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RKI kritisiert WHO
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RKI kritisiert WHO Das Robert-Koch-Institut hält die aktuellen Ziele zum Ende von HIV für fern jeder Realität – auch in Deutschland

ms - 24.11.2023 - 11:00 Uhr

Das Robert-Koch-Institut übt scharfe Kritik an den Plänen zum Ende von HIV seitens der Weltgesundheitsorganisation WHO und erklärt diese im neusten Bericht zur aktuellen Lage, dem Epidemiologischen Bulletin von dieser Woche, für „völlig unrealistisch“.

Das Ende von HIV? „Völlig unrealistisch“ laut RKI

Auch in diesem Jahr hat die WHO erneut an ihren ambitionierten Zielen für HIV/AIDS festgehalten – bis 2030 soll AIDS weltweit als Gesundheitsproblem beendet sein. Das sei, so das RKI, in der gegenwärtigen globalen Situation „schwer vorstellbar“. Und weiter: „Eine HIV-Elimination aus der menschlichen Population ist völlig unrealistisch, solange kein hochwirksamer Impfstoff zur Verfügung steht – und ein solcher ist nicht in Sicht.“

Ein Ende nur durch Therapien? In der Praxis „unmöglich“

Grundsätzlich steht eine hochwirksame Therapie zur Verfügung, die die Infektiosität aufheben könnte und damit theoretisch die HIV-Epidemie tatsächlich beenden könnte, insofern alle Infektionen innerhalb kürzester Zeit entdeckt und behandelt werden würden. „In der Praxis ist das unmöglich, zumal oft stigmatisierte, kriminalisierte und marginalisierte Gruppen besonders von HIV betroffen sind, die durch Test- und Behandlungsangebote unzureichend erreicht werden oder für die es solche Angebote schlichtweg nicht gibt“, so das RKI weiter.

Unzureichende Testangebote auch in Deutschland

Dieses Problem existiere dabei nicht nur in Ländern mit generell schlechter medizinischer Versorgung, sondern auch in Deutschland – das RKI betont dabei insbesondere Menschen mit einem irregulärem Aufenthaltsstatus und ohne Krankenversicherungsschutz. Außerdem werden in Deutschland auch mehrere Menschengruppen bis heute nicht ausreichend mit Testangeboten erreicht, darunter zählen laut RKI schwule und bisexuelle Männer außerhalb der Großstädte, generell heterosexuelle Menschen mit einem Infektionsrisiko und intravenös Drogen konsumierende Personen, die selten Kontakt mit dem Medizinsystem haben.

Wenig Wissen über Heterosexuelle und HIV

Dazu kommt, dass gerade über den risikobehafteten heterosexuellen Personenkreis viel zu wenig bekannt ist und es gäbe hier noch viele offene Fragen, beispielsweise, wie diese überhaupt gezielt angesprochen werden könnten. Exemplarisch nennt das RKI hier Menschen aus Ländern mit hohen HIV-Fallzahlen, beispielsweise Personen aus der Ukraine, die in Deutschland leben. Eine Ansprache dieser Communitys wäre zwar sinnvoll, aber erneut außerhalb der großen Städte kaum umsetzbar, so das RKI.

WHO Zielvorgaben in weiter Ferne

Die WHO hat für 2025 als Zwischenziel die sogenannte 95–95–95–Formel ausgerufen: 95 Prozent der HIV-Infizierten wissen von ihrem Status, 95 Prozent der Diagnostizierten erhalten eine Therapie und 95 Prozent der Therapierten weisen eine Viruslast unter der Nachweisgrenze auf. Ein weiteres von der WHO definiertes Ziel ist die Reduktion der Zahl der HIV-Neuinfektionen um 90 Prozent vom Ausgangswert im Jahr 2010 bis zum Jahr 2030. In Deutschland gab es geschätzt rund 2.700 Neuinfektionen im Jahr 2010, das Ziel wäre also, unter 300 Neuinfektionen im Jahr 2030 zu kommen.

Auch diese Zielsetzung ist laut RKI in weiter Ferne, auch in Deutschland: „Trotz eines deutlichen Rückgangs auf derzeit unter 2.000 geschätzte HIV-Neuinfektionen erscheint das wenig realistisch. Der Rückgang erfolgte bislang praktisch ausschließlich bei MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) und selbst wenn sich der Rückgang in dieser Gruppe so fortsetzen würde, was im Moment nicht der Fall ist, wären auch Fortschritte bei der Verhütung heterosexueller und drogenkonsumassoziierter Übertragungen notwendig. In beiden Gruppen gibt es dafür keine Anzeichen. Im Gegenteil, die Zahl der Neuinfektionen tendiert eher nach oben. Allein schon die derzeitige Zahl der Neuinfektionen in diesen beiden Gruppen beläuft sich auf mehr als das Doppelte der für 2030 angepeilten Gesamtzahl. Ohne neue Ideen und Ansätze und ohne Einbindung und Mobilisierung der betroffenen Communitys kann das nicht gelingen.“

Langfristige Entwicklung bei der PrEP

Ebenso gibt es auch bei der PrEP noch offene Aspekte, die bei einem Erfolg mit Blick auf fallende HIV-Neuinfektionen in der Zukunft erneut zu Problemen führen könnten: „Eine völlig offene Frage bei einer hauptsächlich auf PrEP beruhenden Prävention ist, wie sich die Bereitschaft zu einer dauerhaften prophylaktischen Medikamenteneinnahme entwickeln wird, wenn die Zahl der HIV-Neuinfektionen tatsächlich auf ein sehr niedriges Niveau von beispielsweise 300 Infektionen pro Jahr in Deutschland abgesenkt werden könnte.“

Ein Ende von homophoben Gesetzen weltweit?

Auch ein weiteres WHO-Ziel sieht das deutsche Fachinstitut sehr skeptisch, dabei geht es um die Plan, dass nur noch weniger als 10 Prozent der Länder weltweit Gesetze haben, die hauptsächlich von HIV-betroffene Gruppen – also oftmals schwule Männer – weiter kriminalisieren und/oder im Gesundheitswesen diskriminieren. „Von diesen Zielen sind wir weltweit nach wie vor weit entfernt. Auch wenn das Ausmaß der Stigmatisierung in Deutschland im weltweiten Vergleich relativ gering ist, stellt die Stigmatisierung von Menschen mit HIV in Gesundheitseinrichtungen auch in Deutschland weiterhin ein Problem dar.“

1.900 Neu-Infektionen im Jahr 2022 in Deutschland

Nach den vorläufigen Ergebnissen infizierten sich so im Jahr 2022 rund 1.900 Menschen in Deutschland neu mit HIV, das Jahr zuvor waren es 100 Personen weniger. Dabei stagnieren die Fallzahlen bei schwulen und bisexuellen Männer (MSM) seit drei Jahren und steigen indes bei heterosexuellen Personen sogar weiter an. 1.000 Fälle der HIV-Neuinfektionen betreffen Schwule und bisexuelle Männer (53 %), daneben infizierten sich auch 520 heterosexuelle Personen (27 %) mit dem Virus. In 370 Fällen (19 %) erfolgte die Übertragung durch intravenösen Drogengebrauch.  

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