Direkt zum Inhalt

Definition einer Frau Das Oberste Gericht Großbritanniens verhandelt über die Frage, was genau eine Frau ist

Von ms - 27.11.2024 - 11:00 Uhr
Definition einer Frau
Foto: IMAGO / SOPA Images
ANZEIGE
Loading audio player...

Es ist der Höhepunkt im Rechtsstreit um die Frage, was genau ist eine Frau? Welche Definition soll in Gesetzestextes angewandt werden? Zählt die Biologie oder die reine Selbstdefinition? Die Richter des Obersten Gerichtshofs in London befassen sich mit dem Fall, dessen Urteil wegweisend sein dürfte. 

Streit um zwei Gesetze 

Seit dieser Woche laufen die Anhörungen, zunächst von Anwälten der Frauenvereinigung „For Women Scotland“. Anwalt Aidan O'Neill KC plädierte dabei „für den gesunden Menschenverstand“ und forderte die fünf Richter auf, „die Fakten der biologischen Realität anzuerkennen und nicht die Fantasien der juristischen Fiktion“. Anschließend haben heute Vertreter der schottischen Regierung ihre Gegenargumente vortragen, sie bekräftigten dabei die Korrektheit der zwei Gesetze, die dem Streitfall zugrunde liegen.

Konkret geht es dabei um das Gesetz zur Anerkennung des Geschlechts von 2004 (GRA) sowie um das Gleichstellungsgesetz von 2010, das den rechtlichen Schutz vor Diskriminierung für bestimmte Gruppen festlegt – dabei wurde unter „Geschlecht“ die „sexueller Ausrichtung“ sowie auch die „Geschlechtsidentität“ als geschütztes Merkmal aufgenommen. Seitdem wird heftig in Schottland darüber gestritten, wie und ob diese beiden Gesetze überhaupt zusammenpassen. Unklar ist dabei juristisch die Frage, was konkret gemeint ist, wenn im Gleichstellungsgesetz von „Geschlecht“ die Rede ist.

Unklarheit bei Behörden und Polizei

Inzwischen haben auch zahlreiche öffentliche Einrichtungen ihre Kritik und Frustration darüber geäußert, dass es keine Klarheit bei der Auslegung der Gesetze gibt, darunter beispielsweise die Rape-Crisis-Einrichtungen, Anlaufstellen für misshandelte und vergewaltigte Frauen. Auch die schottische Polizei hat die Unklarheiten der Gesetzgebung im Umgang mit Trans-Personen inzwischen scharf kritisiert. Weiter befeuert wurde die Debatte zuletzt durch die geplante Einführung eines Selbstbestimmungsgesetzes, was schlussendlich am Veto Englands scheiterte. 

Jahrelanger komplexer Rechtsstreit 

Die schottische Politik scheint zuletzt immer mehr zu versuchen, der Streitdebatte ganz aus dem Weg zu gehen – zuletzt hatten die Abgeordneten 2018 den Gender Representation on Public Boards Act verabschiedet. Kernziel war es hier eigentlich, mehr Frauen in öffentliche Ämter zu bringen. Im Gesetzestext wurde dann allerdings eine „Frau“ als Person definiert, die „als Frau lebt“. Auch hier kam es zu Klagen, schlussendlich musste die schottische Regierung den Gesetzestext ändern. Die Richter hatten damals geurteilt, die Definition „vermische und verwechsele“ hier zwei „getrennte und unterschiedliche geschützte Merkmale miteinander.“ 

Die Regierung änderte die Leitlinien des Gesetzes auch daraufhin, verwies aber nun auf das Gleichstellungsgesetz und das GRA, was erneut die Frage der Definition auslagerte. Abermals klagten Frauen- sowie schwul-lesbische Interessenverbände dagegen, erlitten hier nun aber eine Niederlage. Die Richterin Lady Haldane entschied so im Dezember 2022, dass die Definition des Geschlechts nicht auf das biologische oder das Geburtsgeschlecht beschränkt ist, sondern auch Personen einschließt, die im Besitz einer Bescheinigung über die Anerkennung des Geschlechts sind. Deswegen kommen die beiden Gesetze und die Frage der Definition nun final vor das höchste Gericht im Vereinigten Königreich.  

Hoffnung auf juristische Klarheit 

Erhofft wird, dass das Urteil des Obersten Gerichts endlich Klarheit für alle Behörden, Einrichtungen und die Polizei schafft. Das Urteil dürfte auch weitreichende Folgen für den Betrieb von geschlechtsspezifischen Räumen und Dienstleistungen haben und darauf, wie Maßnahmen zur Bekämpfung von Diskriminierung in Zukunft funktionieren werden. 

Betroffen davon werden natürlich auch so oder so alle Frauen sowie Trans-Menschen sein – laut der jüngsten Volkszählung gibt es in Schottland knapp 20.000 Personen, die transsexuell sind. Das entspricht weniger als 0,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Wann die fünf Richter des Supreme Courts unter Leitung des Gerichtspräsidenten Lord Reed ein Urteil fällen werden, ist unklar. 

Anzeige

Auch Interessant

Queerfeindlicher Hass an der FU

Hakenkreuze nach Flaggen-Attacke

Pride-Flagge abgerissen, Hakenkreuze entdeckt: Die FU Berlin verurteilt Angriffe am Institut für Theaterwissenschaft. Die Polizei ermittelt.
Lara Heubeck lebt offen

DSC-Kommentatorin macht Mut

Lara Heubeck spricht über ihr Leben als trans Frau. Die Kommentatorin des Deggendorfer SC berichtet von großer Unterstützung nach ihrem Coming-out.
Solidarität mit Casa Kuà

Hunderte protestieren nach Razzia

Rund 500 Menschen demonstrieren in Berlin für trans* Gesundheitsversorgung. Nach der Razzia im Casa Kuà wächst der Protest gegen den Polizeieinsatz.
Schwules Paar getötet

60 Jahre Haft für Ex-Polizeichef

Polizisten töteten Eldin und Milton in Guatemala. Zwei Täter erhalten je 60 Jahre Haft. Tonaufnahmen halfen, das Verbrechen aufzuklären.
Heated Rivalry im Kino

Romanze auf großer Leinwand

„Heated Rivalry“ kommt im November in britische und US-Kinos. Zugleich erscheint ein weiterer Film mit Hauptdarsteller Connor Storrie.
Letzte Küsse in der Kutsche

Romantik auf Abschiedstour

New York hat das Ende der Pferdekutschen im Central Park beschlossen. Für schwule Paare verschwindet damit ein besonders romantisches Erlebnis.
Schwuler Volleyballstar

Japan erlebt einen Wandel

Japans Volleyballprofi Rui Takahashi spricht über sein Coming-Out, die Angst vor dem Karriereende und die Unterstützung seines Bruders Ran.
Schwere Vorwürfe gegen Graham

Drei schwule Sexarbeiter berichten

Drei Sexarbeiter behaupten in einer neuen Dokumentation, vom verstorbenen US-Senator Lindsey Graham für sexuelle Kontakte bezahlt worden zu sein.
Haiti verschiebt die Wahlen

Zehn Jahre ohne Urnengang

Haitis Wahlen werden erneut verschoben. LGBTIQ+-Aktivisten warnen vor wachsender Unsicherheit und einer politischen Krise ohne absehbares Ende.