HIV in Deutschland Kann die Pandemie in der Community zeitnah beendet werden?
Noch knapp fünf Jahre, dann sollte HIV beendet sein – dieses Ziel formulierten 2021 die Vereinten Nationen, zahlreiche sogenannte Städte und Staaten wie auch Deutschland schlossen sich diesem Vorhaben an. Inzwischen wird aber vielerorts gespart, Gelder für HIV-Forschung und Prävention zurückgefahren. Die angepeilten Zwischenziele jetzt zum Jahresende wurden insgesamt vielerorts nicht erreicht, auch nicht in der Bundesrepublik. Wie sieht die Lage also aktuell aus? SCHWULISSIMO fragte nach bei Priv.-Doz. Dr. Sebastian Noe von der Deutschen AIDS-Gesellschaft.
In Deutschland sind wir in puncto Behandlung und Therapie von Menschen mit HIV gar nicht schlecht da im internationalen Vergleich, doch bis zu 11.000 Personen wissen in der Bundesrepublik noch immer nicht, dass sie HIV-positiv sind. Wie erreichen wir diese?
Das ist eine hervorragende Frage, die uns auch seit langer Zeit beschäftigt. Es ist schwierig, Personen zu „erreichen“, wenn man gar nicht weiß, wer diese sind. Man kann dadurch keine „gezielten“ Maßnahmen ergreifen. Ganz generell gesprochen müssen wir aber letztlich dafür sorgen, dass sich alle Menschen darüber bewusst sind, dass es für sie ein Risiko gibt, sich mit HIV zu infizieren. Dieses Risiko mag zwischen verschiedenen Menschen sehr variieren - ist aber letztlich für nahezu jeden Menschen existent. Häufig höre ich noch, dass Menschen irritiert sind, wenn man sie fragt, ob Sie schonmal im Leben einen HIV Test gemacht haben. Antworten sind häufig sowas wie: „Ich bin doch nicht schwul“. Kürzlich fragte mich jemand, als ich über meinen Beruf sprach: „Wie? HIV gibt es noch?“ Und das ist ein großes Problem: Das Framing von HIV und AIDS als „Schwulenkrankheit“ und etwas, das sich in der Realität vieler Menschen viel zu weit weg anfühlt, um sich aktiv damit auseinanderzusetzen. Ein möglicher Ansatz müsste daher sein, mehr Menschen mit dem Thema HIV zu erreichen - und zwar genau die, die sich nicht als „at risk“ ansehen. Auch ein breiteres Testangebot könnte hilfreich sein, vielleicht auch die „Lockerung“ der Voraussetzungen zur Durchführung von HIV-Tests - also mehr ein „opt-out“ als ein „opt-in“, womit es in vielen Ländern schon gute Erfahrungen gibt. Und letztlich müssen solche Angebote, wenn man es ernst meint, wirklich allen Menschen zur Verfügung gestellt werden, unabhängig von Wohnsitz, Herkunft oder Versicherungsstatus.
Rund jede dritte Diagnose (33%) in Deutschland kommt sehr spät bei fortgeschrittener Erkrankung oder dem Vollbild Aids. Ignorieren viele Betroffene hier vielleicht erste Symptome?
Ich glaube gar nicht, dass das viele Menschen wirklich ignorieren. Ganz im Gegenteil: Viele suchen sogar aktiv Hilfe und haben eine Odyssee von Besuchen bei Ärzt:innen hinter sich, bis die Diagnose HIV gestellt wird. Dazu gibt es auch gute Daten aus Deutschland aus der Find-HIV Studie. Das hängt damit zusammen, dass HIV auch in den Köpfen vieler medizinisch Tätiger viel zu wenig präsent ist. Und das will ich nicht mit erhobenem Zeigefinger sagen, sondern mit dem Verständnis, dass gerade Allgemeinmediziner:innen unglaublich viel in kurzer Zeit leisten müssen und da HIV nicht als erste Differentialdiagnose im Kopf haben, wenn Menschen sich mit zunächst vielleicht sehr allgemeinen Symptomen vorstellen. Was wir aber, glaube ich, tun können und müssen, ist wieder in Erinnerungen zu rufen, dass es einige „Indiaktorerkrankungen“ gibt, bei denen man spätestens an HIV denken und einen Test anbieten sollte.
Viele sogenannte Fast Track Citys wollen immer noch bis 2030 HIV in ihrer Stadt beenden, in Deutschland sind das unter anderem Berlin, München oder Mannheim. Gleichzeitig wird inzwischen vielerorts radikal der Rotstift angesetzt. Scheitern die bisherigen Pläne?
Ob wir scheitern, will ich nicht beurteilen. Ich bleibe optimistisch. Wir haben uns ja Ziele gesetzt, weil wir wissen, dass diese eben nicht auf der Straße liegen, sondern Arbeit erfordern. Und aus meiner eigenen Arbeit im Fast-Track City München Netzwerk will ich eher mal herausheben, wie unglaublich schön es ist, zu sehen, wie sich viele Menschen aus ganz verschiedenen „Richtungen“, von zum Beispiel städtischen, kirchlichen, universitären, privaten und gemeinnützigen Einrichtungen, zusammenfinden und höchst motiviert an „einem Strang“ ziehen. Ich finde den Spirit wirklich, wirklich ungewöhnlich! Aber natürlich haben Sie recht, einfacher wird es nicht, wenn uns für viele Dinge, die notwendig oder zumindest „wünschenswert“ wären, keine Mittel zur Verfügung stehen.
Nicht nur in Deutschland, auch weltweit wird beim Thema HIV gerade gespart, auch insbesondere in den USA.
Natürlich ist das schlecht. Vor allem, weil wir uns darüber klar sein müssen, dass weniger Geld konkret heißt: mehr Menschen, die erkranken und sterben! Lassen Sie mich aber noch zwei Dinge dazu sagen: Erstens sind es eben nicht nur die USA. Neben vielen anderen Ländern hat auch Deutschland seine Mittel für die nächsten Jahre deutlich reduziert. Einen großen Aufschrei habe ich zumindest dennoch nicht mitbekommen, obwohl wir auf die eigene Regierung sicher mehr Einfluss haben als auf eine fremde. Zweitens kann die Beendigung der HIV-Epidemie nur in einem globalen Kraftakt erfolgreich sein. Infektionserkrankungen kennen in einer vernetzten Welt keine Grenzen. Ich bin mir daher nicht sicher, ob das, selbst wenn man es mal nur unter finanziellen Aspekten anschaut, wirklich etwas spart. Denn solange es noch irgendwo auf der Welt eine große Gruppe von Menschen mit HIV gibt, die nicht behandelt werden, wird sich die Infektion auch weiter ausbreiten. Weltweit.
Was würden Sie sich im Bereich HIV von der deutschen Regierung wünschen?
Ich würde mir an erster Stelle wünschen, dass es einen regelmäßigen Dialog mit der Politik gibt.
Mancherorts hat man den Eindruck, dass das Thema HIV auch in der Community selbst immer weniger präsent ist.
Ist das so? Ich habe in der „queeren“ Community den Eindruck, dass das Thema durchaus präsent ist. Aber ich sehe das vielleicht auch aus meiner „Bubble“ etwas verzerrt. Aber, wie schon erwähnt, beobachte ich, dass es viele Menschen gibt, für die nicht nur HIV, sondern sexuell übertragbare Infektionen insgesamt wenig präsent sind. Und das ist selbstverständlich ein Problem!
Der queeren Community wird eine gewisse Gleichgültigkeit beim Kondom nachgesagt, bekräftigt durch Statements der WHO. Ihre Erfahrungen beim Thema STI-Schutz?
Ich sehe sehr viel Interesse in meinem Alltag an anderen Maßnahmen, wie Doxy-PrEP zum Schutz vor Chlamydien-Infektionen oder Syphilis oder die Fragen nach dem Nutzen einer Impfung gegen B-Menigokokken zum Schutz vor Gonokokken (Tripper). Es geht also gar nicht unbedingt immer nur um eine „Gleichgültigkeit“, vielleicht aber um andere Vorstellungen von „Schutz“, als wir es aus der Vergangenheit kennen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das so ein bisschen argwöhnisch betrachtet wird.
Dr. Sebastian Noe, vielen Dank für das Gespräch.