Radikalisierung von Kindern Gewaltfantasien auf der Suche nach Zugehörigkeit
Die deutschen Sicherheitsbehörden beobachten eine wachsende rechtsextremistische Szene, die vor allem aus gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen besteht, die sich im Internet immer besser organisieren. Hass auf LGBTIQ+ sowie auf Frauen sind dabei zentrale Bestandteile.
Rasante Radikalisierung
Laut einer Analyse des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg sowie der Generalstaatsanwaltschaften Stuttgart und München sind es vor allem sehr junge Täter, die terroristische Anschläge verherrlichen oder zu Nachahmung aufrufen, auch mitunter auf Prides in Deutschland. Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) betonte, dass die Täter teilweise erst 12 oder 13 Jahre alt seien, das Durchschnittsalter liegt bei 16 Jahren, alle Betroffenen sind männlich. Er erklärte, dass es sich um eine ernste Bedrohung handele und sagte überdies: „Vom Kinderzimmer direkt zum Terroranschlag.“ Strobl wies darauf hin, dass Sicherheitsbehörden wie der Verfassungsschutz und die Polizei bereits konkrete Terrorpläne verhindern konnten. Die Radikalisierung in diesem Milieu geschehe oft unbemerkt und in rasanter Geschwindigkeit.
Die rechtsextreme Szene bilde sich vor allem auf dem Online-Dienst „Telegram“ und werde deshalb auch als „Terrorgram-Szene“ bezeichnet. In der Regel sind die Jugendlichen aus sozial desintegrierten Familienverhältnissen und zeigen in der Regel wenig Anbindung an die Gesellschaft. Die Analyse, die den Titel „Teenage Terrorists in Deutschland?“ trägt, umfasst mehr als dreißig Fälle aus verschiedenen Regionen Deutschlands und zeigt ein besorgniserregendes Bild dieser neuen Form der Radikalisierung.
Frühwarnsysteme funktionieren
Die gute Nachricht: Das Frühwarnsystem der Sicherheitsbehörden in Deutschland ist demnach sehr effektiv, die Mehrheit der Vorfälle (70%) wurde rechtzeitig ermittelt und gestoppt. „Obwohl es niemals eine hundertprozentige Sicherheit vor hoch radikalisierten Einzeltätern geben kann, zeigen sich die deutschen Sicherheitsbehörden als äußerst wirksam bei der Früherkennung und entsprechenden Abwehr von Gefahren, die aus dieser Szene heraus entstehen. In keinem der ausgewerteten Fälle konnten die Personen ihre ursprünglichen Anschlagspläne, wie etwa geplante Amokläufe an Schulen, Sprengstoffanschläge oder gezielte Ermordungen von bestimmten Opfern, in die Tat umsetzen“, so die Studienautoren.
In den meisten Fällen handelt es sich dabei um eine sogenannte schwere staatsgefährdende Gewalttat (35%), gefolgt von weit fortgeschrittenen (27%) oder deutlich erkennbaren (33%) Vorbereitungshandlungen für schwere Gewalttaten. Daneben registrierten die Behörden häufig auch die Ankündigung von Straftaten in den sozialen Medien.
Rasante Radikalisierung
Die Radikalisierung der Jugendlichen geschieht dabei inzwischen immer schneller, meist in weniger als einem Jahr. Bei den Tatverdächtigen konnten psychische Erkrankungen (68%), eine deutliche familiäre Vernachlässigung (37%) bis hin zu körperlichem Missbrauch (37%) sowie eine ausgeprägte soziale Desintegration (50%) dokumentiert werden. Antriebsmotive waren vor allem eine Faszination für Gewalt, die Suche nach Respekt und Anerkennung, ein fehlendes Gefühl von Zugehörigkeit oder auch Hass und Wut, beispielsweise auf Homosexuelle und queere Menschen. Drei Viertel der Jugendlichen befinden sich inzwischen in einem Ausstiegsprogramm, planen dieses oder haben eine solche Maßnahme bereits abgeschlossen. 32 Prozent von ihnen verweigert diesen Weg.