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Nach Welt-Kommentar melden sich Lehmann und LGB Alliance zu Wort
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Streit um Frage zu Geschlecht eskaliert Nach Welt-Kommentar melden sich Lehmann und LGB Alliance zu Wort

ms - 07.06.2022 - 09:10 Uhr
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Nachdem letzte Woche ein Artikel der Zeitung Die Welt für hitzige Diskussionen um die Frage führte, ob die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten einseitig und nicht sachbezogen über die Frage von Geschlecht und Selbstidentifikation berichten, eskaliert der Streit nun auch innerhalb der LGBTI*-Community dabei immer mehr. Begleitend zu Veröffentlichung der Welt sorgte auch ein offener Brief von mehr als 100 Wissenschaftlern und Medizinern für Aufsehen, die in einem 50-seitigen Dossier erklärt hatten, wie und warum ARD und ZDF sowie ihre Regional- und Drittprogramme unreflektiert über die Geschlechterfrage berichten würden. In den darauffolgenden Tagen hatte sich das Stammhaus der Welt, der Axel Springer Verlag, namentlich durch Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner, für den Meinungsbeitrag entschuldigt. Der Lesben- und Schwulenverband kritisierte die Berichterstattung als “transfeindliche Hetze“.

Nun haben sich sowohl die LGB Alliance, die Interessenvertretung von Schwulen, Lesben und Bisexuellen, sowie der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, zu Wort gemeldet. Lehmann erklärte am Pfingstmontag, ebenso in einem Meinungsbeitrag bei Welt Online, dass der ursprüngliche Bericht von fünf Autoren, darunter auch Biologen und Mediziner wie Alexander Korte, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sowie Leitender Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München, ein Pamphlet sei, das von Homo- und Transfeindlichkeit durchsetzt sei und daher wissenschaftlich nicht fundiert wäre.

Im Kern geht der Streit dabei um die Frage, wie viele Geschlechter es gibt und ob bereits Kindern im Detail erklärt werden solle, dass ihr Geschlecht frei wählbar wäre. Oftmals werden hierbei im Diskurs auch Geschlecht und Geschlechtsidentität vermischt. Das biologische Geschlecht ist medizinisch messbar – dazu zählen Aspekte wie genetische (Y- und X-Chromosomen) und gonadale Tatsachen (z.B. Eierstöcke, Hoden). Der dritte Punkt ist das anatomische Geschlecht (z.B. Penis, Klitoris) – hier kommt es in seltenen Fällen (geschätzt 0,005 bis 0,014 Prozent der geburtsgeschlechtlichen Männer und 0,002 bis 0,003 Prozent der geburtsgeschlechtlichen Frauen, Quelle: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders DSM-5) während der Entwicklung eines Kindes im Mutterleib zu Entwicklungen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen lassen beziehungsweise zu Ausprägungen beider Geschlechter führen können. Diese Menschen definieren sich selbst zumeist als intersexuell und können sich im Personalausweis als “divers“ eintragen lassen.

Nebst den zwei biologischen Geschlechtern gibt es nun auch das sogenannte soziale Geschlecht, gerne auch als Geschlechtsidentität beschrieben. Hierbei kommt die hormonelle Entwicklung im Körper eines Menschen zum Tragen, maßgeblich die Verteilung von männlichen (Testosteron) und weiblichen Sexualhormonen (Östrogen). Ein biologischer Junge, der viele weibliche Hormone im Körper trägt, kann sich so beispielsweise als weiblich empfinden – und umgedreht. Genau in diesem Punkt gehen die Meinungen weit auseinander – während die einen das soziale Geschlecht in der Frage um die Vielzahl der Geschlechter mit berücksichtigt sehen wollen, fokussieren sich die anderen auf die biologischen und medizinisch eindeutig messbaren Ausprägungen und sprechen von zwei Geschlechtern und möglichen Graubereichen dazwischen.

Lehmann gehört zur Gruppe jener Menschen, die darauf setzen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt – so erklärte er dann im Meinungskommentar der Welt weiter, dass das Beharren auf zwei Geschlechter “quasi-kreationistisch“ sei und sagte zudem: „Der in dem Pamphlet verwendete Anwurf, Transgeschlechtlichkeit sei ein Trend-Thema, ist transfeindlich. Kaum etwas ist fundamentaler als die Aufteilung der Menschheit in Mann und Frau. Das beginnt sogar bereits vor der Geburt eines Kindes. Wer nicht in diese Schubladen passt, hat in dieser binär geprägten Gesellschaft ein Problem. Trans Menschen etwa sind jeden Tag Ziel von verbalen oder körperlichen Attacken, Ausgrenzung und Mobbing.“

Im weiteren Verlauf erklärt Lehmann dann: „Auch gegenüber der Politik der Bundesregierung verbreitet das Pamphlet Falschbehauptungen. Wie etwa, dass künftig 14-Jährige gegen den Willen ihrer Eltern über eine hormonelle und operative Anpassung entscheiden können sollen. Nein, das ist nicht geplant. Das war es auch nie.“ Die Aussage sorgt seitdem gerade online für viel Verwirrung, denn die letzten Gesetzentwürfe von Grünen und FDP aus dem Jahr 2021 mit Bezug auf ein neues Selbstbestimmungsgesetz halten eindeutig eine freie Entscheidungsmöglichkeit für Jugendliche ab 14 Jahren ohne nötige Einwilligung der Eltern fest, wenn es um den Beginn einer Geschlechtsanpassung geht. Klar ist aber auch: Bevor der tatsächliche Gesetzentwurf zum neuen Selbstbestimmungsgesetz nicht vorgestellt worden ist – geplant für Sommer 2022 – sind hier viele Spekulationen auf beiden Seiten möglich.

Abschließend erklärt Lehmann: „Wir sind es leid, dass unsere Existenz überhaupt verhandelt wird. Wir sind es leid, dass Feindlichkeit gegenüber LGBTI* überhaupt als legitime Meinung dargestellt wird und nicht als das, was sie ist: gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.“ Aktuell widerspricht eine klare Mehrheit auf Portalen wie Twitter dem Queer-Beauftragten der Bundesregierung, vor allem viele Schwule und Lesben erklären in Tweets, dass sie sich nicht von Sven Lehmann vertreten sehen würden. Auf der Welt-Onlineseite lehnen rund 2.400 Menschen den Meinungskommentar von Herrn Lehmann ab, weniger als 90 Menschen befürworten ihn (Stand 07.06.22).

Im Zentrum der Kritik der LGB Alliance steht der Umgang mit Kindern und Jugendlichen, denen auch durch die Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein falsches Bild suggeriert werden und ferner erklärt werden würde, dass man sein biologisches Geschlecht einfach wechseln könne: „Die irreversiblen psychischen und körperlichen Folgen der Medikation mit Pubertätsblockern, gegengeschlechtlichen Hormonen und chirurgischen Eingriffen wie Brustamputation, Penis- und Hodenamputation werden verharmlost und geleugnet. Die meisten dieser Kinder und Jugendlichen sind allein gleichgeschlechtlich oder bisexuell orientiert und leiden nicht unter einer angeblich vom Geschlecht abweichenden Geschlechtsidentität, sondern lediglich unter der Intoleranz ihres Umfeldes, das seine reaktionären geschlechtsstereotypen Vorstellungen auf diese überträgt. Nach diesen Vorstellungen wird beispielsweise aus einem lesbischen Mädchen ein heterosexueller transidenter Junge. Das ist Konversionstherapie für LGBs in Reinform mit ausdrücklicher Genehmigung durch den Gesetzgeber.“ Gestützt werden die Aussagen des Vereins beispielsweise durch eine Studie der Tavistock Klink aus Großbritannien, der zentralen Anlaufstelle für Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie im Vereinigten Königreich – die Studie zeigt auf, dass der Großteil der Jugendlichen, die sich mit dem Wunsch nach einer Geschlechtsanpassung an die Klinik wenden, Mädchen sind. Rund 90 Prozent dieser Mädchen sind dabei lesbisch oder bisexuell und würden aufgrund eines Unterdrückungsversuchs der eigenen Homosexualität in die Transidentität flüchten.

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