Direkt zum Inhalt
Tag des Grundgesetzes auch für LGBTI*? // © IMAGO / Emmanuele Contini
ANZEIGE

Tag des Grundgesetzes auch für LGBTI*? Wo bleibt der Tatendrang der FDP in puncto Grundgesetzänderung?

ms - 23.05.2022 - 12:15 Uhr
Loading audio player...

Bundesjustizminister Marco Buschmann hebt am heutigen Tag des Grundgesetzes die Wichtigkeit unserer fundamentalen rechtlichen Demokratie hervor und ermuntert dazu, stolz auf das deutsche Grundgesetz sein zu können. Im Gastbeitrag für die Welt am Sonntag schreibt der FDP-Politiker weiter von den Anfängen des Grundgesetzes vor 73 Jahren, der Geburtsstunde einer neuen Rechtssicherheit nach dem Ende der NS-Terrorherrschaft.

Am 23. Mai vor 73 Jahren wurde das neue Grundgesetz der Bundesrepublik verkündet, tags darauf trat es in Kraft. Im weiteren Verlauf bemüht Buschmann mehrfach Vergleiche mit der Bibel, erklärt, dass das deutsche Grundgesetz sich heute vielen Herausforderungen stellen müsse und bemüht dabei das Bild aus der Offenbarung des Johannes und den vier Reitern der Apokalypse. Diese, Unheil bringenden Reiter seien heute aktuelle Dinge wie Corona, Armut, Mangel, Krieg, Tod, Unterdrückung und Verfolgung.

Er spricht von Menschen im Allgemeinen und auch von den Ukrainern – einzig die LGBTI*-Community erwähnt er nicht.  

Ein schlichtes Vergessen? Eine erste Einsicht ob der wahrscheinlichen Unmöglichkeit einer Grundgesetzänderung für queere Menschen? Oder ein bewusster Seitenhieb zum Koalitionspartner Die Grünen?

Zu diesem Zeitpunkt ist das Schweigen Buschmanns dabei durchaus von besonderem Interesse, denn erst letzte Woche hatte der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, rund 100.000 Unterschriften für eine Ergänzung des Grundgesetzes entgegengenommen und dabei ausdrücklich betont, wie wichtig ihm dieses Anliegen sei.

Auch die FDP hatte sich anfangs dieses Vorhaben auf die regenbogenbunten Fahnen geschrieben, aktuell agiert die Partei deutlich zurückhaltender in diesem Punkt. Immer wieder haben Verfassungsrechtler zuletzt erklärt, dass sie das Vorhaben in der aktuellen Legislatur-Periode für unrealistisch und nicht durchsetzbar halten.

Für eine geplante Grundgesetzänderung müssten Zweidrittel der Abgeordneten im Bundestag dafür stimmen – ohne zahlreiche Stimmen von Seiten der Union ist das nicht durchsetzbar. Zudem wird noch immer darüber diskutiert, wie konkret eine solche Änderung schriftlich umgesetzt werden soll. Ziel wäre es, im Artikel 3 Absatz 3 den besonderen Schutz in puncto “sexuelle Identität“ eines Menschen hervorzuheben.

Justizminister Buschmann äußerste sich eher allgemein zur Wichtigkeit des Grundgesetzes – auch für “Minderheiten“, mit denen Buschmann wahrscheinlich auf die LGBTI*-Community eingehen will, ohne sie wirklich zu benennen.

Kein einziges Wort findet sich konkret über queere Menschen in seiner Erklärung – ein mutiger Einsatz im Sinne einer LGBTI*-Community würde anders klingen, will man meinen: „Die Würde und die Freiheit des einzelnen Menschen sind kein Auftrag, der irgendwann einmal für immer erledigt ist. Sie lassen sich nicht abhaken. Es gibt kein Ende der Geschichte, und daher gibt es auch kein Ende der Frage, was Freiheit und Würde des einzelnen Menschen in der jeweils aktuellen Gegenwart bedeuten. Wenn wir heute fragen, welches Verhältnis von Freiheit und Sicherheit in der digitalen Welt angemessen ist, welches Familienrecht der gesellschaftlichen Wirklichkeit besser entsprechen könnte, ob es Minderheiten gibt, denen unsere Rechtsordnung vielleicht noch nicht mit dem angemessenen Respekt gegenübertritt, dann erfüllen wir genau diesen ewigen Auftrag unserer Verfassung.“ Wahre Worte, mit Sicherheit.

Für queere Menschen dürfte es dabei ein bisschen viel heiße Luft sein.

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Kürzungen bei Lambda

Regierung begründet Entscheidung

Der Förderstopp des queeren Jugendnetzwerks Lambda sorgt weiter für scharfe Kritik, jetzt begründete die Bundesregierung diesen Schritt.
Die Jugend altert schneller

Studie über queere Gen-Z

Eine neue Studie deutet darauf hin, dass beschleunigtes biologisches Altern das steigende Krebsrisiko bei jüngeren Menschen mit erklären könnte.
Attacke von Hunter Biden

Debatte um homophobe Heuchelei

Hunter Biden wirft führenden Republikanern vor, ihre Homosexualität zu verbergen und daraus Hass gegen Minderheiten abzuleiten.
Grindr wächst weiter

Viel Kritik ohne Folgen

Trotz anhaltender Kritik gewinnt Grindr weiter zahlende Nutzer – und baut seine Marktführerschaft im Dating für schwule Männer 2026 deutlich aus.
Flucht aus Nigeria

Leben in ständiger Angst

Ein 17-jähriger Schwuler aus Nigeria hofft auf Flucht – weil ihm in seiner Heimat wegen seiner sexuellen Orientierung Haft, Gewalt oder sogar der Tod drohen.
Nachbarschaftskrieg in Florida

Sieben Jahre Haft für Angreifer

Nach wiederholten queerfeindlichen Belästigungen schoss ein Mann in Florida seinen trans* Nachbarn nieder und muss nun sieben Jahre ins Gefängnis.
Neue Angriffe auf DJ Butch

Attacke von Linksextremisten

Nach dem Abbruch eines Auftritts von DJ Barbara Butch in Grenoble wächst die Kritik an der Aktion von linksextremen Aktivisten.
Ein Jahr ohne Helpline

LGBTIQ+-Jugendliche in den USA

Ein Jahr nach dem Ende der US-Krisenhilfe für LGBTIQ-Jugendliche bleibt die Zukunft des Angebots unklar – Experten warnen vor Risiken.
Flucht vor Putins Armee

Homosexuelle Russen in Angst

Russische Deserteure und homosexuelle Menschen fürchten bei einer Rückkehr Verfolgung. Deutschland bietet dabei derzeit nur begrenzten Schutz.