Direkt zum Inhalt

Kritik an der ePA Verbände betonten Sicherheitslücken – Bedenken insbesondere bei LGBTI*-Menschen und Personen mit HIV

Von ms - 16.01.2025 - 12:00 Uhr
Kritik an der ePA
Foto: IMAGO / photothek
ANZEIGE
Loading audio player...

Über 70 Verbände und Gesundheitsexperten richteten sich jetzt in einem offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), darunter auch Verbände aus der LGBTI*-Community wie der Verband Queere Vielfalt (LSVD+) – die Kernforderung dabei: Die Sicherheitslücken der neuen elektronischen Patientenakte, kurz ePA, müssten dringend geschlossen werden. 

Bedenken in der Community 

Konstruktiv wollen die Verbände dabei mitarbeiten, die ePA sicher zu machen – zuletzt hatte der Chaos Computer Club gravierende Sicherheitslücken in der IT-Infrastruktur aufgezeigt, sodass Unbefugte sehr leicht Zugriff auf die Patientendaten aller gesetzlich Versicherten haben könnten. Bisher sind diese Probleme weiterhin ungelöst, Lauterbach versprach diese Woche bereits Nachbesserungen.

Innerhalb der LGBTI*-Community bestehen zudem massive Bedenken gegenüber der ePA, zum einen, weil es sich hier in vielen Fällen um besonders sensible Daten handeln kann, und zum anderen ein unbedachtes Vorgehen schnell zu ungewollten Zwangs-Outings in Arztpraxen führen kann. Dazu kommen weitere Bedenken in Bezug auf eine zusätzliche Stigmatisierung zum Beispiel von Menschen mit HIV. 

Im Offenen Brief wird dazu festgehalten: „Viele Menschen mit HIV, Geschlechtskrankheiten und anderen stigmatisierten Erkrankungen möchten die Vorzüge der ePA nutzen, nicht jedoch ihre Diagnosen automatisch allen medizinischen Einrichtungen mitteilen, die sie besuchen. Informationen in der ePA zu sperren, ist jedoch unzumutbar kompliziert und erfordert viel Wissen. So werden Diagnosen zum Beispiel nicht nur über bestimmte Dokumente erkennbar, sondern auch über die Medikationsliste und die Abrechnungsdaten in der Akte. Diese müssen daher zusätzlich und für alle beteiligten Gesundheitseinrichtungen gesperrt werden. Die genaue Freigabe oder Sperrung von einzelnen Dokumenten oder Informationen nur für bestimmte Kliniken, Praxen oder Apotheken ist nicht möglich.“

Der LSVD+ erklärte: "Es bestehen ernstzunehmende datenschutzrechtliche Bedenken insbesondere für vulnerable Patient*innen, die bisher nicht hinreichend ausgeräumt wurden. Gesundheitsdaten wie etwa die Information über eine HIV-Infektion, die Einnahme von PrEP, eine geschlechtsangleichende Hormontherapie, einen Schwangerschaftsabbruch oder psychische Erkrankungen sind sehr persönlich und besonders sensibel (...) Im Standardmodus der ePa sind für alle Personen, die Zugriff auf die ePa haben, alle erfassten medizinischen Informationen einsehbar. Selbst wenn Personen einzelne medizinische Dokumente verbergen, die auf zum Beispiiel eine HIV-Infektion hinweisen, wird diese Information dennoch aus der Liste der verschreibungspflichtigen Medikamente und den Abrechnungsdaten der Krankenkassen ersichtlich. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung wird so ausgehöhlt und es entsteht unnötige Unsicherheit im Umgang mit der ePa."

Verständliche Befürchtungen 

Der Sozialpädagoge Torben Beimann, fachlicher Leiter für die Beratungs- und Begleitangebote in den Themenfeldern Leben mit HIV, Konsum und Rausch, Frauen und Familien, Migration und Flucht der Aidshilfe Köln, erklärte im Januar dieses Jahres gegenüber SCHWULISSIMO: „Ich kann die Bedenken verstehen. Gleichzeitig ist es immer auch eine Frage, inwieweit ich meine Sexualität und meine Identität als ´anders Sein´ verstehe. Das eine Praxis durch die ePA nun vor dem allerersten Termin bereits alles über mich erfahren könnte, ohne, dass ich mir selber einen Eindruck verschaffen konnte, ob ich mich hier wohlfühle und inwieweit ich welche Details zu meiner Person teilen möchte, finde ich kritisch. Fakt ist, dass außerhalb von Community-nahen Praxen und Behandler:innen eine heteronormative Sichtweise vorherrscht.“

Die ePA startete diese Woche in einigen Modelregionen, bevor sie landesweit zum Einsatz kommen soll. Alle Bundesbürger haben dabei durch das sogenannte Opt-Out-Verfahren bei ihrer gesetzlichen Krankenkasse die Möglichkeit, der Anlage einer persönlichen ePA zu widersprechen. 

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

hessenschauTanzen gegen die Einsamkeit: Ein Ort, an dem sich queere Menschen nicht erklären müssenBerliner MorgenpostDie Sehnsucht im Italien der bleiernen Jahre: „Buch der Träume“WDRComing-Out-Days: Queeres Leben auf dem LandWDRDüsseldorfer spricht über Coming-out und IdentitätAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wo würdest du ein erstes Date am liebsten verbringen?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Queere Vielfalt im Tierreich

Wenn Widder auf Widder stehen

Manche Widder bevorzugen andere Männchen. Gleichgeschlechtliches Verhalten ist weit verbreitet – was Studien zeigen und wo Vergleiche hinken.
Ältere Brüder, schwule Söhne?

Was die Forschung wirklich zeigt

Ältere Brüder und schwule Söhne: Studien finden Zusammenhänge. Doch die Ursache ist nicht bewiesen – und die Statistik bleibt umstritten.
Dresden holt den EuroPride

Rückkehr nach 25 Jahren

Dresden richtet den EuroPride 2029 aus. Nach 25 Jahren kehrt das europäische Pride-Event nach Deutschland zurück. Das Motto setzt auf Brücken.
Streit um Pornoseiten

Sperren vorerst gestoppt

Pornhub und YouPorn müssen vorerst nicht gesperrt werden. Das OVG NRW verweist auf EU-Recht. Der Streit um wirksamen Jugendschutz geht weiter.
Empörung auf Bestellung

Ragebait ist Jugendwort 2026

„Ragebait“ ist das Jugendwort 2026. Was der Begriff bedeutet, warum Provokation Reichweite bringt und was die LGBTIQ+-Community daraus lernen kann.
Warnung von Andrew Scott

Kein Vergessen der Aids-Krise

Der schwule Schauspieler Andrew Scott fordert, die Aids-Krise nicht zu vergessen. Sein neuer Film „Elsinore“ erinnert an jene Zeit.
Schwuler Politiker wehrt sich

BDSM-Fotos sorgen für Wirbel

Alte BDSM-Fotos bringen den schwulen US-Politiker Chris Gallant in die Schlagzeilen. Doch der Kongresskandidat denkt nicht an Rückzug.
Coming-Out bleibt ein Tabu

Schwule Profis schweigen weiter

Thomas Hitzlsperger sieht kleine Fortschritte gegen Homophobie im Fußball. Doch viele schwule Profis fürchten ein Coming-Out selbst nach Karriereende.
Schutz für queere Jugendliche

Mamdani finanziert trans* Medizin

New York stellt neun Millionen Dollar für die Behandlung trans* Jugendlicher bereit, nachdem mehrere Kliniken ihre Angebote eingestellt haben.