Direkt zum Inhalt
Usbekistan nimmt 62 Menschen wegen Homosexualität fest
Foto: © iStock / FOTOKITA
ANZEIGE

UN kritisiert Folterpraxis Usbekistan nimmt 62 Menschen wegen Homosexualität fest

mr - 16.06.2026 - 19:00 Uhr
Loading audio player...

Eine alarmierende Eskalation: Im Jahr 2026 sind in Usbekistan bislang mindestens 62 Menschen festgenommen worden, weil ihnen einvernehmliche gleichgeschlechtliche Beziehungen zu Männern vorgeworfen wird. Diese Verhaftungen erfolgen unter Berufung auf den umstrittenen Artikel  120 des Strafgesetzbuchs, der seit der Sowjetzeit besteht. Die anhaltende Strafverfolgung zeigt eine signifikante Verschärfung der Situation für LGBTIQ+‑Personen im Land und könnte internationale Reaktionen provozieren.

 

Das Wichtigste im Überblick

  • Im April 2021 wurden erstmals 44 Verurteilungen unter Artikel  120 für den Zeitraum 2016–2020 bekanntgegeben; 49 Personen befanden sich damals im Gefängnis. 
  • Im Jahr 2021 gab es 36 Verurteilungen, davon 16 mit Freiheitsstrafen. 
  • Die Zahl der Verfahren stieg von durchschnittlich 17 pro Jahr (2021–2023) auf 48 im Jahr  2024 und 71 allein in den ersten neun Monaten von 2025. 
  • Anfang 2026 wurden mindestens 62 Personen verhaftet und 34 Strafverfahren eingeleitet.
  • Betroffene berichten von erzwungenen, invasiven medizinischen Untersuchungen ohne informierte Zustimmung – Praxis, die von UN‑Gremien als potentiell folterähnlich eingestuft wird. 

 

Intensivierung der Repression

Die Verhaftungswelle zu Beginn des Jahres wirkt äußerst koordiniert und zielgerichtet. Besonders besorgniserregend ist die systematische Nutzung persönlicher Daten und Partnerinnen wie Partner‑Apps durch Ermittlungsbehörden, um LGBTIQ+‑Personen zu identifizieren, festzunehmen und teilweise auch zu erpressen.

 

Verletzung internationaler Verpflichtungen

Usbekistan steht in eklatantem Widerspruch zu seinen internationalen Verpflichtungen als Unterzeichner des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte (ICCPR) und der Anti‑Folter‑Konvention (CAT). Der UN‑Menschenrechtsausschuss erkannte bereits im Fall „Toonen gegen Australien“ (1994), dass Strafgesetze gegen einvernehmliche homosexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen gegen das Recht auf Privatsphäre (Artikel  17 ICCPR) und Gleichheit vor dem Gesetz (Artikel  26 ICCPR) verstoßen. Diese Entscheidung ist für Staaten wie Usbekistan bindend.

 

Zwangsuntersuchungen als Foltermittel

Berichte von TGEU und anderen Organisationen dokumentieren, dass verhaftete Personen unter Artikel  120 oft gezwungen werden, sich invasiven körperlichen Untersuchungen zu unterziehen – etwa Analtests –, ohne hierfür medizinisch begründete oder rechtlich zulässige Einwilligungen abzugeben. Solche Praktiken werden von UN‑Expertinnen udn Experten als potenziell folterähnlich eingestuft.

 

Drohende Folgen und Erwartungen

Die eskalierende Anwendung von Artikel  120 könnte den internationalen Druck auf Usbekistan verstärken. Kritikerinnen und Kritiker erwarten, dass regierungsnahe Reformversprechen im Bereich Menschenrechte zunehmend als unrealistisch gelten. Ob und wann die Strafvorschrift aufgehoben oder reformiert wird, bleibt unklar – die kommenden Monate dürften Aufschluss darüber geben, wie die internationale Gemeinschaft und mögliche Innenreformkräfte auf diese repressive Entwicklung reagieren.

Die Frage bleibt offen: Wird der Druck internationaler Akteure stark genug sein, um eine Wende in Richtung Recht auf Privatleben und Schutz vor staatlicher Gewalt im postsowjetischen Usbekistan anzustoßen?

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Trey Cunningham selbstbewusst

Hürdenläufer mit Starpotenzial

Der schwule Sportstar Trey Cunningham beendet seine Saison mit Rekord, Modeljobs und viel Selbstbewusstsein – und hat bereits Olympia 2028 im Blick.
Kerle in besonderer Tracht

Lederhose, Lust und Lebensfreude

September ist Oktoberfestzeit. Für schwule Jungs liegt dabei eine besondere Faszination bei Männern in Lederhosen. Doch warum eigentlich?
Netflix und LGBTIQ+

Die zehn erfolgreichsten Serien

Netflix' meistgesehene Serien zeigen viele LGBTIQ+-Figuren und Geschichten – an der Spitze steht ein sexy Werwolf mit rund 252 Millionen Aufrufen.
Mordversuch mit Bierflasche

Junger Mann in Minnesota attackiert

Ein Mann aus Minnesota wurde mit einer zerbrochenen Bierflasche attackiert und schwer verletzt, weil sein Angreifer ihn fälschlich für schwul hielt.
Nationale Krise auf Fidschi

Massiv steigende HIV-Zahlen

Der Staat Fidschi reagiert auf stark steigende HIV-Zahlen mit einem nationalen Notstand und will Tests, Prävention und Behandlung ausweiten.
Suizide in der EU

Männer deutlich häufiger betroffen

Die Suizidrate in der EU sinkt langsam, doch Männer und sexuelle Minderheiten bleiben besonders stark betroffen, insbesondere in Deutschland.
Kritik an Bundesregierung

LSVD+ betont fehlenden Schutz

Der LSVD+ kritisiert fehlende Maßnahmen der Bundesregierung gegen Queerfeindlichkeit und fordert mehr Beteiligung der queeren Zivilgesellschaft.
Demonstrationen für LGBTIQ+

Proteste vor türkischen Botschaften

Proteste heute vor Botschaften: Internationale Organisationen und Regierungsvertreter kritisieren die Einschränkungen gegen LGBTIQ+ in der Türkei.
Brutaler Überfall in Berlin

Junger Schwuler attackiert

Ein 26-jähriger schwuler Mann wurde in Berlin angegriffen und beraubt, nachdem ein Unbekannter nach seiner sexuellen Orientierung gefragt hatte.