Neuer Vorsitz der Bischöfe Wird Heiner Wilmer die Reformpläne im Bereich LGBTIQ+ fortführen?
Nachdem heute Papst Leo XIV. der LGBTIQ+-Community eine klare Absage erteilt hat, wurde kurz darauf heute Vormittag der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz bekannt gegeben: Dem queerfreundlichen und liberalen Bischof Georg Bätzing folgt Heiner Wilmer (64), der Bischof von Hildesheim. Die Hoffnungen auf eine Wiederbelebung des Synodalen Weges und der darin enthaltenden Reformen gerade im Bereich der Sexuallehre und bei Rechten für Homosexuelle und Frauen sind groß, Wilmer gilt als traditionell und liberal gleichermaßen. Das Katholische LGBT Komitee hofft auf einen Schritt in Richtung Moderne.
Wilmer als Mittelweg in der Kirche?
Wilmer wird innerkirchlich als eher offen gegenüber LGBTIQ+‑Themen eingeschätzt, bewegt sich aber weiterhin im Rahmen der katholischen Lehrtradition – er ist kein liberaler Reformbischof im weltlichen Sinne, sondern ein Befürworter pastoraler Wege zur Begleitung homosexueller und trans* Menschen. Wilmer begrüßte so, dass der Vatikan die Segnung homosexueller Paare unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt hat, und nannte diese Entscheidung eine „gute Nachricht“. Er betonte, dass es darum gehe, die Lebenswirklichkeit gleichgeschlechtlicher Paare zu würdigen, ohne die kirchliche Ehelehre zu ändern.
In seinem Bistum wurden sogenannte „queersensible Seelsorgeangebote“ eingeführt: Mitarbeiter sind dafür zuständig, queere Menschen seelsorglich zu begleiten, etwa auch bei Segensfeiern für trans* Personen oder bei Taufen von Kindern gleichgeschlechtlicher Paare. Seine Zustimmung zu Reformtexten beim Synodalen Weg zur Überarbeitung der kirchlichen Sexuallehre zeigt, dass er Änderungen innerhalb der katholischen Diskussion befürwortet. Er setzte sich für die Reformbemühungen ein und äußerte sich enttäuscht, als entsprechende Grundsatztexte keine ausreichende Mehrheit erhielten.
Trotz dieser Offenheit hält sich Wilmer an die offiziellen Lehren der katholischen Kirche – etwa zur Ehe und Sexualmoral – und spricht nicht für eine grundsätzliche Änderung der kirchlichen Doktrin. Seine Position ist kirchenpolitisch eher progressiv innerhalb des katholischen Spektrums, nicht aber weltlich liberal im Sinne einer freien politischen Haltung.
Kirche in der Krise
Das Katholische LGBT Komitee bekräftigte zusammen mit rund einem Dutzend weiterer Verbände wie unter anderem Out in Church, dass die Neuwahl des Vorsitzenden keine „0815-Wahl“ gewesen sei, sondern inmitten einer tiefe Kirchenkrise stattfinde, geprägt „von Vertrauensverlust nach der Missbrauchskatastrophe, schleppender Reformumsetzung, massiven Kirchenaustritten und wachsender innerer wie äußerer Polarisierung.“
Mit großem Bedauern betonte das Komitee darüber hinaus die Entscheidung von Bätzing, für keine zweite Amtszeit zur Verfügung gestanden zu haben. Der Limburger Bischof galt als Motor der Reformpläne und für Rechte wie die Segnungen von schwulen und lesbischen Paaren. Sein Wegfall sei ein „großes Risiko für künftige Reformen“. Dabei bekräftigt die Organisation auch, wie stark die reformwilligen Geistlichen aus Deutschland vom Vatikan ausgebremst worden waren: „Bischof Bätzing fand seine Grenzen nicht zuletzt am Widerstand aus Rom, am demonstrativen Ausstieg einzelner Bischöfe aus gemeinsamen Reformprozessen, an der trägen Zurückhaltung zahlreicher Amtsbrüder, an unzureichender Umsetzung synodaler Beschlüsse sowie am beredten Schweigen vieler Weihbischöfe.“
Absage an religiösen Fundamentalismus
Immer mehr gewinnen dabei nicht nur im Vatikan, sondern demnach auch in der katholischen Kirche in Deutschland Kräfte um den Kölner Erzbischof Rainer Kardinal Woelki Zuspruch, die eine radikale Abwendung von Reformen und mehr Rechten für Homosexuelle einfordern. Das Katholische LGBT Komitee befürchtet daher nun eine mögliche Rückabwicklung synodaler Prozesse: „Reformbeschlüsse werden relativiert, verzögert oder faktisch ausgebremst.“ Ein „religiöser Fundamentalismus“ widerspreche dabei dem Evangelium sowie der katholischen Soziallehre, mahnen die queeren Katholiken weiter und beteuern: „Reform ist keine Option, sondern Verpflichtung.“
Kritik und Forderungen an Bischöfe
Zudem kritisiert das Bündnis der Vereine auch, dass der Reformwillen vielerorts in der katholischen Kirche in Deutschland noch immer ausgeblieben sei, die „bislang zögerliche oder uneinheitliche Umsetzung seitens der Bischöfe beschädigt Glaubwürdigkeit und Vertrauen der gesamten Kirche weiter.“ Die Forderung an die Bischöfe sowie auch an den neuen Vorsitzenden ist damit klar – eine entschiedene Fortführung der Reformprozesse. „Wenn interne Machtspiele, taktisches Abwarten oder römische Rücksichtnahmen erneut dazu führen, dass Beschlüsse versanden, wären die Anstrengungen des Synodalen Weges weitgehend entwertet und die Austrittszahlen werden weiter steigen“, mahnt das Komitee.
„Synodalität darf kein konsultatives Feigenblatt bleiben, sondern muss reale Mitverantwortung und geteilte Entscheidungsgewalt bedeuten. Wer Beteiligung verspricht, sich im Ernstfall aber auf hierarchische Letztentscheidungsrechte zurückzieht, untergräbt Glaubwürdigkeit und Vertrauen erneut.“ Wie die Bischöfe und der neue Vorsitzende Wilmer jetzt weiter verfahren, entscheide darüber, ob die „römisch-katholische Kirche in Deutschland den Weg glaubwürdiger Erneuerung weitergeht – oder in innerer Lähmung und kulturkämpferischer Selbstverengung verharrt.“