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Ursprung der Homosexualität Gleichgeschlechtliches Verhalten hat evolutionäre Wurzeln

Von ms - 13.01.2026 - 16:00 Uhr
Ursprung der Homosexualität
Foto: IMAGO / imagebroker
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Warum gibt es überhaupt Homosexualität? Die Frage wird seit Jahrzehnten immer wieder diskutiert, jetzt offenbart eine neue Studie spannende neue Einsichten. Bekannt ist, gleichgeschlechtliches sexuelles Verhalten ist keineswegs nur Menschen vorbehalten, mindestens 1.500 Tierarten praktizieren dies ebenso. Eine neue Untersuchung eines Forscherteams aus London hat dabei nun die Sexualität von 59 Primatenarten, darunter Bonobos, Schimpansen und Makaken, genauer untersucht – bei 23 dieser Arten ist Homosexualität Alltag.

Evolutionäre Wurzeln 

Die Ergebnisse der Forschungsarbeit wurden gestern in der Fachzeitschrift Nature Ecology & Evolution veröffentlicht und stellen die bislang umfassendste Untersuchung zu diesem Thema dar. Die Forscher um Vincent Savolainen, Direktor des Georgina Mace Centre for the Living Planet am Imperial College London, gehen davon aus, dass gleichgeschlechtliches Verhalten evolutionär entstanden ist, um in komplexen sozialen Gruppen Spannungen abzubauen, Konflikte zu mindern und Bindungen zu schaffen. 

Laut der Studie spielen sowohl genetische Faktoren als auch externe Stressfaktoren – etwa durch die Umwelt oder soziale Strukturen – eine Rolle bei der Entstehung dieses Verhaltens. „Unsere Forschung zeigt, dass gleichgeschlechtliches Verhalten keineswegs etwas Seltsames oder Seltenes ist. Es ist weit verbreitet, sehr nützlich und von großer Bedeutung“, erklärt Savolainen.

Genauer Blick auf Sexualverhalten

Für die Studie analysierten die Wissenschaftler Daten aus 491 Primatenarten und suchten nach dokumentierten Fällen gleichgeschlechtlichen Verhaltens. Dabei fanden sie insbesondere Fälle von „Aufreiten“ sowie ventral-ventrales und ventral-dorsales Verhalten, also gleichgeschlechtliche sexuelle Interaktionen, bei denen die Primanten Bauch an Bauch beziehungsweise Bauch an Rücken agierten. Zudem verzeichneten die Forscher auch diverse Formen von Genitalberührungen und orale Stimulation des Penis mit dem Mund, der Zunge oder den Lippen. Sowohl männliche als auch weibliche gleichgeschlechtliche Interaktionen wurden berücksichtigt. Nicht erfasst wurden nicht-sexuelle Interaktionen, um Missverständnissen vorzubeugen.

Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass gleichgeschlechtliches Verhalten besonders dann auftritt, wenn Tiere sozialen Zusammenhalt benötigen – etwa um mit extremen Umweltbedingungen oder intensiver Konkurrenz um Ressourcen umzugehen. Es ist auch häufiger in sozialen Gruppen mit strikten Hierarchien anzutreffen, in denen sexuelle Interaktionen dazu beitragen können, den Wettbewerb zu regeln, Allianzen zu bilden und Konflikte zu vermeiden.

Homosexualität ist wichtig

„Viele Menschen haben nicht erkannt, dass gleichgeschlechtliches Verhalten für das Funktionieren einer Gesellschaft genauso wichtig ist wie Nahrung beschaffen, Kämpfe zu führen oder Nachwuchs zu zeugen“, betont Savolainen. „Wir sehen, dass in sozialen Konfliktsituationen gleichgeschlechtliches Verhalten eine Art Währung ist, die hilft, die gesellschaftliche Stellung zu festigen.“

Die Datenlage sei allerdings begrenzt, da viele Primatenarten bisher nicht gründlich genug untersucht wurden. Zum einen ist es generell schwierig, gleichgeschlechtliches Verhalten in freier Wildbahn zu beobachten, zum anderen hätten viele Forscher solche Verhaltensweisen früher als ungewöhnlich betrachtet und daher gar nicht erst dokumentiert. Dazu kommt, dass vielerorts von staatlicher Seite bis heute keine Forschungsförderung genehmigt wird, wenn es um Homosexualität bei Tieren geht. 

„Es gibt viele Arten, bei denen wir nicht wissen, ob gleichgeschlechtliches Verhalten existiert, da es nicht dokumentiert ist“, so Savolainen. „Wissenschaftler haben dies übersehen, aber man kann das Verhalten in einer Gesellschaft nicht vollständig verstehen, wenn man diese Facette nicht berücksichtigt.“

Von Affen und Menschen 

Die Studie versucht nicht, die Ergebnisse direkt auf das menschliche Sexualverhalten zu beziehen, stellt jedoch fest, dass auch die menschlichen Vorfahren denselben sozialen und Umweltfaktoren ausgesetzt waren, die das gleichgeschlechtliche Verhalten bei Primaten beeinflusst hat. Frühere Studien, insbesondere zu Makaken, haben dabei bereits gezeigt, dass gleichgeschlechtliches Verhalten weit verbreitet ist und sogar genetische Ursachen haben könnte. Auch bei Bonobos und Schimpansen wurden solche Verhaltensweisen dokumentiert.

Die Evolutionsbiologin Marlene Zuk von der Universität Minnesota, die sich ebenfalls mit gleichgeschlechtlichem Verhalten bei Tieren beschäftigt, begrüßte die neue Analyse aufgrund ihrer breiten Datenbasis. Sie äußerte sich jedoch nicht überrascht über die Schlussfolgerung, dass soziale und Umweltfaktoren eine Rolle spielen. „Was wirklich beeindruckend ist, ist die Vielfalt der Daten, die hier zusammengetragen wurden. Sexuelles Verhalten ist bei Tieren oft mehr als nur Fortpflanzung, und das ist nicht nur bei uns Menschen so.“

Zuk wies auch darauf hin, dass die Vorstellung, Tiere – abgesehen von Menschen – hätten Sexualverhalten nur zu Fortpflanzungszwecken, längst widerlegt sei. „Es gibt kein ‚schwules Gen‘, das für gleichgeschlechtliches Verhalten verantwortlich ist. Was für uns alle, die in diesem Bereich arbeiten, klar ist, aber vielen anderen entgeht, ist, dass Verhaltensweisen und Merkmale immer von Genetik und Umwelt beeinflusst werden.“

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