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Sexualisierte Gewalt 90 Prozent der schwul-lesbischen Jugendlichen erlebten sexualisierte Gewalt

Von ms - 30.03.2026 - 13:00 Uhr
Sexualisierte Gewalt
Foto: iStock / Serghei Turcanu
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Viele Jugendliche und junge Erwachsene erleben sexualisierte Gewalt im Umgang mit Gleichaltrigen. Besonders bedenklich: Homosexuelle und bisexuelle junge Menschen sind deutlich häufiger betroffen. Das geht aus einer neuen Studie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG, ehemals BZgA) hervor. Befragt wurden fast 5.900 junge Menschen, mehr als die Hälfte im Alter von 14 bis 17 Jahren, die restliche Gruppe wies ein Alter von 18 bis 25 Jahren auf – jene Generation definiert sich zu 22 Prozent als LGBTIQ+. 

Zwei von drei kennen sexuelle Gewalt

Die Daten im Detail: Rund zwei Drittel (64%) der Befragten haben mindestens eine Form sexualisierter Gewalt ohne Körperkontakt erlebt, knapp ein Drittel (29%) berichtete zudem von mindestens einer Erfahrung mit sexualisierter Gewalt mit Körperkontakt. Zu dem Bereich ohne direkten Körperkontakt zählen Punkte wie das gezielte Anbahnen sexueller Kontakte mit Minderjährigen online (Cybergrooming), sexualisierte Beleidigungen oder das Zusenden sexueller Bilder oder Filme. Zu den Formen mit Körperkontakt zählen ungewollte sowie auch erzwungene körperliche Berührungen oder sexuelle Handlungen. Mädchen sind dabei doppelt so oft betroffen wie Jungen. 

„Die Daten zeigen außerdem, dass Jugendliche sexualisierte Gewalt häufig durch Gleichaltrige erfahren (sexualisierte Peer-Gewalt) − und dies nicht selten in Anwesenheit oder mit Kenntnis anderer Gleichaltriger“, so die Autoren der Studie weiter. Konkret sind die Täter zu 45 Prozent andere Jugendliche, zu 34 Prozent Erwachsene. 71 Prozent der Gewalttäter sind männlich. Die meisten Betroffenen (69%) vertrauen sich nach der ersten körperlichen Gewalterfahrung allerdings glücklicherweise mindestens einer anderen Person an. Hier spielen vor allem Freundinnen und Freunde eine wichtige Rolle (51%), doch auch die Eltern sind relevante Vertrauenspersonen (33%).

Nacktaufnahmen online 

Nacktaufnahmen und pornografische Bilder gehören für viele Jugendliche zur Lebensrealität, jeder Vierte (24%) hat hier bereits gegen seinen Willen solche intimen Aufnahmen bekommen beziehungsweise von ihm wurde verlangt, diese zu versenden. 38 Prozent der jungen Befragten haben schon einmal mitbekommen, dass andere Personen zu sexuellen Handlungen gedrängt oder gezwungen wurden. Etwa ein Drittel (31%) der ersten Gewalterfahrungen mit Körperkontakt geschah dann im Beisein beziehungsweise mit Kenntnis von Dritten.

Homosexuelle besonders betroffen

Die Studie offenbart auch, dass Schwule, Lesben und Bisexuelle von sexueller Gewalt stark überproportional und mehrfach betroffen sind. Jeder zweite männliche Jugendliche (49%) wurde schon einmal abwertend als schwul bezeichnet, bei den Mädchen wurde jede Vierte (27%) als Lesbe beschimpft. Dramatisch sind die Zahlen bei sexualisierter Gewalt ohne Körperkontakt: Homosexuelle und bisexuelle Jugendliche werden hier deutlich öfter zu Opfern, 90 Prozent von ihnen haben das bereits erlebt im Vergleich zu 61 Prozent unter den heterosexuellen Befragten. Dabei zeigt sich auch: Dem digitalen Raum als „Tatort“ kommt eine besondere Bedeutung bei, insbesondere bei homo- und bisexuellen Personen. „Hierbei geht es um zum Teil strafrechtlich hochrelevante Taten wie das nicht einvernehmliche Weiterleiten von oder das Erpressen mit intimen Fotos beziehungsweise Filmen. 

Kaum besser sind die Zahlen bei sexualisierter Gewalt mit Körperkontakt: Nebst Mädchen und jungen Frauen (40%) sind vor allem auch hier Schwule, Lesben und Bisexuelle überproportional stark betroffen, 57 Prozent von ihnen hat Übergriffe sexueller Art erlebt – unter heterosexuellen Gleichaltrigen sind es „nur“ 26 Prozent. Die Mehrheit der Betroffenen bei sexualisierter Gewalt mit Körperkontakt waren zum Tatzeitpunkt minderjährig (54%). Homo- und bisexuelle Befragte werden außerdem auch häufiger (54%) zu Zeugen (Bystander-Perspektive) von solchen sexuellen Übergriffen im Vergleich zu Heterosexuellen (36%). Zu den drei häufigsten Gründen, warum Jugendliche solche Vorfälle nicht melden, wird nebst der Scham die Einstellung genannt, selbst „nicht mehr daran denken“ zu wollen beziehungsweise es für den eigenen Selbstschutz kurzerhand als „nicht so schlimm“ abzutun.  

Fazit der Autoren

Der Bericht hält abschließend fest: „Insgesamt bestätigen die Ergebnisse der 10. Trendwelle der Jugendsexualitätsstudie in weiten Teilen nationale und internationale Untersuchungen. Demnach sind Jugendliche in verschiedenster Form mit sexualisierter Gewalt konfrontiert: Sie sind häufig betroffen, sie können aber auch selbst die übergriffige und gewaltausübende Person sein. Des Weiteren sind junge Menschen auch sogenannte Bystander, das heißt, sie sind in der Situation anwesend, mitwissend oder werden im Nachgang von anderen Gleichaltrigen ins Vertrauen gezogen.“ 

Das Jugendalter ist daher „eine Phase erhöhten Risikos für sexualisierte Gewalt unter Gleichaltrigen“. Maßnahmen zur Prävention von sexualisierter Gewalt sollten deswegen laut dem BIÖG sowohl die Perspektive der Betroffenen als auch derjenigen Jugendlichen aufgreifen, die bei Übergriffen dabei sind oder davon erfahren. Mechthild Paul, Abteilungsleiterin Sexualaufklärung, Verhütung, Familienplanung und stellvertretende Leiterin des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit: „Unsere Jugendsexualitätsstudie zeigt sehr klar: Viele junge Menschen erleben sexualisierte Gewalt unter Gleichaltrigen, online genauso wie offline. Deshalb ist es wichtig, dass sie lernen, Übergriffe zu erkennen und klar zu benennen. Gleichzeitig müssen wir sie darin bestärken, in riskanten Situationen sich und andere zu schützen sowie Betroffenen zur Seite zu stehen. Dafür brauchen junge Menschen sexuelle Bildung in Schule und Elternhaus sowie kompetente Ansprechpersonen in ihrem direkten Lebensumfeld.“

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