US-Kampagne gegen Gewalt Mehr Sichtbarkeit und Hilfe für queere Amerikaner gefordert
Mehrere Organisationen in Washington, D.C., haben gemeinsam eine neue Aufklärungskampagne gegen häusliche Gewalt in queeren und homosexuellen Beziehungen gestartet. Unter dem Titel „Queer Love Shouldn’t Hurt“ soll auf Gewalt innerhalb der LGBTIQ+-Community aufmerksam gemacht und der Zugang zu Unterstützungsangeboten verbessert werden.
Das Wichtigste im Überblick
- Neue Kampagne „Queer Love Shouldn’t Hurt“ in Washington gestartet
- Ziel ist mehr Aufmerksamkeit für häusliche Gewalt in LGBTIQ+-Beziehungen
- Organisatoren kritisieren mangelnde Sichtbarkeit des Problems
- Kampagne verweist auf hohe Gewaltzahlen innerhalb queerer Communitys
- Betroffene sollen leichter Zugang zu Hilfsangeboten erhalten
- LGBTIQ+ Domestic Violence Awareness Day findet am 28. Mai statt
- Häusliche Gewalt betrifft auch viele schwule Männer in Deutschland
Schweigen in der Community
Initiatorin der Kampagne ist die Wanda Alston Foundation gemeinsam mit lokalen Partnern. Der Start erfolgte im Vorfeld des morgigen LGBTIQ+ Domestic Violence Awareness Day am 28. Mai. „Häusliche und familiäre Gewalt in LGBTIQ+-Communitys ist real und bleibt viel zu oft unsichtbar“, sagte Cesar Toledo, Geschäftsführer der Wanda Alston Foundation. „Als Community sprechen wir nicht genug darüber, und dieses Schweigen kann dazu führen, dass sich Betroffene isoliert und allein fühlen. Wir müssen dieses Schweigen brechen.“
Im Rahmen der Initiative wurden im Mai bereits digitale Informationsangebote, Workshops und öffentliche Materialien bereitgestellt. Nach Angaben der Organisatoren soll die Kampagne nicht nur mehr Sichtbarkeit schaffen, sondern auch Vorurteile und Missverständnisse über Gewalt in queeren Beziehungen abbauen. Die Initiatoren verweisen dabei auf umfangreiche Daten zu Gewalt gegen LGBTIQ+-Menschen. Laut Informationen von QueerLove.org berichteten rund zwei von fünf LGBTIQ+-Jugendlichen, bereits zu unerwünschten sexuellen Handlungen gezwungen worden zu sein. Mehr als die Hälfte der trans* und nicht-binären Menschen habe Erfahrungen mit Gewalt in Partnerschaften gemacht.
Auch lesbische und bisexuelle Frauen seien besonders häufig betroffen. Nach Angaben der Kampagne hätten 61 Prozent der bisexuellen Frauen und 44 Prozent der lesbischen Frauen im Laufe ihres Lebens Gewalt in Beziehungen erlebt. Darüber hinaus seien auch Männer in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften betroffen. Den veröffentlichten Zahlen zufolge erlebt etwa ein Drittel emotionale Gewalt, rund ein Viertel berichtet von körperlichen Übergriffen.
Strukturelle Probleme
Die Kampagne macht zudem auf strukturelle Probleme aufmerksam. So würden trans* und nicht-binäre Menschen in Schutzunterkünften teilweise ausgeschlossen. Gleichzeitig hätten viele Betroffene Angst davor, durch eine Anzeige oder die Suche nach Hilfe unfreiwillig geoutet zu werden. Dies könne Auswirkungen auf Arbeit, Wohnung, Sorgerecht oder familiäre Beziehungen haben. Besonders schwierig sei die Situation häufig für queere Familien. Da viele LGBTIQ+-Familien rechtlich nicht klassischen Familienmodellen entsprächen, hätten nicht biologische Elternteile oft Probleme beim Sorgerecht. Laut der Kampagne verlieren schwarze lesbische und bisexuelle Frauen deutlich häufiger das Sorgerecht für ihre Kinder als heterosexuelle Frauen.
Auch sogenannte Doppelverhaftungen bei gleichgeschlechtlicher häuslicher Gewalt werden thematisiert. Nach Angaben der Organisatoren werden in fast 30 Prozent solcher Fälle beide Partner festgenommen, weil Ermittlungsbehörden Schwierigkeiten hätten, die hauptverantwortliche Person zu identifizieren. Bei heterosexuellen Paaren liege die Quote bei etwa einem Prozent.
Unterschiedliche Formen der Gewalt
Ein zentrales Anliegen der Kampagne sei es, deutlich zu machen, dass Gewalt in Beziehungen unterschiedlich aussehen könne. Lange habe sich die öffentliche Wahrnehmung von häuslicher Gewalt vor allem auf heterosexuelle Partnerschaften konzentriert. Dadurch hätten viele LGBTIQ+-Betroffene keine Sprache oder Sichtbarkeit für ihre eigenen Erfahrungen gefunden. „An Betroffene: Kostenlose und kultursensible Unterstützung existiert“, sagte Toledo. „Durch einen Besuch auf queerlove.org können Menschen sicher auf wichtige Ressourcen, Informationsmaterialien und Unterstützungsnetzwerke zugreifen, die sie auf ihrem Weg der Heilung benötigen.“ Die Organisatoren wollen mit der Kampagne bewusst nicht auf Schuldzuweisungen setzen, sondern Gespräche über Fürsorge, Verantwortung und gesunde Beziehungen fördern.
Sachlage in Deutschland
Auch in Deutschland ist häusliche Gewalt und Gewalt in Beziehungen innerhalb der Community ein zumeist stark unterschätztes Thema. Laut dem Bundeskriminalamt sind dabei 29,5 Prozent der betroffenen Opfer männlich. Bei Partnerschaftsgewalt ist jedes fünfte Opfer (20,8%) männlich. Gewalt unter schwulen Männern ist in der Bundesrepublik allerdings nach wie vor ein Tabu-Thema, wie auch Diplom-Psychologe Marcus Behrens vom schwulen Checkpoint Mann-O-Meter in Berlin gegenüber SCHWULISSIMO erklärte: „Wir haben hier eindeutig noch Schranken im Kopf. Männer als Opfer kommen selten vor und werden auch als solche selten wahrgenommen. Es gibt auch keine speziellen, auf Männer ausgerichtete Opferberatungsstellen, wenn man mal von solchen Beratungsstellen wie beispielsweise Maneo in Berlin absieht. Dass Männer an sich zum Sprechen über ihre Opfererfahrung aufgefordert werden, dass sie ein offenes Ohr dafür finden und hier auch quasi animiert werden, diese Opfererfahrungen zu veröffentlichen, das findet sich auf breiter gesellschaftlicher Ebene bis heute ebenso nicht.“