Direkt zum Inhalt

Rebellion in Oxford 117 Wissenschaftler fordern die Stärkung der Meinungsfreiheit

Von ms - 11.06.2026 - 13:30 Uhr
Rebellion in Oxford
Foto: iStock / Guven Ozdemir
ANZEIGE
Loading audio player...

Die Auseinandersetzung um Meinungsfreiheit und Protestkultur an der Universität Oxford verschärft sich. Insgesamt 117 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben die Hochschulleitung jetzt dazu aufgefordert, eine abgesagte Vorlesungsreihe des Juristen Michael Foran wieder anzusetzen. In einem offenen Brief werfen sie den zuständigen Universitätsvertretern vor, Proteste innerhalb der Veranstaltungen ermöglicht und deren störungsfreie Durchführung nicht ausreichend geschützt zu haben.

Das Wichtigste im Überblick

  • 117 Wissenschaftler fordern die Universität Oxford zur Wiederaufnahme einer abgesagten Vorlesungsreihe auf.
  • Die Veranstaltungen des Juristen Michael Foran wurden nach Protesten und Störungen beendet.
  • Die Unterzeichner werfen den Universitätsverantwortlichen vor, nicht ausreichend gegen die Störungen eingeschritten zu sein.
  • Kritisiert wird die Entstehung eines sogenannten „Heckler’s Veto“, bei dem Proteste die Durchführung einer Veranstaltung verhindern.
  • Oxford betont die Bedeutung von Meinungsfreiheit und akademischer Freiheit.
  • Die Universität prüft Möglichkeiten, die verbliebenen Vorlesungen dennoch stattfinden zu lassen.

Proteste verhinderten Vortragsreihe

Foran, außerordentlicher Professor für Rechtswissenschaften an der Universität Oxford, hatte eine vierteilige Vorlesungsreihe geplant. Grundlage der Veranstaltungen waren Themen seines neuen Buches „Sex, Gender Identity and the Law“. Inhaltlich sollten unter anderem die Auswirkungen von Fragen zu Geschlecht und Geschlechtsidentität auf das Rechtssystem beleuchtet werden. Geplant waren Diskussionen über geschlechtergetrennte Räume, Meinungsfreiheit, Datenschutz, Sport sowie sexuelle Beziehungen.

In ihrem Schreiben äußern die Unterzeichner deutliche Kritik am Vorgehen der sogenannten Proctors, die an der Universität unter anderem für die Aufrechterhaltung der Ordnung zuständig sind. „Es scheint, dass die Proctors der Universität Proteste innerhalb des Hörsaals genehmigt und ermöglicht haben und nichts unternahmen, um Störer zu entfernen.“ Weiter heißt es in dem Brief: „Die Proctors haben die Ausübung eines Heckler’s Veto ermöglicht.“ Mit dem Begriff wird eine Situation beschrieben, in der eine Veranstaltung durch Proteste oder gezielte Störungen faktisch verhindert wird.

Foran sagt weitere Vorträge ab

Nachdem die ersten beiden Veranstaltungen von Protesten begleitet worden waren, entschied sich Foran, die verbleibenden Vorträge nicht mehr durchzuführen. Dies bestätigte er selbst in den sozialen Medien. „Studenten sollten bei der Teilnahme an akademischen Veranstaltungen weder Mobbing noch Belästigung ausgesetzt sein“, schrieb er auf der Plattform X. Im Internet veröffentlichte Aufnahmen sollen zeigen, wie Personen die Vorlesungen im Mai und Juni unterbrochen haben. Nach Angaben der Wissenschaftler wird in einer der Aufzeichnungen ein Demonstrant mit den Worten zitiert: „Er verbirgt seine Transfeindlichkeit hinter einem dünnen Schleier akademischer Arbeit.“ Der betreffende Demonstrant erklärte zudem: „Wenn Sie hier sind, um seine Ideen kritisch zu hinterfragen, dann ist das nicht dasselbe, wie ihm keine Plattform zu bieten. Er wird durch Ihre Argumente nicht überzeugt werden. Bitte schließen Sie sich mir an, den Saal zu verlassen und diesem Fanatiker keine Plattform zu geben.“

Warnung vor Folgen für die Debattenkultur

Nach Auffassung der Unterzeichner haben die Verantwortlichen der Universität grundlegende Aufgaben nicht erfüllt. In dem Schreiben wird kritisiert, dass für Foran und die Studenten, die an den Vorträgen teilnehmen wollten, „eine feindselige und erniedrigende Umgebung“ entstanden sei. Darüber hinaus warnen die Wissenschaftler vor langfristigen Konsequenzen für den akademischen Austausch an der Hochschule. Die Ereignisse würden „zu einem abschreckenden Effekt beitragen“, der die Diskussion über Themen rund um Geschlecht und Geschlechtsidentität an der Universität einschränken könne. Zu den Unterstützern des Briefes zählt auch der Evolutionsbiologe und Autor Richard Dawkins.

Universität verweist auf Meinungsfreiheit 

Die Universität Oxford wies darauf hin, dass sowohl die Meinungsfreiheit als auch die akademische Freiheit zu den grundlegenden Prinzipien der Hochschule gehörten. Zugleich unterstütze man das Recht auf rechtmäßigen Protest sowie auf zivilen Widerspruch. Eine Sprecherin der Universität bekräftigte zudem die Bereitschaft, gemeinsam mit Foran nach Wegen zu suchen, damit die noch ausstehenden Vorlesungen möglicherweise doch stattfinden können.

Die Verfasser des offenen Briefes verlangen von der Universität konkrete Maßnahmen, um die Durchführung der Vorträge sicherzustellen. Darüber hinaus fordern sie, dass die Proctors „eine Schulung erhalten, um sicherzustellen, dass sie ihre Pflichten verstehen“, wenn Proteste akademische Veranstaltungen beeinträchtigen.

Wiederkehrende Debatte an Oxford

Die aktuelle Kontroverse reiht sich in eine Reihe ähnlicher Debatten an der traditionsreichen Universität ein. Bereits in den vergangenen Jahren war Oxford mehrfach Schauplatz von Auseinandersetzungen über Meinungsfreiheit und den Umgang mit kontroversen Positionen. Besondere Aufmerksamkeit hatten dabei Diskussionen um Vorträge der Philosophin Kathleen Stock erhalten. Auch ihre Ansichten zu Fragen von Geschlecht und Geschlechtsidentität hatten Proteste und kontroverse Debatten ausgelöst. Mit dem Streit um die Vorlesungsreihe von Michael Foran dürfte die Diskussion über akademische Freiheit, Protestrechte und den Umgang mit kontroversen Themen an der Universität Oxford erneut an Schärfe gewinnen.

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

FalterLiteraturnobelpreisträgerin Anne Carson: Aus der Zeit gefallen, hoch aktuelltazKurswechsel in Ungarn: Anti-LGBTIQ+-Gesetze gekipptDER STANDARDOrbán-Lager serviert beim Thema LGBT alten Wein aus alten SchläuchenSüddeutsche ZeitungReform: Ungarn ändert umstrittenes Anti-LGBTQ-GesetzAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Sollte die geplante automatische Weitergabe sensibler Daten in Baden-Württemberg verhindert werden?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Andrew Scott im Aids-Drama

Erster Trailer zum Oscar-Kandidaten

Andrew Scott spielt in „Elsinore“ den Schauspieler Ian Charleson, der trotz seiner HIV-Erkrankung als Hamlet gefeiert wurde und 1990 an Aids starb.
Jugendhaft für Grindr-Räuber

Schwule Männer brutal überfallen

Ein 18-Jähriger muss nach brutalen Überfällen auf schwule Grindr-Nutzer in Berlin jetzt sechs Jahre in Jugendhaft.
Queere Schüler besser schützen

Prien fordert Schutz vor Missbrauch

Sexualisierte Gewalt bedroht insbesondere auch queere Schüler. Bundesministerin Karin Prien fordert nun verbindliche Schutzkonzepte an allen Schulen.
Ungarn kippt LGBTIQ+-Verbote

Aus für Anti-Homosexuellen-Gesetz

Ungarns Parlament hebt zentrale LGBTIQ+-Beschränkungen aus der Ära Orban auf. Die Entscheidung folgt auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs.
Schwule Liebe in Avatar-Welt

Schwules Paar begeistert Fans

„Avatar: Seven Havens“ zeigt mit Jae und Datu ein schwules Paar. Die Fans feiern die Liebesszene, während Paramount+ zwei weitere Staffeln bestätigt.
Festnahmen in Indien

Neun Verdächtige nach Mord

Nach dem Mord an dem schwulen Influencer Mad Sandhu in Indien wurden neun Männer festgenommen. Die Polizei vermutet Homophobie und Bandenkriminalität.
Missbrauchsverdacht in Italien

Hausarrest für prominenten Priester

Ein italienischer Priester steht wegen mutmaßlicher sexueller Gewalt gegen einen 20-Jährigen unter Hausarrest. Die Kirche war offenbar vorgewarnt.
Brutaler Angriff in Frankreich

Homophobe Gewalt erschüttert Paris

Nach dem Pariser Pride wurde ein LGBTIQ+-Aktivist brutal zusammengeschlagen. Menschenrechtsorganisationen fordern besseren Schutz vor Hassgewalt.
Kritik von Human Rights Watch

Olympische Jugendspiele im Senegal

Vor den Olympischen Jugendspielen gerät Senegal wegen der Verfolgung queerer Menschen unter Druck. Menschenrechtler fordern ein Ende der Repressionen.