Suizid bei trans* Jugendlichen Gewalt und Diskriminierung als zentrale Faktoren
Eine neue Auswertung der US Trans Survey durch das Williams Institute an der UCLA School of Law weist auf deutlich erhöhte Suizidrisiken unter trans* Personen hin, insbesondere Jugendliche. Demnach berichteten 39 Prozent der Befragten ab 16 Jahren von ernsthaften Suizidgedanken, fünf Prozent gaben einen Suizidversuch an. Zum Vergleich: In der allgemeinen US-Bevölkerung lagen die entsprechenden Werte laut National Survey of Drug Use and Health bei fünf beziehungsweise 0,6 Prozent. Damit bestätigen die neuen Auswertungen Vermutungen und Annahmen der letzten Jahre über die besonders hohe Vulnerabilität von trans* Menschen.
Das Wichtigste im Überblick
- Laut US Trans Survey hatten 39 Prozent der trans* Befragten ab 16 Jahren Suizidgedanken, 5 Prozent einen Suizidversuch.
- In der US-Gesamtbevölkerung liegen die Werte deutlich niedriger.
- Gewalt, Diskriminierung und fehlende medizinische Versorgung erhöhen das Risiko deutlich.
- Besonders hohe Werte zeigen sich bei Jugendlichen und bei Betroffenen von Konversionstherapien.
- Politische und rechtliche Rahmenbedingungen in US-Bundesstaaten spielen ebenfalls eine Rolle.
Spezifische Probleme
Die Forschet führen die erhöhten Werte auf ein Zusammenspiel verschiedener Risikofaktoren zurück. Neben Belastungen, die auch in der Gesamtbevölkerung vorkommen – etwa Depressionen, Substanzmissbrauch, gesundheitliche Probleme und Obdachlosigkeit – spielten zusätzliche, spezifische Erfahrungen eine zentrale Rolle. Dazu zählen Gewalt, Diskriminierung, Konversionstherapien sowie ein als feindlich beschriebenes politisches Umfeld.
Besonders deutlich wird der Zusammenhang bei Gewalterfahrungen: 65 Prozent derjenigen, die wegen ihrer Geschlechtsidentität körperlich angegriffen wurden, berichteten von Suizidgedanken. 20 Prozent gaben Suizidversuche an. Unter Personen ohne solche Gewalterfahrungen lagen die Werte bei 38 Prozent beziehungsweise 5 Prozent. „Negative Erfahrungen spezifisch für trans* Personen erhöhen die Risikofaktoren, die sie bereits mit der allgemeinen Bevölkerung teilen“, so Jody Herman, Senior Scholar of Public Policy am Williams Institute. „Suizidpräventionsmaßnahmen müssen auf die sozialen Strukturen und Institutionen abzielen, die trans* Personen stigmatisieren und zur weit verbreiteten Diskriminierung und Gewalt beitragen.“
Jugendliche sehr stark betroffen
Für die Analyse wurden Daten von mehr als 92.000 trans* Personen ausgewertet. Erstmals konnten dabei auch Jugendliche im Alter von 16 bis 17 Jahren gesondert betrachtet werden. Die Ergebnisse zeigen deutliche Altersunterschiede: Mehr als die Hälfte (58%) dieser Altersgruppe berichtete von Suizidgedanken im vergangenen Jahr. Bei Befragten ab 65 Jahren lag der Anteil bei 14 Prozent. Zu den zentralen Risikofaktoren bei Jugendlichen zählen laut Studie das Weglaufen von zu Hause aufgrund der eigenen Geschlechtsidentität, Erfahrungen mit Konversionstherapien, die Ablehnung durch religiöse Gemeinschaften sowie körperliche Angriffe.
Konversionstherapien – sowohl durch medizinisches Fachpersonal als auch durch religiöse Berater – stehen in besonderem Zusammenhang mit erhöhten Risiken. 85 Prozent der 16- bis 17-Jährigen, die an entsprechenden Programmen wie Camps teilgenommen hatten, berichteten von Suizidgedanken im vergangenen Jahr. Mehr als ein Drittel (37%) der Jugendlichen, die solchen Maßnahmen im Zusammenhang mit ihrer sexuellen Orientierung ausgesetzt waren, gaben Suizidversuche an.
Eine Frage des Wohnorts
Auch strukturelle Faktoren spielen eine Rolle. Personen, die benötigte geschlechtsangleichende medizinische Versorgung nicht erhielten, keine passenden Ausweisdokumente besaßen oder keinen Zugang zu geeigneten Toiletten hatten, wiesen ebenfalls höhere Werte bei Suizidgedanken und -versuchen auf. Zudem zeigt die Studie Unterschiede je nach Wohnort. In US-Bundesstaaten mit als unterstützend geltenden politischen Rahmenbedingungen und Antidiskriminierungsgesetzen lag der Anteil von Suizidgedanken bei 36 Prozent, während er in Staaten mit negativen politischen Regelungen bei 42 Prozent lag. „Da Bundesstaaten zunehmend Gesetze verabschieden, die sich negativ gegen trans* Personen richten, wird es schwieriger, Suizidalität in dieser Gruppe zu verringern“, sagte Studienautor Ayden Scheim, Senior Scholar of Public Policy am Williams Institute. „Weitere Forschung ist notwendig, um die Auswirkungen einzelner Gesetze und politischer Maßnahmen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von trans Personen besser zu verstehen.“
Hier gibt es Hilfe
Die Berichterstattung über Suizid ist ein überaus sensibles Thema. Wir möchten es in KEINSTER Weise glorifizieren oder romantisieren. Viele Menschen, die durch Suizid sterben, leiden an einer psychischen Erkrankung. Wenn es dir nicht gut geht oder du daran denkst, dir das Leben zu nehmen, versuche mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen du dich melden kannst. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.
Mit Beratung steht dir auch der Coming Out Day Verein via Messenger, E-Mail und Videochat unter www.coming-out-day.de sowie www.comingoutundso.de zur Seite. Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen findest du unter: www.telefonseelsorge.de