mehr amerikanische Kinder leiden werden“, sagte Präsidentin Kelley Robinson. Konversionstherapien seien eine „Pseudowissenschaft, keine echte Therapie“, die „Familien schadet, Kinder traumatisiert und Menschen ihre Glaubensgemeinschaften nimmt“. Die Organisation warnte, das Urteil könne bestehende Schutzgesetze in 23 Bundesstaaten sowie in Washington, D.C. untergraben.
Scharfe Kritik kam auch von der größten queeren Jugendorganisation der USA: „Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, die gefährliche Praxis der Konversionstherapie als verfassungsmäßig geschützte Rede zu behandeln, ist ein tragischer Rückschritt für unser Land, der junge Leben gefährden wird“, erklärte Trevor-Project-Chef Jaymes Black. LGBTIQ+-Jugendliche, die einer solchen Therapie bereits ausgesetzt waren, hätten „mehr als doppelt so häufig“ Suizidversuche wie Gleichaltrige. Nach Angaben des Trevor Project berichteten in einer aktuellen Untersuchung 61 Prozent der befragten LGBTIQ+-Jugendlichen, die eine Konversionstherapie durchlaufen haben, von ernsthaften Suizidgedanken, 35 Prozent gaben an, einen Versuch unternommen zu haben. „Die heutige Entscheidung des Gerichts ist schmerzhaft, ändert aber nichts an den Fakten: Konversionstherapien sind gefährlich, sie sind eine Fehlbehandlung. An alle LGBTIQ+-Jugendlichen: Bitte wisst dies: Unabhängig von der heutigen Entscheidung oder anderen Schlagzeilen, die ihr lest – ihr gehört dazu. Ihr seid wertvoll, ihr seid geliebt, und es ist nichts falsch daran, so zu sein, wie ihr seid.“