Prozess gegen Tilly in Moskau Putin empört über Darstellung von schwulem Oralverkehr
Die russische Justiz hat das Strafverfahren gegen den deutschen Bildhauer und Karnevalswagenbauer Jacques Tilly fortgeführt. Dem Düsseldorfer wird unter anderem Beleidigung von Kremlchef Wladimir Putin vorgeworfen. In der Verhandlung ließ Richter Konstantin Otschirow über rund eine Stunde hinweg Aussagen von Zeugen und Sachverständigen sowie Ermittlungsergebnisse aus umfangreichen Akten vortragen. Dabei wurde detailliert ein Motivwagen aus dem Jahr 2024 beschrieben, der Putin und den russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill beim homosexuellen Oralverkehr zeigt.
Scheinprozess mit christlichen Werten
Tilly muss sich in Abwesenheit vor Gericht verantworten. Vorgeworfen wird ihm vor allem die Verunglimpfung russischer Staatsorgane. Dazu zählen neben Präsident Putin als Oberbefehlshaber der Streitkräfte auch Soldaten. Verlesen wurden zudem gleichlautende Aussagen von drei Zeuginnen, die sich nach eigener Darstellung als gläubige Christinnen in ihren religiösen Gefühlen verletzt sehen. Auch dafür drohen in Russland hohe Strafen. Der Prozess soll am 16. März mit dem Abschluss der Beweisaufnahme und den Plädoyers fortgesetzt werden. Im Falle einer Verurteilung drohen Tilly eine Geldstrafe oder bis zu zehn Jahre Haft. Eine Auslieferung aus Deutschland steht nicht im Raum.
Bedrohliche Dimension
Nach Angaben seiner Pflichtverteidigerin ist Tilly bislang nicht offiziell von der russischen Justiz über das Verfahren informiert worden. Vertreter der deutschen Botschaft verfolgen den Prozess als Beobachter und informieren den Angeklagten. Tilly erklärte der Deutschen Presse-Agentur, das Verfahren habe eine „bedrohliche Dimension“ und ziele auf Einschüchterung ab, „bloß keine Kritik am Zaren“ zu üben.
Er und sein Team gäben jedoch nicht nach, sondern „sind motiviert“, weiterhin meinungsstarke und provokante Beiträge für den Karneval zu gestalten. Zugleich sehe er sich in seiner Arbeit bestätigt, Autokraten und Diktatoren zu kritisieren. „Das ist unsere Aufgabe als Narren.“ Der Düsseldorfer ist für seine satirischen Mottowagen im Rosenmontagszug bekannt, die regelmäßig internationale Aufmerksamkeit erregen. Putin war dabei wiederholt Ziel seiner Darstellungen. Auch frühere Arbeiten sind Gegenstand des Verfahrens in Moskau.