Petition zu Section 28 Aufarbeitung gefordert, Folgen für homosexuelle Menschen
Eine Petition, die eine umfassende Untersuchung der Auswirkungen von Section 28 fordert, hat die Schwelle von 10.000 Unterschriften überschritten. Nach den Regeln des britischen Petitionssystems ist die Regierung damit verpflichtet, eine offizielle Antwort auf die Forderungen der Initiatoren abzugeben. Section 28 war ein 1988 in Großbritannien eingeführtes Gesetz, das Schulen und Kommunen untersagte, Homosexualität zu „fördern“, und bis zu seiner Aufhebung im Jahr 2003 maßgeblich zur gesellschaftlichen Ausgrenzung von schwulen und lesbischen Menschen beitrug.
Das Wichtigste im Überblick
- Eine Petition zur Aufarbeitung der Folgen von Section 28 hat mehr als 10.000 Unterschriften erreicht.
- Damit muss die britische Regierung offiziell Stellung beziehen.
- Die Section 28 Justice Coalition fordert eine öffentliche Untersuchung der langfristigen Auswirkungen des Gesetzes.
- Aktivisten sehen bis heute Folgen für homosexuelle Menschen im Bildungsbereich und darüber hinaus.
- Das Gesetz existierte von 1988 bis 2003 und verbot die „Förderung“ von Homosexualität an Schulen und Kommunen, de facto ein Sprechverbot.
- Prominente Unterstützer der Petition sind unter anderem Russell Tovey und Boy George.
- Die Initiative warnt vor aktuellen politischen Entwicklungen, die an die Zeit von Section 28 erinnern könnten.
Regierung muss auf Petition reagieren
Hinter der Initiative steht die Section 28 Justice Coalition. Das Bündnis argumentiert, dass das Gesetz nachhaltige Schäden für homosexuelle Menschen verursacht habe und die gesellschaftlichen Folgen bis heute nicht ausreichend aufgearbeitet worden seien. In der Petition heißt es: „Section 28 schuf von ihrer Einführung im Jahr 1988 bis zu ihrer endgültigen Aufhebung im Jahr 2003 ein äußerst feindseliges Umfeld für junge Menschen und Beschäftigte an weiterführenden Schulen.“ Weiter erklärt die Organisation: „Schülerinnen und Schüler konnten in der Schule keine Unterstützung erhalten, und Mitarbeiter waren gezwungen, ihre Identität zu verbergen, weil sie fürchteten, entlassen zu werden. Diese feindselige Kultur setzte sich auch nach der Aufhebung fort und beeinflusst homosexuelle Menschen ihr ganzes Leben lang.“
Die Petition kommt zu dem Schluss: „Eine öffentliche Untersuchung ist notwendig, um die Auswirkungen zu bewerten und festzustellen, in welchem Ausmaß die von ihr geschaffene Kultur bis heute fortbesteht.“ Neben den mehr als 10.000 Unterschriften hat die Section 28 Justice Coalition nach eigenen Angaben über 150 öffentliche Unterstützungszusagen von Einzelpersonen und Organisationen erhalten, die sich gegen die Zensur von LGBTIQ+-Themen einsetzen. Zu den Unterstützern gehören unter anderem Schauspieler Russell Tovey, Hannah Drakeford sowie Musiker Boy George.
Gesetz aus der Thatcher-Ära
Section 28 trat im Mai 1988 in Kraft und gilt bis heute als eines der umstrittensten Gesetze der jüngeren britischen Geschichte. Die Regelung wurde von der konservativen Regierung unter Premierministerin Margaret Thatcher eingeführt. Sie untersagte es Kommunalverwaltungen und Schulen, Homosexualität zu „fördern“. Gleichzeitig wurden gleichgeschlechtliche Beziehungen aus offiziell anerkannten Familienmodellen ausgegrenzt.
Das Gesetz entstand in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Verunsicherung im Zusammenhang mit der weltweiten HIV- und AIDS-Krise. Erst im Jahr 2003 wurde Section 28 im Vereinigten Königreich vollständig aufgehoben. Nach Auffassung vieler Betroffener endeten die Auswirkungen jedoch nicht mit der Abschaffung der Regelung. Vielmehr habe das Gesetz ein gesellschaftliches Klima geschaffen, dessen Folgen bis heute spürbar seien.
Sorge über aktuelle Entwicklungen
Sue Sanders, Mitbegründerin des LGBTIQ+ History Month sowie der Section 28 Justice Coalition, fordert deshalb eine umfassende Untersuchung. In einer Mitteilung erklärte sie: „Sie haben eine ganze Generation im Vereinigten Königreich geprägt und dienten in vielen Ländern als Vorlage, um Homophobie auf nationaler Ebene zu fördern.“ Nach Ansicht der Aktivistin sei es deshalb entscheidend, die langfristigen Auswirkungen des Gesetzes wissenschaftlich und politisch aufzuarbeiten.
Die Section 28 Justice Coalition verweist zugleich auf aktuelle politische Entwicklungen, die aus Sicht der Organisation Parallelen zur Vergangenheit aufweisen. Besonders aufmerksam verfolgt das Bündnis den wachsenden Einfluss der Partei Reform UK nach den Kommunalwahlen im Mai. So habe der Grafschaftsrat von Essex unter Führung von Reform UK Bibliotheken aufgefordert, die Bewerbung von LGBTIQ+-Inhalten und Pride-Veranstaltungen im Jahr 2026 zurückzufahren. Darüber hinaus seien in von Reform UK geführten Kommunen Fördermittel für Pride-Veranstaltungen gestrichen worden. In Durham begründete ein stellvertretender Ratsvorsitzender dies damit, öffentliche Gelder sollten ausschließlich für „unumstrittene Anliegen“ eingesetzt werden. Auch der Borough Council von St Helens kündigte in dieser Woche an, Pride-Veranstaltungen künftig weder zu unterstützen noch aktiv zu bewerben.
Neues Klima der Ausgrenzung
Die Mitbegründer der Section 28 Justice Coalition, Stevie Jones und Sarah Drummond, sehen darin eine Entwicklung, die an frühere politische Strategien erinnere. Sie erklärten: „Diese Kombination aus gesetzlichem und kulturellem Schweigen kehrt heute zurück – angetrieben von denselben Mechanismen moralischer Panik: Kulturkampf-Rhetorik, politischem Druck, Kürzungen von Fördermitteln und dem Abbau hart erkämpfter Sichtbarkeit.“ Die beiden Aktivisten verbinden ihre Warnung mit einem klaren Appell: „Die Geschichte zeigt uns, was passiert, wenn dem nicht widersprochen wird. Wir werden das nicht zulassen.“
Mit dem Erreichen der 10.000-Unterschriften-Marke erhält die Diskussion über die langfristigen Folgen von Section 28 neue politische Aufmerksamkeit. Ob die britische Regierung über ihre verpflichtende Stellungnahme hinaus weitere Schritte einleiten oder eine öffentliche Untersuchung unterstützen wird, ist derzeit noch offen. Für die Section 28 Justice Coalition ist die Petition jedoch bereits ein wichtiger Schritt, um die Erfahrungen der Betroffenen stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und eine umfassende Aufarbeitung der Vergangenheit anzustoßen.