Gedenken an Kriminalfall Homophobie trieb eine Unschuldigen in Italien in den Tod
Im Jahr 1969 wurde Adolfo Meciani, ein angesehener Unternehmer aus Viareggio, einer Küstenstadt in der Toskana, zum Ziel einer beispiellosen öffentlichen Hetzjagd. Wochenlang galt er in den Schlagzeilen als vermeintlicher Kindermörder, als „Päderast“ und als perfekter Sündenbock für ein Land, das nach einer Erklärung suchte. Doch Meciani war weder Täter noch Monster. Er war Ehemann, Vater – und geriet ausschließlich deshalb ins Visier, weil er schwul war. Seine Verstrickung in den Fall des zwölfjährigen Ermanno Lavorini, des ersten entführten Kindes in Italien, sollte sein Leben zerstören.
Respektierter Unternehmer, dann „perfekter Täter“
Meciani war in der Versilia-Region eine bekannte Persönlichkeit. Er betrieb mehrere Strandbetriebe, führte ein bürgerliches Leben – und besuchte die Pineta von Marina di Vecchiano, einen Treffpunkt der damaligen schwulen Szene. Illegal war das nicht. Doch im gesellschaftlichen Klima von 1969 reichte dieses Detail aus, um jemanden als „abweichend“ und damit verdächtig erscheinen zu lassen.
Als die Leiche des kleinen Ermanno in der Pineta entdeckt wurde und drei Jugendliche – Marco Baldisseri, Pietro Vangoni und Rodolfo Della Latta – begannen, wahllos Menschen zu beschuldigen, fiel Mecianis Name schnell. Besonders Baldisseri, damals 16 Jahre alt, machte ihn zum Hauptverdächtigen. „Er verführt Jungen“, sagte er – ein Satz, der reichte, um Meciani öffentlich zu brandmarken. Die italienische Presse verbreitete schließlich detaillierte, aber frei erfundene Tathergänge. Meciani soll dem Jungen angeblich „einen betäubenden Sirup eingeflößt“, ihn „entkleidet“ und „durch eine intravenöse Injektion“ getötet haben. Nichts davon entsprach der Wahrheit. Meciani hatte ein Alibi, Beweise gegen ihn fehlten vollständig, und am Körper des Kindes fanden sich keine Spuren sexuellen Missbrauchs. Doch die Tatsache, dass er schwul war, machte ihn in den Augen vieler zum idealen Täter.
Hetzmaschinerie aus Medien und Behörden
Die gesellschaftliche Stimmung jener Zeit war geprägt von moralischer Panik. Viele Zeitschriften nutzten eine entmenschlichende Sprache und zeichneten das Bild eines angeblich „perversen“ homosexuellen Milieus. Homosexualität galt als krankhaft, als Gefahr – und als vermeintliches Motiv. Zu den wenigen Stimmen der Vernunft gehörte damals der schwule Schriftsteller und Filmemacher Pier Paolo Pasolini („Die 120 Tage von Sodom“).
Während die Presse die vermeintliche „sexuelle Spur“ ausschlachtete, wurde Meciani verhört, öffentlich beschimpft und bedroht. Sein Sohn Alessandro erinnert sich jetzt: „Es gab sogar Lynch- und Attentatsversuche gegen das Auto der Carabinieri, das meinen Vater zum Revier brachte.“ Die Stigmatisierung trieb Meciani in eine schwere Depression. Er wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, verlor zehn Kilogramm und erhielt innerhalb von 25 Tagen sieben Elektroschockbehandlungen. Schließlich hielt Meciani die Scham nicht mehr aus. In seiner Zelle in Pisa nahm er ein Bettlaken, band es an die Heizung und erhängte sich. Nach mehreren Tagen im Koma starb er am 24. Juni 1969. Jahrelang blieb er in der Öffentlichkeit als Verdächtiger, nicht als Opfer in Erinnerung.
Schweigen über die Wahrheit
Erst später kam ans Licht, dass die drei Jugendlichen selbst die Täter waren. Marco Baldisseri gestand schließlich, dass sie den Jungen entführt und getötet hatten, um Geld für „umstürzlerische Aktivitäten“ zu beschaffen. 1977 bestätigte auch der höchste Gerichtshof Italiens: Hinter der Tat standen keine sexuellen Motive, sondern politische – verbunden mit dem „Fronte Monarchico Giovanile“, einer rechten Jugendorganisation. Doch während die angebliche „homosexuelle Spur“ landesweit Schlagzeilen machte, wurde die politische Dimension des Falls von der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert.
„Mein Vater hatte nichts damit zu tun: Er war ein Opfer, kein Täter“, sagt heute sein Sohn Alessandro, Tourismusbeauftragter der Stadt. Bis heute erinnert jedoch keine Gedenktafel, keine Straße, kein Denkmal an das Unrecht, das seinem Vater widerfahren ist. Alessandro Meciani versucht dennoch, den Familiennamen zu rehabilitieren – durch Aufklärung und Beharrlichkeit.
Dabei betont er abschließend, dass sein Vater dreimal getötet wurde: Durch eine sensationsgierige Presse, durch den öffentlichen Pranger und durch tief verankerte Homophobie. Sein Fall zeige, wie gefährlich gesellschaftliche Vorurteile werden können – und wie schnell ein unschuldiger Mensch zum „perfekten Monster“ erklärt wird. Seine Geschichte sei so ein Mahnmal dafür, was passieren kann, wenn Vorurteile stärker sind als Fakten.