Direkt zum Inhalt
Umdenken in Malaysia?
ANZEIGE

Umdenken in Malaysia? Premierminister wünscht sich "gewisse Toleranz" gegenüber Schwulen im Land

ms - 29.09.2023 - 11:00 Uhr
Loading audio player...

Malaysia hat in puncto Homosexuellen-Rechte in diesem Jahr bisher nur negative Schlagzeilen fabriziert – zuerst ging die Regierung gegen eine Schweizer Uhrenfirma vor, weil diese Uhren in Regenbogenfarben verkaufen wollte, dann kam es im Juli zum Eklat beim Musikfestival Good Vibes, das abrupt abgebrochen worden war, nachdem der Sänger der britischen Indie-Rock-Band „The 1975“, Matty Healy, als Protest gegen die schwulenfeindlichen Gesetze des Landes seinen Bassisten Ross MacDonald innig auf der Bühne küsste – das Video davon ging viral.

„Perverser Lebensstil“ wird nicht geduldet

Und in der Tat geht die Regierung nach wie vor mit aller Härte gegen Homosexuelle vor, erst vor wenigen Wochen wurden acht Schwule verhaftet, weil sie vor einem Einkaufszentrum in Kuala Lumpur für mehr Rechte demonstriert hatten. In Malaysia wird Homosexualität in beiden angewandten Rechtssystemen (Zivilrecht und das islamische Strafrecht, die Scharia) schwer bestraft – es drohen Stockschläge und Haftstrafen von bis zu zwanzig Jahren.

Noch im Sommer dieses Jahres hatte das Büro des malaysischen Premierministers für religiöse Angelegenheiten zudem erklärt, jeder Versuch, diesen „perversen Lebensstil“ zu fördern und zu normalisieren, sei inakzeptabel und man werde alles tun, um dies zu verhindern. Homosexualität widerspreche dabei der menschlichen Natur.

Zaghaftes Umdenken?

Nun deutet sich zaghaft ein erstes Umdenken an, fraglich allerdings, ob dies tatsächlich auf einem echten Sinneswandel beruht oder doch eher der Tatsache geschuldet ist, dass das Land in den letzten Monaten massiv international politisch und medial in der Kritik stand – kein Aushängeschild für ein Land, das zu den zehn meistbesuchten Urlaubszielen in Südost-Asien gehört.

Gegenüber CNN erklärte Premierminister Anwar Ibrahim nun allerdings, dass er die Belästigungen und Schikanen von homosexuellen Menschen nicht billige. Auch zeigte er sich nicht einverstanden mit allen Aktionen, die zuletzt für so viel Aufsehen gesorgt hatten, beispielsweise die Razzia in den Geschäften des Uhrenherstellers Swatch.

Keine Zurschaustellung von Homosexualität

Allerdings stellte Ibrahim einen Atemzug später trotzdem klar, dass sich sowohl Muslime wie auch Nicht-Muslime in Malaysia einig darin wären, dass es nicht toleriert werden könne, wenn Homosexualität offen ausgelebt werde. Einmal mehr agiert Ibrahim damit vorsichtig, was auch auf seine eigene Vita zurückzuführen ist. 1998 wurde er als damaliger Finanzminister entlassen und ein Jahr später wegen Korruption zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Um seinen Ruf gänzlich zu vernichten, wurde er im Jahr 2000 dann in zwei Scheinprozessen inklusive zahlreicher Falschaussagen wegen einer angeblichen homosexuellen Beziehung zu seinem damaligen Chauffeur zu weiteren neun Jahren verurteilt. Vier Jahre später hob der Oberste Gerichtshof des Landes die Urteile auf.

2008 wurden allerdings erneut Gerüchte um eine vermeintliche Homosexualität laut, als ihn ein junger Mitarbeiter aufgrund „unzulässiger homosexueller Belästigung“ angezeigt hatte. Zu einem Prozess kam es nicht,  Ibrahim bestritt alle Vorwürfe und sprach von einem Komplott. Der heute 76-Jährige ist seit 1980 mit einer Ärztin verheiratet.

 Eine „gewisse Toleranz“ für Homosexuelle

Seine persönlichen Erlebnisse sind auch der Grund, warum sich der Politiker immer mal wieder gegen die sogenannten Sodomie-Gesetze des Landes ausspricht und auch im Interview mit CNN andeutet, die Richtlinien so anpassen zu wollen, dass sie nicht aus politischen Grünen missbraucht werden können und auch nicht homosexuelle Menschen damit im privaten Bereich schikaniert werden können. Es müsse hier eine „gewisse Toleranz“ geben, so Ibrahim, der in Malaysia selbst immer wieder enormen Widerstand gegen eine solche Reform erfährt – die muslimischen Geistlichen im Land lehnen jedwede Verbesserung der Lage für Homosexuelle strikt ab.

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Polizeirazzia in Sierra Leone

Polizei durchsucht Privatparty

Nach einer Polizeirazzia bei einer Privatparty in Sierra Leone sollen rund fünfzig Schwule verhaftet worden sein, nach zwei Aktivisten wird gefahndet.
Neuer Streit um trans* Schüler

US-Regierung verklagt Schulbezirk

Die Trump-Regierung verklagt einen Schulbezirk in Kansas wegen einer queerinklusiven Regelung und beruft sich auf Elternrechte.
Mehr Hochzeiten in Brasilien

Studie belegt „Bolsonaro“-Effekt

Nach Bolsonaros Wahl 2018 heirateten gleichgeschlechtliche Paare in Brasilien deutlich häufiger – aus Sorge um ihre Rechte, so eine neue Studie.
Schweiz plant Verbot

Konversionstherapie im Fokus

Die Schweiz unterstützt ein landesweites Verbot von Konversionstherapien und will damit unterschiedliche Regeln der Kantone vereinheitlichen.
Massenverhaftung in Kamerun

Prozessauftakt heute in Douala

Bei einer Razzia in Douala in Kamerun wurden 68 Männer wegen mutmaßlicher Homosexualität festgenommen, neun von ihnen sitzen weiter in Haft.
25 Jahre nach „Bloody Pride“

Hunderte demonstrierten in Belgrad

25 Jahre nach der gewaltsamen ersten Belgrade Pride demonstrierten am Wochenende Hunderte in Serbiens Hauptstadt für LGBTIQ+-Rechte.
Große Trauer in Tucson

Tödliche Schüsse vor Schwulen-Bar

Nach einem tödlichen Hassverbrechen vor einer Schwulen-Bar in Tucson trauerten nun rund 1.000 Menschen bei einer Mahnwache um die zwei schwulen Opfer.
202 Fragen zum Aktionsplan

Forderung nach Zielen und Geld

Der LSVD+ Bayern fordert von der Staatsregierung mehr Verbindlichkeit, Geld und Beteiligung bei der Umsetzung des Aktionsplans Queer.
Neuer Kurs nach CSD-Attentat

Überarbeitung des Aufenthaltsrechts

Die Union will Ausweisungen ausländischer Straftäter erleichtern, wenn ihre Taten frauen-, queer- oder christenfeindlich motiviert sind.