Fahndung nach queeren Themen KI durchsuchte US-Förderprojekte nach LGBTIQ+, um sie zu streichen
Kampf gegen Diversität mittels ChatGPT? Bei der Überprüfung von Förderprojekten der US-Kulturstiftung National Endowment for the Humanities (NEH) sollen Vorhaben mit Bezug zu LGBTIQ+-Themen gezielt markiert und gestrichen worden sein. Teilweise sei dies bereits geschehen, wenn entsprechende Begriffe in Projektbeschreibungen auftauchten. Das geht jetzt aus einer eidesstattlichen Aussage eines ehemaligen Regierungsmitarbeiters vor Gericht hervor – die Statements zeigen dabei auf, wie willkürlich queere Projekte dem Rotstift zum Opfer fielen.
Kampf der Diversität
Der damalige politische Mitarbeiter Nathan Cavanaugh sagte jetzt aus, er habe gemeinsam mit seinem Kollegen Justin Fox Förderlisten aus der Amtszeit von Präsident Joe Biden geprüft. Beide arbeiteten im Rahmen der Initiative „Department of Government Efficiency“ (DOGE) über die General Services Administration an der Durchsicht von Programmen kleiner Bundesbehörden. Ziel sei es gewesen, Projekte zu identifizieren, die möglicherweise im Widerspruch zu Anordnungen von Präsident Donald Trump gegen Programme zu Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion (DEI) stehen könnten.
Die Aussage Cavanaughs aus dem Januar wurde im Zusammenhang mit einer Klage mehrerer wissenschaftlicher Organisationen veröffentlicht, darunter der American Council of Learned Societies, die American Historical Association und die Modern Language Association. Die Organisationen werfen der Regierung vor, Förderungen des NEH für Projekte zu Themen wie Rassismus, Geschlechterfragen und LGBTIQ+-Geschichte rechtswidrig beendet zu haben. Das National Endowment for the Humanities vergibt jährlich Fördergelder in Höhe von mehreren hundert Millionen US-Dollar für historische Forschung, Museen, Archive und Programme der öffentlichen Geschichtsvermittlung in den USA.
Durchsicht von Förderlisten
Cavanaugh erklärte in seiner Aussage, er und Fox hätten Tabellen mit Hunderten Förderprojekten überprüft. Beide verfügten nicht über einen akademischen Hintergrund in den Geisteswissenschaften. Fox sagte in einer separaten Aussage, bestimmte Themen seien bei der Durchsicht besonders aufgefallen. Auf die Frage, welche Arten von Projekten dabei häufig hervorstachen, antwortete er: „Förderung einer LGBTIQ+-Studie, Stipendien für Forschung zur Genderfluidität.“ Weiter erklärte Fox: „LGBTIQ+ wird oft mit unterrepräsentierten Minderheiten in Verbindung gebracht.“
Ein Projekt, das laut Cavanaugh beispielsweise überprüft wurde, sah eine öffentliche Diskussionsreihe mit LGBTIQ+-Veteranen und Mitgliedern der Öffentlichkeit vor, um über Erfahrungen marginalisierter Militärangehöriger zu sprechen. Auf die Frage, warum das Projekt markiert worden sei, antwortete Cavanaugh: „Weil ausdrücklich LGBTIQ+ darin steht.“ Auch ein weiteres Projekt über die Geschichte von HIV- und AIDS-Aktivismus sowie über Gefängnisreformen sei kritisch geprüft worden. Fox erklärte, bei der Prüfung habe eine politische Vorgabe als Maßstab gedient: „Es gab eine Executive Order, die vorsah, Ausgaben für DEI und andere verschwenderische Staatsausgaben zu streichen, und das war die Perspektive.“
Einsatz von ChatGPT
Gerichtsunterlagen zufolge suchte Fox zunächst in einer Datenbank nach Förderprojekten mit Begriffen wie „gay“, „BIPOC“, „indigenous“, „tribal“, „melting pot“ oder „equality“. Projekte mit solchen Begriffen seien anschließend näher überprüft worden. Den Unterlagen zufolge nutzte Fox außerdem ChatGPT, um Hunderte Projektbeschreibungen zu analysieren. Das KI-Programm habe zahlreiche Projekte als DEI-bezogen markiert, weil sie sich mit marginalisierten Gruppen oder Themen wie Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung beschäftigten. Darunter befanden sich laut den Unterlagen unter anderem ein Projekt über das Colfax-Massaker von 1873 und dessen Bedeutung für Bürgerrechte schwarzer Amerikaner, eine Biografie des afroamerikanischen Juristen Oscar Adams Jr. sowie eine Anthologie mit Übersetzungen jüdischer Autoren über den Holocaust in der Sowjetunion.
Umfang der Streichungen
Nach Angaben der Kläger wurden mehr als 1400 laufende Förderprojekte des NEH mit einem Gesamtvolumen von über 100 Millionen Dollar beendet. Das entspreche etwa 97 Prozent der aktiven Förderungen der Behörde. Interne Kommunikation, die in den Gerichtsunterlagen zitiert wird, zeigt, dass der kommissarische NEH-Vorsitzende Michael McDonald warnte, viele der Streichungen hätten „keine Rechtfertigung“. Zugleich habe er eingeräumt, dass die endgültige Entscheidung beim DOGE-Team gelegen habe.
Cavanaugh räumte in seiner Aussage ein, dass er und Fox bei der Auswahl der Projekte weder Wissenschaftler konsultiert noch das übliche Peer-Review-Verfahren der Behörde einbezogen hätten. Stattdessen hätten sie die Projektbeschreibungen selbst gelesen und bewertet. „Ich denke, eine Person kann durch das Lesen von Büchern und dadurch, dass sie außerhalb traditioneller Erfahrung gut informiert ist, genug Urteilsvermögen entwickeln, um offensichtliche Dinge zu beurteilen, etwa wenn in einer Förderbeschreibung wörtlich DEI genannt wird“, sagte Cavanaugh. Auf die Frage von Anwälten, welche Bücher seine Einschätzung geprägt hätten, antwortete er: „Es gab keine Bücher.“