Team LGBTIQ+ in Glasgow Queere Athleten setzen Zeichen im Sport
Die Commonwealth Games 2026 haben gestern in Glasgow begonnen. Das traditionsreiche internationale Multisportereignis findet in diesem Jahr mit einem deutlich reduzierten Programm statt. Statt 20 Sportarten wie 2022 in Birmingham stehen diesmal nur zehn Wettbewerbe auf dem Plan. Die kleinere Ausgabe bedeutet auch eine geringere Präsenz von Team LGBTIQ+. Dennoch bleibt das Turnier eine wichtige internationale Bühne für öffentlich homosexuelle und queere Athletinnen und Athleten.
Das Wichtigste im Überblick
- Die Commonwealth Games 2026 starteten in Glasgow mit einem verkleinerten Programm und zehn Sportarten.
- Team LGBTIQ+ ist trotz weniger Wettbewerbe erneut vertreten.
- Mehr als 3.000 Athletinnen und Athleten aus 74 Teams nehmen teil.
- In vielen Commonwealth-Staaten bestehen weiterhin Gesetze gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen.
- Glasgow setzt mit Pride House und einem offen schwulen CEO auf mehr Inklusion.
LGBTIQ+-Athleten setzen Zeichen
Bei den Commonwealth Games 2022 in Birmingham waren mindestens 46 geoutete LGBTIQ+ Sportlerinnen und Sportler vertreten. Damit hatte sich die Zahl gegenüber den 13 bekannten homosexuellen und queeren Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei den Spielen 2018 an der australischen Gold Coast deutlich erhöht. Durch die Kürzungen des Programms fallen jedoch mehrere Sportarten weg, in denen zuvor viele queere Athleten vertreten waren. Besonders betroffen sind Mannschaftswettbewerbe wie Cricket, Hockey und Rugby Sevens. Allein in den Frauenwettbewerben dieser Sportarten traten bei den vergangenen Spielen mindestens 20 lesbische Athletinnen an.
Auch bekannte LGBTIQ+-Einzelstars wie die Leichtathleten Tom Bosworth und Dutee Chand sowie Schwimmer Dan Jervis und Glen Quayle sind in Glasgow nicht dabei – unter anderem wegen Rücktritten oder anderer Gründe. Trotz dieser Veränderungen werden mehr als 3.000 Athletinnen und Athleten ihre Länder und Territorien vertreten. Für LGBTIQ+-Teilnehmer bietet das Turnier erneut die Möglichkeit, Sichtbarkeit zu schaffen und auf höchstem sportlichem Niveau anzutreten.
Sichtbarkeit in vielen Ländern
Die Commonwealth Games bringen 74 Teams aus den 56 Mitgliedsstaaten des Commonwealth zusammen. Mehrere abhängige Gebiete treten mit eigenen Flaggen an. Die Bedeutung von LGBTIQ+-Sichtbarkeit ist dabei besonders groß: In vielen Mitgliedsstaaten des Commonwealth bestehen weiterhin Gesetze gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen. Konkret kriminalisieren 29 der 56 Länder homosexuelle Beziehungen. In 13 dieser Staaten können Verurteilungen zu Gefängnisstrafen führen. In Teilen Nordnigerias und Ugandas ermöglichen bestimmte gesetzliche Regelungen sogar die Todesstrafe.
Die Organisatoren der Spiele wollen Glasgow 2026 als offenen und sicheren Ort für alle Teilnehmer gestalten. Das offizielle Maskottchen der Veranstaltung heißt Finnie und ist ein freundliches Einhorn. Das Fabelwesen ist das Nationaltier Schottlands und gilt innerhalb der LGBTIQ+-Gemeinschaft seit Langem als Symbol für Vielfalt. Auch die Führung der Spiele steht für diesen Ansatz. Phil Batty, Geschäftsführer von Glasgow 2026, ist ein offen schwuler Mann und betont die Bedeutung von Sicherheit und Repräsentation für alle Beteiligten. Während der Spiele ist zudem das Projekt Pride House Glasgow aktiv. Es bietet LGBTIQ+-Athleten, Fans und Unterstützern sichere Treffpunkte, Gemeinschaftsräume und Bildungsangebote. Eine Ausstellung über die Kriminalisierung von Homosexuellen in den betreffenden Commonwealth-Staaten sorgte bereits vorab für Diskussionen.
LGBTIQ+-Athleten im Mittelpunkt
Amy Atwell (Australien, 3×3-Basketball)
Die ehemalige Spielerin der University of Hawaii und WNBA-Draft-Kandidatin von 2022 gehört zu den wichtigsten Spielerinnen der australischen Mannschaft „Gangurrus“. Sie gewann Bronze bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris sowie Silber beim FIBA-3×3-Weltcup und Gold beim Asia Cup. In Glasgow feiert sie ihr Commonwealth-Debüt.
Marena Whittle (Australien, 3×3-Basketball)
Whittle engagiert sich öffentlich für inklusive Strukturen im Sport und nutzt ihre Bekanntheit für mehr LGBTIQ+-Sichtbarkeit im australischen Basketball. Sie gewann bei Birmingham 2022 Bronze und war zuletzt Teil des australischen Teams, das beim Weltcup Silber holte.
Julie Charlton (Australien, Para-Leichtathletik)
Charlton tritt im Kugelstoßen der Klasse F57 an und ist „Thrive with Pride“-Botschafterin des australischen Sports. Sie setzt sich besonders für behinderte und LGBTIQ+-Jugendliche ein. Neben dem Sport arbeitet sie mit Children and Young People with Disability Australia (CYDA) für Barrierefreiheit und soziale Gerechtigkeit.
Gabriela DeBues-Stafford (Kanada, Leichtathletik)
Die zweimalige Olympiateilnehmerin belegte über 1.500 Meter bei den Spielen in Tokio den fünften Platz. Die bisexuelle Läuferin machte 2021 mit Regenbogen-Haaren auf LGBTIQ+-Rechte aufmerksam. In Glasgow tritt sie über 5.000 Meter an.
Seamus Derbyshire (England, Leichtathletik)
Der 400-Meter-Hürdenläufer ist bislang der einzige Mann im Team-LGBTIQ+-Aufgebot für Glasgow 2026. Der englische Athlet hat offen über Leistungsdruck und die Bedeutung gesprochen, sich selbst treu bleiben zu können. Er gibt in Glasgow sein Commonwealth-Debüt.
Lucy Robinson (England, Rollstuhl-3×3-Basketball)
Robinson ist zweifache Paralympics-Teilnehmerin für Großbritannien und spielt für Loughborough Lightning. Nach einer Hüftverletzung wechselte sie in den Behindertensport. Neben ihrer sportlichen Karriere arbeitet sie als Grundschullehrerin und Jugendtrainerin.
Michaela Walsh (Nordirland, Boxen)
Die Federgewichtlerin gehört zu den erfolgreichsten Sportlerinnen Nordirlands. Sie ist zweifache Olympiateilnehmerin und dreifache Commonwealth-Medaillengewinnerin. Nach Silber 2014 in Glasgow und 2018 an der Gold Coast gewann sie 2022 in Birmingham Gold. In Glasgow will sie ihren Titel in der Klasse bis 57 Kilogramm verteidigen.
Robyn Love (Schottland, Rollstuhl-3×3-Basketball)
Love ist zweifache Paralympics-Teilnehmerin für Großbritannien und Botschafterin von Athlete Ally. Sie ist mit ihrer britischen Teamkollegin Laurie Williams verheiratet; gemeinsam haben sie eine Tochter namens Alba. Love setzt sich für Intersektionalität, Behindertenrechte und LGBTIQ+-Inklusion ein.
Michelle-Lee Ahye (Trinidad und Tobago, Leichtathletik)
Ahye schrieb 2018 Geschichte, als sie als erste weibliche Athletin aus Trinidad und Tobago eine Commonwealth-Goldmedaille gewann. Die mehrfache Olympiateilnehmerin ist mit der Sprinterin Crystal Emmanuel-Ahye verheiratet. Das Paar bekam im vergangenen Jahr einen Sohn namens King. In Glasgow startet sie über 100 Meter.
Lowri Thomas (Wales, Bahnradsport)
Thomas gilt als aufstrebende Sprintfahrerin. Bei den Commonwealth Games 2022 gewann sie mit Wales Bronze im Teamsprint. Außerdem war sie Ersatzfahrerin für Großbritannien bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris. Nach Silber bei der Team-Sprint-Europameisterschaft tritt sie im Chris Hoy Velodrome in Glasgow an.
Mehr als 120 bekannte LGBTIQ+-Teilnehmer
Aus der Geschichte der Commonwealth Games sind inzwischen mehr als 120 geoutete LGBTIQ+-Athletinnen und -Athleten bekannt. Das Turnier wurde 1930 erstmals als British Empire Games ausgetragen und findet seitdem grundsätzlich alle vier Jahre statt – mit Ausnahme der Zeit während des Zweiten Weltkriegs. Der Commonwealth ist ein freiwilliger Zusammenschluss von 56 Staaten. Viele, aber nicht alle Mitglieder waren früher Teil des Britischen Empires. Die Länder verbindet bis heute eine gemeinsame Geschichte, kulturelle Beziehungen und politische Zusammenarbeit.
Zu den neueren Mitgliedern gehören unter anderem Gabun und Togo, die nie Teil des Britischen Empires waren. Bei den Spielen treten auch kleinere Gebiete und Inselstaaten mit eigenen Mannschaften an. Dadurch treffen große Sportnationen wie Australien, Kanada und England auf Teams aus Regionen mit deutlich kleineren Bevölkerungen wie Montserrat, Niue oder St. Helena. Die meisten öffentlich LGBTIQ+-Teilnehmer in der Geschichte der Commonwealth Games kamen bislang jedoch aus den größeren Mitgliedsstaaten.