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Queere Stimmen im Iran Appell für Sichtbarkeit von Menschenrechtlerin Shadi Amin

Von ms - 18.06.2026 - 14:00 Uhr
Queere Stimmen im Iran
Foto: Shadi Amin privat / Bildbearbeitung FASH Medien
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Die iranische Menschenrechtsaktivistin Shadi Amin hat beim Roma Pride 2026 eindringlich auf die Situation von LGBTIQ+-Menschen im Iran aufmerksam gemacht. Bei einer Veranstaltung der Pride Croisette sprach die Gründerin der Organisation 6Rang über Verfolgung, Unsichtbarkeit und den Alltag queerer Menschen unter der Islamischen Republik.

Das Wichtigste im Überblick

  • Die iranische Aktivistin Shadi Amin sprach beim Roma Pride 2026 über die Lage von LGBTIQ+-Menschen im Iran.
  • Amin wirft der Islamischen Republik vor, queere Menschen systematisch unsichtbar zu machen und zu verfolgen.
  • Die Organisation 6Rang dokumentiert seit Jahren Gewalt, Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen gegen Homosexuelle und queere Menschen.
  • Homosexualität ist im Iran weiterhin strafbar, in bestimmten Fällen droht die Todesstrafe.
  • Amin fordert internationale Solidarität, mehr öffentliche Aufmerksamkeit und Unterstützung für Betroffene.

Besondere Verantwortung 

Amin, die heute im Exil lebt, koordiniert das Netzwerk 6Rang, das seit 2010 Gewalt und Diskriminierung gegen Schwule, Lesben, Bisexuelle und trans* Personen im Iran dokumentiert. Die Organisation bietet psychologische Unterstützung sowie rechtliche und medizinische Beratung an und veröffentlicht Berichte über Menschenrechtsverletzungen. Im Gespräch mit dem Aktivisten und Autor Carmelo Arena betonte Amin die Bedeutung öffentlicher Aufmerksamkeit für die Schicksale queerer Menschen im Iran. „Wie Sie wissen, ist es ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, jemanden dazu zu zwingen, unsichtbar zu sein, seine Identität zu verbergen, seine sexuelle Orientierung und seine Geschlechtsidentität zu verstecken. Und die LGBTIQ+-Gemeinschaft im Iran erlebt dieses Verbrechen jeden einzelnen Tag. Es ist wichtig, ihre Geschichten zu erzählen, solange sie es nicht selbst tun können. Und diese Geschichten sind wichtig. Es sind Geschichten von Menschenleben, die keinerlei Möglichkeit haben, ihre Wünsche, ihre Träume oder ihre Liebe zu verwirklichen. Und ich glaube, es ist unsere Verantwortung, ihre Stimme zu sein.“

Verstecken im Alltag 

Nach Angaben von Amin gehört das Verstecken der eigenen Identität für viele LGBTIQ+-Menschen im Iran zum Alltag. „Das größte Risiko entsteht, wenn Menschen herausfinden, dass du homosexuell bist und eine Beziehung führst. Deshalb sind die Betroffenen gezwungen, jede Beziehung zu verbergen und nicht über ihre sexuelle Orientierung zu sprechen. Das ist der Alltag der LGBTIQ+-Community im Iran. Es reicht nicht zu sagen, dass sie nicht offen leben können, dass sie nicht im Licht der Öffentlichkeit leben können, dass sie nicht leben können wie ihre Nachbarn oder alle anderen. Wir müssen verstehen, was es bedeutet, nicht mit der Person ausgehen zu können, die man liebt, nicht mit der Familie über diese Person sprechen zu können, sie vor den Angehörigen verstecken zu müssen und kein gemeinsames soziales Leben führen zu können. Leider glauben viele Menschen, dass man im Iran sicher sei, solange man sich nicht offen zeigt. Sie erkennen nicht, dass es unser Recht ist, unser Leben zu leben – als Menschen, als ganz normale Menschen.“ Amin widersprach damit der häufig geäußerten Annahme, homosexuelle Menschen könnten im Iran unbehelligt leben, solange sie ihre Identität geheim hielten. Das Leben im Verborgenen sei keine Sicherheit, sondern eine dauerhafte Form der Einschränkung und Entrechtung.

Internationale Unterstützung

Auf die Frage, wie Menschen außerhalb des Irans helfen könnten, verwies die Aktivistin auf konkrete Möglichkeiten der Unterstützung. „Es gibt viele Wege, eine Gemeinschaft zu unterstützen, so wie wir es tun. Wir finden Wege, eine Organisation mit Spenden zu unterstützen, ihre Erklärungen zu verbreiten, über sie zu sprechen, ihre Anliegen in unsere Diskussionen einzubringen, an Debatten über ihre Zukunft teilzunehmen und etwas Konkretes zu tun, indem wir mit ihnen auf die Straße gehen. Und genau das bitte ich alle: über diese Themen zu sprechen und darüber zu schreiben. Es ist sehr wichtig, das Gefühl zu haben, dass uns zugehört wird. Für uns bedeutet das sehr viel.“

Die Teilnahme am Roma Pride habe ihr zudem gezeigt, welche Bedeutung sichtbare Erfolge der LGBTIQ+-Bewegung für Aktivistinnen und Aktivisten in repressiven Staaten haben können. „Nach so viel Arbeit, die wir immer von zu Hause aus leisten, ist das für mich eine Veränderung, eine große Veränderung. Der Grund, warum ich die Einladung angenommen habe, ist, hier zu sein, diese Erfahrung zu machen und in mir selbst eine Vorstellung davon aufzubauen, wie die Zukunft aussehen soll, die wir uns für den Iran wünschen. Wenn wir hierherkommen und Menschen sehen, die ihre erreichten Rechte genießen, fühlen wir uns stärker und glauben mehr daran, dass auch wir eines Tages dasselbe erreichen können. Denn wie wir alle wissen, gab es die Rechte, die es heute in Italien gibt, nicht schon immer. Die Menschen haben dafür gekämpft. Und genau das tun wir jetzt im Iran.“

Lage verschlimmert sich weiter 

Die Aussagen Amins stehen vor dem Hintergrund einer weiterhin äußerst schwierigen Lage für LGBTIQ+-Menschen im Iran. Homosexualität ist dort nach wie vor strafbar. Das islamische Strafgesetzbuch sieht für gleichgeschlechtliche Beziehungen und nicht konforme Geschlechtsausdrücke Strafen vor, die von Auspeitschungen bis hin zur Todesstrafe reichen können. Festnahmen und Hinrichtungen insbesondere von schwulen Männern haben zuletzt stark zugenommen, immer wieder ist auch die Rede von Ehrenmorden. Nach Angaben von 6Rang wurde beispielsweise der Aktivist Ali Fazeli Monfared von Angehörigen im Rahmen eines sogenannten Ehrenmordes getötet und enthauptet. Die Organisation dokumentiert zudem regelmäßig Berichte über Polizeigewalt, Diskriminierung und staatliche Repression. 

Einige wenige gelingt die Flucht ins Ausland, die anschließend über ihre Erlebnisse berichten. Amin betont dazu: „Wir erleben eine vom Staat orchestrierte Kampagne zur Auslöschung von LGBTIQ+-Leben – nicht nur im Iran, sondern auch über seine Grenzen hinaus. Die iranische Gesellschaft muss aufhören wegzuschauen. Aber auch die internationale Gemeinschaft trägt Verantwortung. Diese Menschenleben sind in Gefahr, und Schweigen kommt Mittäterschaft gleich.“ Zum Abschluss ihres Auftritts richtete Amin einen einfachen Appell an die internationale Öffentlichkeit: Die Geschichten queerer Menschen im Iran dürften nicht im Schatten von Krieg und geopolitischen Konflikten verschwinden. Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit seien entscheidende Voraussetzungen für Solidarität und Veränderung.

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