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Shigella auf dem Vormarsch
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Shigella auf dem Vormarsch Experten schlagen Alarm, Infektion breitet sich weiter aus

ms - 10.07.2026 - 11:30 Uhr
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Eine sexuell übertragbare Form der bakteriellen Durchfallerkrankung Shigella breitet sich in Großbritannien zunehmend aus und entwickelt schneller Antibiotikaresistenzen. Das zeigt eine Studie der Universität Cambridge, die jetzt in der Fachzeitschrift The Lancet Infectious Diseases veröffentlicht wurde. Bereits im Frühjahr hatten Fachverbände vor einem deutlichen Anstieg in Großbritannien gewarnt, zudem zeigen Untersuchungen, dass sich die Erkrankung auch in den USA sowie in Europa als auch in Deutschland weiter ausbreitet zumeist innerhalb der schwulen Community. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Sexuell übertragene Shigella-Varianten breiten sich in Großbritannien schneller aus als andere Formen.
  • Das Bakterium verursacht teils blutigen oder lang anhaltenden Durchfall.
  • Mehr als 70 Prozent der sexuell übertragenen Varianten sind gegen mindestens ein Antibiotikum resistent.
  • Besonders betroffen sind Netzwerke schwuler und bisexueller Männer, die Sex mit anderen Männern haben.
  • Experten fordern neue Strategien für Prävention, Behandlung und Aufklärung.

Warnung vor zunehmender Shigella-Ausbreitung

Die Forscher fanden heraus, dass sexuell übertragene Shigella-Varianten zwischen 2015 und 2020 jährlich um 15 Prozent schneller zunahmen als Varianten, die über andere Wege übertragen wurden – etwa durch Reisen oder verunreinigte Lebensmittel. Nach Angaben der britischen Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency (UKHSA) wurden im vergangenen Jahr 2.560 Shigella-Fälle registriert, bei denen eine sexuelle Übertragung möglich war. Shigella verursacht die bakterielle Ruhr und betrifft normalerweise vor allem Kinder in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. In bestimmten Gemeinschaften schwuler und bisexueller Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), gilt die Infektion inzwischen jedoch als „endemisch“.

Sexuelle Übertragung beschleunigt Ausbreitung

Für die Untersuchung nutzten die Wissenschaftler DNA-Analysen, die auch bei der Nachverfolgung von Varianten während der Covid-19-Pandemie eingesetzt wurden. Dabei zeigte sich: Sexuell übertragene Shigella-Stämme verbreiten sich schneller und werden deutlich rascher resistent gegen Medikamente als andere Varianten. Über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren verbreiteten sich sexuell übertragene Stämme in Großbritannien mehr als doppelt so schnell. 

Verwandte Varianten lagen durchschnittlich 117 Kilometer voneinander entfernt. Bei nicht sexuell übertragenen Varianten betrug die durchschnittliche Entfernung 46 Kilometer. Am Ende der Studie waren mehr als 70 Prozent der sexuell übertragenen Shigella-Stämme gegen mindestens ein relevantes Antibiotikum resistent. Bei nicht sexuell übertragenen Varianten lag der Anteil bei 40 Prozent, bei durch Reisen verursachten Fällen bei 49 Prozent.

Experten fordern neue Präventionsstrategien

Epidemiologen der Universität Cambridge sehen darin eine „kritische Lücke im öffentlichen Gesundheitsmanagement“. Die bisherigen Empfehlungen gegen Shigella – insbesondere Händehygiene und sichere Lebensmittel – würden die sexuelle Übertragung nicht ausreichend berücksichtigen. Professorin Kate Baker vom Institut für Genetik der Universität Cambridge sagte: „Viele Männer, die Sex mit Männern haben, sind sich des ernsten und zunehmenden Risikos durch sexuell übertragene Shigella-Infektionen nicht bewusst.“

Sie ergänzte: „Sexuelle Infektion ist inzwischen ein dauerhafter Bestandteil der Shigella-Übertragung in Großbritannien. Es ist entscheidend, dass diese Botschaft die am stärksten betroffenen Gemeinschaften erreicht, damit wir helfen können, die Ausbreitung zu verhindern.“ Sexuell übertragbare Shigellose müsse als eigenständige Herausforderung für die öffentliche Gesundheit betrachtet werden und brauche spezielle Strategien bei Überwachung, Prävention und Behandlung.

Frühere Untersuchungen zeigen laut den Forschern, dass bis zu ein Drittel der Patienten mit sexuell übertragener Shigella-Infektion im Krankenhaus behandelt werden müssen – durchschnittlich vier bis fünf Tage. Bis zu zwei Drittel der MSM mit Shigella weisen zudem weitere sexuell übertragbare Infektionen auf, darunter HIV. Besonders in Städten wie London, Brighton und Manchester wurden sexuell übertragene Shigella-Varianten in Netzwerken von Menschen mit vielen Sexualkontakten nachgewiesen.

Übertragung durch kleinste Mengen

Sexuell übertragene Shigella-Infektionen entstehen meist durch direkten oder indirekten Kontakt zwischen Mund und After. Bereits kleinste Mengen von Stuhlresten mit Shigella-Bakterien können eine Übertragung auslösen. Das Bakterium ist hoch ansteckend: Während Salmonellen mehr als 1.000 Bakterien benötigen, reichen bei Shigella etwa zehn Bakterien für eine Infektion aus. Die Forscher gehen inzwischen davon aus, dass mehr als die Hälfte der Shigella-Infektionen in Großbritannien durch sexuelle Kontakte übertragen wird. Rund 30 Prozent stehen mit Reisen in Verbindung, weitere Fälle entstehen durch lokale Ausbrüche, vor allem unter kleinen Kindern.

Zunahme durch Oral-Anal-Verkehr und Chemsex 

Gemeinsam mit der UKHSA untersuchte das Cambridge-Team 3.514 Shigella-Fälle aus Großbritannien aus den Jahren 2004 bis 2020 bei Menschen über 16 Jahren. 34 Prozent der Fälle betrafen Männer, die Sex mit Männern haben. 36 Prozent standen nicht mit dieser Gruppe in Verbindung, weitere 30 Prozent wurden durch Reisen aus dem Ausland eingeschleppt. Die Zahl sexuell übertragener Infektionen stieg laut Studie besonders ab etwa 2010 deutlich an. Als mögliche Faktoren nennen Forscher unter anderem Online-Plattformen wie Grindr, eine Zunahme von Oral-Anal-Kontakten und Chemsex-Partys.

Marc Tweed vom Terrence Higgins Trust in Brighton sagte: „Studien haben Übertragung mit dichten sexuellen Netzwerken, mehreren Partnern, sexualisiertem Drogenkonsum, PrEP-Nutzung und gleichzeitig auftretenden sexuell übertragbaren Infektionen in Verbindung gebracht. Aber dies sind Zusammenhänge und kein Beweis dafür, dass ein einzelnes Verhalten allein den Anstieg verursacht.“ Wer eine Shigella-Infektion vermute, solle sich an eine Sexualgesundheitsstelle wenden und einen Termin vereinbaren.

Professorin Baker riet: „Einige Ratschläge sind offensichtlich, müssen aber nachdrücklich wiederholt werden. Wenn Sie sich krank fühlen oder sich gerade von einem schweren Durchfall erholen, sollten Sie bis zwei Wochen nach vollständiger Genesung keinen Sex haben,ihre Sexualgeschichte Ihrem Arzt mitteilen, wenn Sie medizinische Hilfe suchen, und nach einer vollständigen Untersuchung auf sexuell übertragbare Infektionen fragen.“

Erkrankung kaum noch behandelbar

Die Studie zeigt außerdem, dass antibiotikaresistente Shigella-Stämme um 71 Prozent schneller zunahmen als Varianten, die noch mit Medikamenten behandelt werden können. Bei nicht sexuell übertragenen Stämmen entwickelten 42 Prozent Antibiotikaresistenzen. Baker dazu weiter:  „Das ist nicht nur eine Form von sexuell übertragbarem Durchfall. Es entstehen mehrere sich überschneidende Varianten, die alle schnell gegen die Medikamente resistent werden, die wir zur Behandlung einsetzen.“ Es sei sehr wahrscheinlich, dass Menschen, die Shigella durch sexuelle Kontakte erworben hätten, eine andere Behandlung benötigten als Personen mit einer durch Reisen verursachten Infektion.

Baker ergänzte: „Unsere Daten zeigen, dass die Varianten von Shigella, die sich in sexuellen Netzwerken verbreiten, tatsächlich gegen Behandlungen resistent werden, die auch gegen andere sexuell übertragbare Infektionen wie Gonorrhö eingesetzt werden. Menschen sollten deshalb bedenken, dass sie mit Antibiotika ihren gesamten Körper behandeln. Diese Krankheit ist innerhalb des vergangenen Jahrzehnts von einer relativ gut mit Standardmedikamenten behandelbaren Infektion zu einer Erkrankung geworden, die fast nicht mehr behandelbar ist.“

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